Mit Einschränkungen wird es kritisch

Sottrums Volksbank-Vorstand Matthias Dittrich über die drohende Wirtschaftskrise

„Wir lassen keinen Kunden im Regen stehen, aber die kaufmännische Vorsicht ist nicht außer Kraft gesetzt“, sagt Volksbank-Chef Matthias Dittrich.
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„Wir lassen keinen Kunden im Regen stehen, aber die kaufmännische Vorsicht ist nicht außer Kraft gesetzt“, sagt Volksbank-Chef Matthias Dittrich.
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Sottrum – Eine große Unbekannte in der Covid-19-Pandemie ist die Wirtschaft. Kaum einer stellt infrage, dass sie trotz der jüngsten Lockerungen mittelfristig stark zu leiden haben. Auch Matthias Dittrich, Vorstand der Volksbank Wümme-Wieste, sieht dieses Problem kommen. Im Interview erklärt er, wie seine Bank damit umgeht und wie sie und ihre Kunden durch diese unsicheren Zeiten kommen.

Herr Dittrich, alle Welt spricht von einer anstehenden Wirtschaftskrise. Ist das Schwarzmalerei oder Realismus?

Aus meiner Sicht ist das Realismus. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir einen Konjunktureinbruch sehen werden. Die Situation ist im Moment schwierig, man kann schlecht einschätzen, wie die Hilfsmaßnahmen der Regierung die Pandemie und ihre Folgen abdämpften werden. Aber wir gehen davon aus, dass es langfristig Auswirkungen auf Wirtschaft und Beschäftigung gibt.

Was erwarten Sie?

Wir erwarten, dass es in nahezu jeder Branche Auswirkungen gibt. Es hängt aber davon ab, wie lange die Einschränkungen aus der Pandemie gelten. In dem Szenario, das wir vor Augen haben, ist zum Ende des Jahres ein Großteil der Einschränkungen hoffentlich aufgehoben. Im Jahr 2021 könnten wir dann eine positive Entwicklung des Wirtschaftswachstums sehen. Sollten die Einschränkungen länger anhalten, wird das Szenario deutlich drastischer und kritischer für die Betriebe.

Wie „plant“ man eine Krise?

Gar nicht, das kann man nicht. Man kann jetzt nachrechnen, welche Auswirkungen bestimmte Parameter haben, und versuchen, sich darauf vorzubereiten. Man kann im Prinzip nur von Woche zu Woche oder von Monat zu Monat schauen, wie es sich entwickelt. Dann muss man aus einem Basisszenario seine Maßnahmen einstellen und sich flexibel den Gegebenheiten anpassen.

Wie sie so ein Basisszenario aus?

Wir gehen – wie gesagt – davon aus, dass wir bis zum Ende des Jahres das Szenario Corona haben werden und danach einen leichten Anstieg der wirtschaftlichen Entwicklung sehen. Dennoch gehen wir weiter von einem Anstieg der Arbeitslosigkeit aus – bundesweit und auch in der Region. Es wird zum Teil zu erheblichen Gewinneinbrüchen bei den Unternehmen kommen, und das wiederum führt dazu, dass wir uns mit Kreditrisiken beschäftigen müssen. Wir werden also, wie jetzt schon, vermutlich eine erhöhte Kreditnachfrage für liquiditätssichernde Maßnahmen erleben. Für danach vermuten wir eine reduzierte Nachfrage nach Krediten – sowohl im Privatkunden- als auch Firmenumfeld –, weil eben die wirtschaftliche Entwicklung verhaltener ist und die Konsumfreude nachgelassen hat.

Sie selbst haben quasi mit der Pleite der Bank Lehman Brothers und der darauf folgenden Finanzkrise als Vorstand der Volksbank Wümme-Wieste angefangen. Damals ging es alles ganz plötzlich, nun sieht man die Krise langsam anrollen. Ein Vorteil?

Langsam anrollen haben wir sie ehrlicherweise nicht gesehen. Sie ist ziemlich ad hoc auf uns eingestürzt, durch den Lockdown von einem Tag auf den anderen. Ob das jetzt ein Vorteil ist? Wir haben sicherlich die Erfahrung aus der damaligen Krise, die wir jetzt auch nutzen. Entscheidend ist erst mal Ruhe und Besonnenheit zu waren und als Bank im Gespräch mit den Kunden zu bleiben. Wir als Genossenschaftsbank profitieren davon, in unserer Genetik die Themen Nachhaltigkeit, Nachbarschaft und Regionalität schon implementiert zu haben. Wir kennen die Kunden, haben eine langjährige Geschäftsbeziehung und haben den Menschen hinter dem Unternehmen im Blick. Wir wissen, wie umsichtig er in Krisensituationen bisher reagiert hat, und haben jetzt die Möglichkeit, ihn in dieser Phase besser zu begleiten. Letztendlich können auch die Unternehmer die Zukunft nur schwer planen.

