Zimmergesellin Mareike Bühler ist von ihrer Wanderschaft zurück

Mit dem Wanderbuch im Gepäck

Wanderbuch mit Stationen, die die Wandergesellen auf ihrer Reise durchlaufen.
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Im Wanderbuch, einem unersetzlichen Dokument, werden alle Stationen festgehalten, die die Wandergesellen auf ihrer Reise durchlaufen.

Clüversborstel – Zimmergesellin Mareike Bühler aus Clüversborstel lehnt sich im Gartenstuhl zurück, lacht und schaut hoch zum Himmel: „Was ich jetzt machen werde? Ich weiß es noch nicht genau. Ich gebe mir ein wenig Zeit, um anzukommen. Vielleicht erfüllt sich mein Traum vom Hausbau.” Die junge, temperamentvolle Frau, die sich als lebensfroher Mensch beschreibt, hilfsbereit, immer ein offenes Ohr für andere und bereit, Gelegenheiten beim Schopf zu packen, ist vor Kurzem nach über dreijähriger Walz in ihre Heimat zurückgekehrt.

Die Wanderschaft nach Abschluss der Lehrzeit und alten Regeln, die Bühler durch Deutschland und viele weitere europäische Länder führte, ist so etwas wie die Schule fürs Leben.

Die 32-Jährige lernte nach dem Abitur in Ottersberg und einem Freiwilligen Ökologischen Jahr am Steinhuder Meer als eine der wenigen Frauen beim Waffensener Traditionsbetrieb Cordes das Zimmerhandwerk. Die Wanderschaft habe sie schon damals fasziniert. Nur der Mumm habe gefehlt. Deshalb hat sie noch ein Jahr als Zimmerin in Bremen gearbeitet und an der Hochschule Bauingenieurwesen studiert.

Dann, im Oktober 2017, folgte der Aufbruch von Clüversborstel aus zur Wanderschaft: „Ich habe in diesen drei Jahren und acht Monaten jedes Bundesland besucht – von der dänischen Grenze bis zum Bodensee, von Krefeld bis zum Erzgebirge. Mein Weg führte mich auch in die Schweiz, nach Frankreich, Österreich, Polen, Dänemark, Schweden, Norwegen und zum Schluss nach Spanien, Portugal und auf die Insel Teneriffa.”

Mareike Bühler ist wieder in ihrer Heimat.

Ausschließlich per pedes und mit Wanderschuhen lassen sich die langen Strecken nicht bewältigen. Kompromisse sind den Wandergesellen erlaubt. Immer unter Berücksichtigung der Bannmeile, dem eigenen Wohnort nicht näher als 50 Kilometer zu kommen. Bühler entschied sich für Reisen per Anhalter. Fliegen, unter anderem aus Gründen des Umweltschutzes, kam für sie nicht infrage. „Unterwegs hat mich immer wieder begeistert und beeindruckt, dass ich überall hilfsbereite Menschen getroffen habe, die mir mit Offenheit und freundlicher Neugier begegnet sind, egal in welchem Land”, erinnert sich die 32-Jährige. Auf die Frage nach negativen Erlebnissen hat Bühler eine griffige Antwort: „Das Einzige, was auf dieser Welt fair verteilt ist, sind die Idioten. Und davon sollte man sich nicht abschrecken lassen.”

Traditionen und Symbole, Stolz auf die Leistungen der heute rund 40 Gewerke und die Pflege von Bewährtem als wichtige Ergänzung in einer modernen Industriewelt zeichnen das Handwerk aus. Deshalb stand für Bühler früh fest: Nach der Lehrzeit wollte sie auf Wanderschaft gehen, so wie die etwa 500 Handwerksgesellen und circa 70 Gesellinnen im deutschsprachigen Raum.

Sie erinnert sich noch gut an den Montag, als sie bei strömendem Regen von Familie, Freunden und Bekannten sowie zwölf Wandergesellen unterschiedlicher Berufe am Ortsausgangsschild verabschiedet wurde. Ihr Altgeselle Simon, ein Schmied aus Lindau am Bodensee, begleitete sie für die nächsten drei Monate. „Es ging nicht darum, dass er mir Fachliches weitergab, sondern Hinweise, wie ich mich bei der Walz richtig verhalte. Zum Beispiel, wenn ich unterwegs andere Wandergesellen treffe oder wie ich ohne große Probleme ein Quartier und einen Arbeitsplatz finde.”

Bühler war dem Freien Begegnungsschacht, einer Gesellenvereinigung, die Frauen und Männer aller traditionellen Gewerke aufnimmt, beigetreten. Ein herzlicher Abschied, viele Wünsche für eine glückliche und erfolgreiche Walz, und es ging, ohne sich noch einmal umzudrehen, in Richtung Süden zur ersten Station Nienburg an der Weser. Eine lange Wanderschaft mit unzähligen Begegnungen und Erlebnissen sollte folgen.

Bühler trägt zu dem Treffen, bei dem sie von ihrer Walz berichtet, die traditionelle Kluft der Zimmererzunft aus schwarzem Cord. Der schwarze Hut als Zeichen der Freiheit, das weiße kragenlose Hemd, die Weste mit den acht Perlmuttknöpfen für acht Arbeitsstunden pro Tag, das Jackett mit sechs Knöpfen für sechs Arbeitstage pro Woche, die schwarze Schlaghose mit zwei Reißverschlüssen. Dazu der Wanderstab, der Stenz, immer ein Unikat, und eine Rolle, die etwa zehn Kilogramm wiegt und in der sich die wichtigsten Alltagsutensilien befinden.

Gehütet wie ein Schatz wird das Wanderbuch. Bühlers hat 300 Seiten, die meisten beschrieben und mit Zeichnungen geschmückt. Von Städten und Gemeinden, in denen Station gemacht wird, mit Stempeln versehen. Dazu Arbeitszeugnisse der Betriebe, in denen die Wandergesellen tätig waren. Die Zimmerei Giezendanner im schweizerischen Ebnat-Kappel, in der die Clüversborstelerin drei Wochen unter anderem traditionelle Fensterläden angefertigt hat, attestierte ihr: „Nach kurzer Eingewöhnungszeit konnten wir sie sehr vielseitig einsetzen. Der Umgang war stets unkompliziert und kollegial. Sie hat sich schnell in das Team eingebracht.”

Die 32-Jährige zieht ein Fazit: „Für mich bedeutet die Wanderschaft, dass ich mich persönlich und fachlich weiterentwickelt habe. Durch die langen Reisen tragen wir als Wandergesellen Toleranz und Offenheit in die Welt.“ Die Rückkehr in die Heimat sei sehr emotional gewesen. 33 Wandergesellen unterschiedlicher Zünfte und auch ihr Altgeselle, ihr Mentor Simon aus Lindau, sei gekommen. Endlose Gespräche hätten sie geführt, gemeinsames Erinnern, viel Lachen, manchmal auch Nachdenklichkeit und die Gewissheit, dass die neuen Freundschaften in vielen Fällen Bestand für die Zukunft haben werden. Eine kleine Feier am Ufer der Wümme auf dem Rasen von Gasthaus Kaiser in Hellwege sei der ideale Ort gewesen, um den Tag ausklingen zu lassen.

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