Mechthild Nienaber baut Puppen für das Theater / „Ich bin da einfach reingerutscht“

Die kleinen Wesen von Ahausen

+
Mechthild Nienaber arbeitet in ihrem kleinen Atelier auf dem Dachboden im Haus ihres Bruders.

Ahausen - Von Bettina Diercks. Im stillen Kämmerlein eines alten Bauernhauses in Ahausen werkelt Mechthild Nienaber. Vor ihr sitzt ein Spatz. Überdimensional und aus Stoff. Nienaber ist Figurenbauerin. Dazu noch eine sehr bekannte. Nur im Ort kennt sie kaum jemand.

Nienaber lebt zurückgezogen im Wald nahe der Wümme. „Das ist wie Urlaub für mich“, sagt die Figurenbauern, die ihr Glück zu schätzen weiß, von Stuttgart in das naturnahe Dorf zwischen Aue und Wümme gezogen zu sein. Ihr Atelier hat sie in dem Haus ihres Bruders, Heiner Hahn, der extra für sie den Dachboden ausgebaut hat. Dort reihen sich Kisten voller Stoffe neben angefangene Köpfe und schon fertige Gliedmaße. Auf zwei Tischen stapeln sich Bücher, Skizzen, Werkstoffe und Kästen, gefüllt mit Nadel und Faden. Ein kreatives Chaos, das keineswegs unordentlich erscheint, obwohl es nicht aufgeräumt ist. Mittendrin sitzt Mechthild Nienaber mit ihrer roten Lockenpracht.

Studiert hat sie an der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart mit den Schwerpunkten Malerei, Grafik und Werken. Zum Figurenbau führte sie das Schicksal. Während des Studiums jobbte sie als Saaldienerin im Lille Kartofler Figurentheater und hatte dort schon Kontakt zu Puppenbauern.

Theater-Chef Matthias Kuchta hat sie dann gefragt, ob sie nicht Puppen fertigen könne. Er kannte ihre erste Figur, die sie im Werkstattprojekt während des Studiums hergestellt hatte. „Die war noch ein bisschen abstrakt“, sagt Nienaber und lacht. „Ich zeig’ dir das, das ist ganz einfach“, versprach Kuchta. Nienaber rückblickend: „Das war überhaupt nicht einfach.“ Doch sie blieb dabei. Während ihrer ersten Schwangerschaft häuften sich dann die Aufträge. „Je mehr Zeit ich hatte, desto mehr Aufträge kamen herein. Das lief so ganz nebenbei. Ich bin da einfach reingerutscht“, sagt die zurückhaltende Kreative.

Mittlerweile ist sie 28 Jahre im Geschäft und hat mehrere hundert Klappmaul- und Tischfiguren sowie Handpuppen gebaut. „Meist haben die Theater eine konkrete Vorstellung von den Figuren. Bei Jim Knopf sollte ich mich an die Illustrationen aus dem Buch von Michael Ende halten“, erklärt Nienaber. Oft liest sie sich in die Geschichten rein. „Beides ist eine Herausforderung, das Hineinfühlen in die Aufträge und sich hineinzulesen. Und, in mich hineinzuhören“, sagt die gebürtige Schwäbin, die ihre Arbeit während des Schaffensprozess immer wieder in Frage stellt.

Am liebsten verarbeitet sie gebrauchte Stoffe. „Gelebtes Material, das etwas Eigenes mitbringt, ist ein Geschenk. Puppen müssen gebraucht aussehen und nicht wie von der Stange“, meint Nienaber, die ihr Material selbst färbt.

Nur für die Köpfe hat sie mittlerweile eine Art Standardstoff. Die Gesichter werden dann mit Acryl und Kreide geschminkt, um sie zu akzentuieren und ihnen Leben einzuhauchen. „Der Körper ist wichtig, aber die meiste Aufmerksamkeit erfordert das Gesicht. Das ist das Aufwendigste“, sagt die Wahl-Ahauserin.

Schwer auszuhalten seien immer die Zwischenschritte beim Bau einer Figur. Fotos von der Entstehung eines Kopfes wecken Verständnis. Gleichzeitig wachsen Schaffende und Figur zusammen, während sie Stück für Stück weiter näht. Schwägerin Julia Hahn, die ihr oft zur Hand geht: „Die Figuren sind wie kleine Wesen, sie fangen an zu leben.“

Und auch, wenn sich Mechthild Nienaber nicht vorstellen kann, selbst mit einer ihrer Figuren auf der Bühne zu stehen: Als sie den Kaiser (des Kaisers neue Kleider) auf den Schoss hebt, den sie vor zehn Jahren gebaut hat und jetzt erneuert, haucht sie ihm unnachahmlich Würde, Stimme und Charakter ein.

Beim Ahauser Herbst können am Sonntag, ab 11 Uhr, Interessierte Mechthild Nienaber beim Schaunähen bei Familie Hahn, Am Felde 3, über die Schulter schauen. Sie arbeitet an diesem Tag am Kaiser. Gleichzeitig ist eine Fotoausstellung ihrer Arbeiten zu sehen. Um 16 Uhr beginnt dann das Stück „Onkelchen“, ein Puppenspiel für Kinder ab vier Jahren mit dem Krokodil Theater Tecklenburg. Das dicke „Onkelchen“ wurde ebenfalls von Nienaber gebaut.

Programm Ahauser Herbst

Freitag: 20 Uhr, Coopers Groove, Mehrzweckgebäude Eversen

Samstag: 14-18 Uhr, Kulturmeile in Ahausen;15 Uhr, Simbav-Kaspertheater im Gemeindehaus Ahausen (Kasper im Elfenwald), 16 Uhr (Die Prinzessin und der Drache); 20 Uhr, Kulturhof, Erzählreise mit Susanne Ulke und Regina Hyndes

Sonntag: 11-18 Uhr, Kulturmeile in Ahausen; 14-17 Uhr, offene Bühne im Gemeindehaus; 15 Uhr, Afrikanische Trommelklänge an verschiedenen Orten; 16.30 Uhr, Musik zur Teatime mit Schülern von Natalie Usselmann; 18 Uhr, Bertzbach & Bertzbach.

Mehr zum Thema:

Zyklon „Debbie“ verwüstet Australiens Küstenregion

Zyklon „Debbie“ verwüstet Australiens Küstenregion

New Model Army im Aladin

New Model Army im Aladin

Trump wendet sich vom Klimaschutz ab

Trump wendet sich vom Klimaschutz ab

RBB: Kontrollgremium sieht Schwächen bei Amri-Ermittlungen

RBB: Kontrollgremium sieht Schwächen bei Amri-Ermittlungen

Meistgelesene Artikel

Stau auf der A1: Motorbrand und Unfall

Stau auf der A1: Motorbrand und Unfall

Familie aus dem Kosovo wird in Heimatland zurückgeschickt

Familie aus dem Kosovo wird in Heimatland zurückgeschickt

Chef vom „Lucky Dog Hostel“ ist baff

Chef vom „Lucky Dog Hostel“ ist baff

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Hartmut Leefers: „Das ist ein schwieriger Prozess“

Kommentare