Ist die aktuelle Krise mit 2008 vergleichbar?

Nein, weil 2008 der Bankensektor Auslöser der Krise war. Jetzt hat der Bankensektor gerade in dieser Situation bewiesen, wie gut er funktioniert. Insbesondere regionale Banken – das gilt für die Sparkassen hier vor Ort genauso – haben eine ganz zentrale Aufgabe in der Krise: Sie stehen dem Unternehmer Tag und Nacht zur Verfügung, nehmen Ängste, beraten und bewerkstelligen diese unsichere Situation mit ihm gemeinsam. Damals hatten die Unternehmen die Sorge, dass sie keine Kredite mehr bekommen, weil es des Banken schlecht ging. Jetzt sind die Banken stabil und haben damit die Möglichkeit, wesentlich krisenresistenter zu helfen. Das hätten sie 2008 in Deutschland nicht so gut geschafft.

Wie hat die Covid-19-Pandemie die Volksbank Wümme-Wieste bisher wirtschaftlich getroffen? Vor einigen Monaten berichteten Sie zum Beispiel von einem boomenden Kreditgeschäft 2019. Zahlen Ihre Kunden diese Kredite noch ab?

Grundsätzlich muss man erstmal sagen, dass die Bundesregierung wirklich gute Hilfsmaßnahmen aufgesetzt hat. Die Hilfsprogramme waren anfänglich ein bisschen unübersichtlich, aber sie funktionieren. Wir als Bank haben in der Kreditvergabe erstmal ganz pragmatisch reagiert und versucht, diese Hilfsprogramme schnell umzusetzen und bei den Unternehmen die Liquidität sicherzustellen. Die Kreditvergabe betrachten wird aber jetzt noch risikoorientierter. Wir lassen keinen Kunden im Regen stehen, aber die kaufmännische Vorsicht ist nicht außer Kraft gesetzt. Es wurden schnell Tilgungsaussetzungen und Moratorien umgesetzt, im Privat- wie auch im Firmenkundenbereich – ganz schlank und ohne Gebühren. Da haben wir nicht großartig hinterfragt, noch bevor der Gesetzgeber etwas initiiert hat. Jetzt muss man sehen, wie sich die Situation weiter entwickelt. Es gibt 300 bis 400 Kunden, bei denen wir sofort reagiert haben.

Bedeutet eine andere Risikobetrachtung höhere Zinsen?

Eine Risikobetrachtung bedeutet nicht höhere Zinsen, sondern das, was man vorher schon gemacht hat: eine kaufmännische Betrachtung. Es ist nicht automatisch so, dass ein Geschäftsmodell, das vor der Krise funktionierte, auch eins zu eins nach der Krise funktionieren wird. Das heißt, man muss mit Weitsicht schauen, wie sich das Geschäftsmodell verändert und welche Auswirkungen das auf die Ertragslage des Kreditnehmers hat. Denn jeder Kredit muss irgendwie zurückgezahlt werden. Die Zinsen orientieren sich an der Gesamtmarktsituation. Wir haben eine Nullzinspolitik, und Geld ist billig zu erhalten. Wir gehen derzeit nicht von einem nachhaltigen Zinsanstieg aus, eher ist es eine Maßnahme, durch moderate Zinsen auch Kapitaldienstfähigkeit sicherzustellen. Es hilft ja nicht, uns kurzfristig zu bereichern, und am Ende ist der Kunde insolvent.

An den Börsen sind die Kurse zwischenzeitlich eingebrochen. Inwieweit war Ihre Bank davon betroffen?

Die Eigenanlagen der Bank waren temporär auch davon betroffen, mittlerweile haben wir das aber wieder aufgeholt.

Und die Kunden?

Die Kunden haben anders reagiert als in der Finanzkrise. Sie haben nicht übertrieben verkauft, sondern die Bestände gehalten und die buchhalterischen Kursverluste ausgehalten, um jetzt wieder davon zu profitieren. Wir haben auch eine Menge Kunden, die in der Phase investiert haben.

Wie hoch ist das Risiko, dass Ihre Bank derzeit mit dem Anlagengeschäft eingeht?

Nicht höher als vorher. Entscheidend ist die Auswahl der Unternehmen, in die man investiert. Da wir nicht auf Spekulation, sondern auf langfristige Investition aus sind, haben wir im Moment keine Bedenken, dass sie nicht eins zu eins wieder zurückgezahlt werden.

