Matthias Daus ist einen Abend als Brandschützer unterwegs

Über die Leiter ins Obergeschoss

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Ganz vorsichtig geht es für den „Verletzten“ nach unten.

Bötersen - Von Matthias Daus. Stell‘ Dir vor es brennt und keiner kommt löschen! So lautet ein Werbeslogan für eine Imagekampagne der Freiwilligen Feuerwehren. Was die Frage aufwirft, warum eine derart wichtige Institution überhaupt eine Imagekampagne braucht. Mit der Teilnahme an einem Übungsabend bei der Freiwilligen Feuerwehr in Bötersen habe ich deshalb versucht, einen Einblick in den Alltag der Feuerwehrleute zu bekommen.

Der Helm sitzt etwas eng am Kopf, und auch die Jacke spannt ein wenig am Bauch, aber immerhin die Handschuhe passen perfekt. Etwas improvisiert ist die Ausrüstung schon, aber ohne sie dürfte ich an diesem Übungsabend nicht teilnehmen. Also mussten die Mitglieder der Bötersener Feuerwehr etwas aus ihrem Fundus zusammensuchen, das zumindest ansatzweise zu meinen körperlichen Dimensionen passt.

Die Brandschützer nehmen es sehr genau mit den Vorschriften, was im ersten Moment etwas penibel wirkt, denn schließlich ist es doch nur eine Übung. Aber was ist, wenn es sich statt einer Übung um einen Ernstfall handelt? So betrachtet sehe ich die Ausrüstung auf einmal mit ganz anderen Augen und die Jacke, die einer Temperatur von 400 Grad Celsius standhalten kann, bekommt eine ganz andere Bedeutung.

„Der Hauptteil unserer Dienste besteht aus Übungen, aber es gab in der Vergangenheit auch immer wieder Einsätze, die mitunter auch größere Dimensionen mit einem gewissen Gefahrenpotential hatten. Da muss jeder Handgriff sitzen. Auch wenn es dramatisch klingt, aber es können Leben davon abhängen, dass wir im richtigen Moment das Richtige tun“, erklärt Ortsbrandmeister Frank Stadler, der geduldig alle Fragen beantwortet.

Alles ist durchorganisiert und festgelegt, sogar die Sitzreihenfolge der Feuerwehrleute in dem Einsatzwagen. Ich bin der zweite Mann im sogenannten Wassertrupp und sitze auf der hinteren Bank rechts außen. Heute steht die Rettung einer verletzten Person aus der ersten Etage eines Gebäudes auf dem Plan, und zwar mittels eines sogenannten Leiterhebels. Ein eher unwahrscheinliches Szenario, wie die Mitglieder erklären, das aber dazu dient, mehr über die Ausrüstung und ihre Verwendungsmöglichkeiten zu erfahren.

Über eine Leiter geht es in das Obergeschoss des Feuerwehrhauses und dort durch das geöffnete Fenster in das Gebäude hinein. Ich fühle mich etwas unbeweglich in meiner Montur und denke darüber nach, wie ungleich schwerer dieses Unterfangen in einer Stresssituation wäre. Der „Verletzte“ ist ein Dummy, und die Gruppe macht sich daran, ihn mit Seilen und einer ausgefeilten Knotentechnik auf der Trage zu fixieren.

Alle 14 Tage ist so ein Gruppendienst mit Übung, und die Gruppenleiter sind abwechselnd für die Inhalte zuständig. „Da ist viel Routine dabei, aber manchmal machen wir auch etwas exotischere Aktionen zum Beispiel heute“, berichtet Jan Hendrik Müller, der diesesmal die Gestaltung des Abends übernommen hat.

Von Frank Stadler erfahre ich noch viele Dinge – zum Beispiel, dass ein Anwärter neben den Gruppendiensten innerhalb von zwei Jahren an einem 80-stündigen Lehrgang teilnehmen muss, um überhaupt Feuerwehrmann werden zu können. 80 Stunden, die man sich von der eigenen Freizeit nehmen muss. Zusammen mit Gruppendiensten, Veranstaltungen wie zum Beispiel Osterfeuer und Laternenumzug, Wettkämpfen und auch Einsätzen ergibt das schon einen riesigen zeitlichen Aufwand, der erst einmal mit dem Privatleben vereinbart sein will.

Warum er und seine Kameraden dies alles auf sich nehmen? „Ich glaube es ist einfach dieses unbeschreiblich gute Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die in der Lage ist, anderen Menschen zu helfen, wenn sie in Not geraten sind“, antwortet Frank Stadler.

Dieser Gemeinschaftsgedanke überträgt sich auf alle Bereiche des Feuerwehrlebens. Sei es als Kameradschaft oder beim gemeinsamen Bewältigen von Diensten, Einsätzen und allen Aufgaben, die anstehen. Das bemerke ich bei der heutigen Übung verstärkt.

Inzwischen ist der „Verletzte“ soweit, dass er abtransportiert werden kann. Über eine langsam kippende Leiter, die durch weitere Seile gesichert ist, wird er aus dem Gebäude heraus zu den Einsatzkräften am Boden gebracht. Das sieht zwar abenteuerlich aus, funktioniert aber einwandfrei.

Auch wenn Bötersen ein vergleichsweise kleiner Ort ist, so gab es auch dort schon Einsätze mit großen Feuern oder Todesopfern, wie zum Beispiel bei einem Flugzeugabsturz vor knapp drei Jahren. Dinge, die sicherlich noch länger in den Gedanken der Feuerwehrleute nachhallen. „Als ich einmal in einem ausgebrannten Haus auf der Suche nach versteckten Brandherden war, ist mir sehr deutlich bewusst geworden, welchen Verlust die Menschen, die dort gewohnt haben, verspürt haben mussten. Das hat mich tagelang beschäftigt“, beschreibt der Ortsbrandmeister eine eigene Erfahrung. Mit seinen Gedanken und Gefühlen würde aber niemand allein gelassen, betont er abschließend, denn nach einem Einsatz sprechen alle immer miteinander über das Erlebte.

Ich verlasse den Übungsabend mit gemischten Gefühlen. Einerseits bin ich froh, weil ich kompetente Menschen in meiner Nähe habe, wenn es wirklich einmal brennen sollte. Andererseits frage ich mich, ob die Wertschätzung, die wir ihnen entgegenbringen, angemessen ist. Das sollte letztendlich jeder für sich entscheiden und im Zweifelsfall auch einmal den Kontakt suchen. Die Feuerwehren würden sich garantiert freuen.

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