Verhalten sich Ihre Kunden jetzt anders? Welche Bedürfnisse haben sie jetzt?

Das gesamte Tagesbankgeschäft hat sich deutlich verändert. Die Digitalisierung hat jetzt einen riesigen Schritt nach vorne gemacht. Während man teilweise doch große Probleme hatte, Kunden Onlinebanking und bargeldloses Bezahlen näherzubringen, ist das für viele jetzt eine Selbstverständlichkeit geworden. Daher hat sich das Servicegeschäft deutlich verändert. Darauf haben wir schon im Vorfeld mit unserer Direktfiliale reagiert. Die war schon vorher geplant, ist im Mai ans Netz gegangen und war bisher eine große Unterstützung bei Onlinethemen oder bei Bankgeschäften aus der Ferne. Dort sind wir in der Lage, immerhin 120 Serviceleistungen zu erbringen, das ist für einen großen Teil der Menschen schon eine Hilfe, denn sie müssen eben nicht in die Bank gehen. Denn da waren oder sind noch Ängste da, wenn man in die Öffentlichkeit geht.

Und darüber hinaus?

In der Hochzeit der Pandemie ist keiner bereit, über Altersvorsorge nachzudenken, da gibt es jetzt andere Themen. Man kauft auch keine Immobilien, weil der Arbeitsplatz nicht sicher erscheint. Das hat Auswirkungen auf die Erträge, das ist klar, aber es normalisiert sich wieder. Wir stellen fest, dass der Beratungsbedarf noch vorhanden ist. Das war anfangs eine Sorge, aber die Kalender der Berater sind gut gefüllt. Das heißt nicht, dass man automatisch ein Geschäft abschließt, das ist auch nicht das Ziel. Aber man bleibt im Gespräch und hört zu, wo die Probleme und Sorgen liegen.

Wie kamen Ihre Mitarbeiter mit der Situation zurecht?

Unsere Mitarbeiter sind in dieser Phase nicht nur Verkäufer, sondern auch Psychologen. Für sie ist das auch eine große Herausforderung gewesen: Ängste im privaten Umfeld, Kinderbetreuung organisieren, in der Bank funktionieren – das war schon eine hohe Belastung für den Einzelnen. Das hat die Mannschaft aber toll gestemmt.

Sie sagten, das Kundenverhalten wird immer digitaler. Ist das eine Gelegenheit, die Filialen auf den Prüfstand zu heben und gegebenenfalls zu schließen?

Wir halten es ja schon länger so, dass die Kunden mit ihren Füßen entscheiden, ob ein Standort noch wirtschaftlich ist. Für uns diese Krise kein Anlass, Standorte zu hinterfragen. Wir haben eine von vornherein aufgelegte Strategie. Bundesweit gibt es Banken, die nach den Schließungen nicht mehr aufmachen und großräumig kleinere Standorte geschlossen halten. Das steht bei uns nicht im Fokus. Wir haben zum 31. Mai zwei SB-Standorte planmäßig geschlossen. Daher stellt sich bei uns diese Frage nicht, weil sie bereits vor der Krise erörtert wurde. Ich will aber nicht verhehlen, dass die Krise das Thema beschleunigen kann. Jeder muss schauen, wie Ertragsdruck und Kostendruck sind. Wenn der Ertragsdruck zu groß ist, muss man auf der Kostenseite reagieren.

Sie sind Kritiker der Regulatorik, die nach der Finanzkrise eingeführt worden ist. Sind Sie jetzt nicht froh, dass es diese Auflagen gibt?

Nein, denn sie hilft uns in der Krise nicht wirklich. Wer schon vorher mit Weitsicht gewirtschaftet hat, braucht keine Regulatorik. Sie ist ja letztendlich etwas, das bedeutsam die großen Banken betroffen hat, weil die vielleicht das eine oder andere im Geschäftsmodell ja doch nicht richtig gemacht haben. Das gilt aber für die Sparkassen und die Genossenschaftsbanken in der Breite nicht. Die Bankenaufsicht hat aber ebenfalls jetzt gute Arbeit gemacht und sehr schnell Auflagen entschärft. Wir müssen für bestimmte Sachen jetzt weniger Eigenkapital vorhalten oder können Meldungen vereinfacht oder verspätet abgebe. Wir werden sehen, wie die Regulatorik sich danach entwickelt, ob man das wieder auf das Maß vor der Krise zurückschraubt oder ob man moderater mit bestimmten Dingen umgeht.

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