Vom Realschüler zum Musicaltänzer: es fehlt nur das Geld

Leon Wagner bewirbt sich erfolgreich bei „Young Americans“

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Der Traum vom Musicaltänzer könnte bald für Leon Wagner in Erfüllung gehen. Gruselig geschminkt zeigt er sein Können bereits beim Musical „1 000 Schritte...“ in der Wieste-Schule, das am Sonntag, 18. Juni, um 16 Uhr Premiere feiert.

Sottrum - Von Heidi Stahl. Leon Wagner ist 17 Jahre alt und macht gerade seinen Realschulabschluss an der Wieste-Oberschule in Sottrum. Im vergangenen Oktober haben die „Young Americans“, eine Non-Profit-Tanzgruppe mit Studenten aus aller Welt, ihr pädagogisches Tanzprogramm mit mehr als 200 Schülern der Wiesteschule in einem viertägigen Workshop durchgeführt. Leon war dabei und so begeistert von diesem Konzept und den Tanzformationen, dass er sich bei der Gruppe beworben hat - mit Erfolg.

Unter Hunderten von Bewerbern aus aller Welt ist er angenommen worden. Nicht nur wegen seiner tänzerischen Begabung, sondern auch aufgrund seiner sozialen Kompetenz, mit der er sich bei dem Projekt eingebracht und die Leiterin der „Young Americans“, Mindy Broadley, beeindruckt hatte. Wir wollten mehr über Leon und seine ungewöhnliche Chance, bei dieser berühmten Tanzgruppe mitzumachen, wissen.

Leon, hast du schon vor dem „Young Americans“-Workshop getanzt?
Leon: Ja, ich war schon einmal mit zehn Jahren auf Anraten einer Familienhelferin vom Jugendamt in der Tanzschule Güttel in Rotenburg. Das hat mir gut gefallen, aber meine Mutter konnte das dann nicht mehr bezahlen. Hier in der Schule habe ich in der Musical AG mitgemacht und dann vergangenes Jahr bei den „Young Americans“.

Was hat dir so besonders an den „Young Americans“ gefallen?
Leon: Die waren so sympathisch und lebendig und haben es geschafft, dass fast 200 Schüler von unserer Schule gemeinsam und synchron getanzt haben. Und das nach nur drei Tagen Workshop. Die haben mich jedes Mal auch nach vorne geholt, weil sie sahen, dass ich was drauf hatte. Das Gruppengefühl war auch so toll, alle Schüler waren in dieser Zeit so viel positiver und freundlicher als sonst.

Wie ist die Bewerbung abgelaufen?
Leon: Am letzten Tag, kurz bevor der Bus mit den 40 Studenten von den „Young Americans“ abfuhr, kam die Leiterin Mindy Broadley zu mir und sagte, dass sie unheimlich gestaunt hat, wie toll ich mitgemacht habe und sie sich freuen würde, wenn ich mich bei den „Young Americans“ bewerben würde. Von da an hatte ich nur ein Ziel vor Augen: Ich will unbedingt mitmachen.

Welche Bedingungen gibt es für so eine Bewerbung?
Leon: Ich habe mich im Internet schlaugemacht und war erst mal geschockt, wie viel das kostet. Es gibt einen Grundpreis für die Studiengebühren für zwei Jahre, das sind etwas über 20 000 Euro, und leben muss man ja auch noch. Aber es gibt Stipendien. Meine Klassenlehrerin Katharina Niemann hat mich trotzdem bestärkt, mich zu bewerben. Das habe ich dann auch getan. Die Schule hat mir Empfehlungsschreiben gegeben, Frau Niemann hat mir bei der englischen Übersetzung geholfen. Irgendwie hat es dann geklappt. Die „Young Americans“ haben mich genommen. So glücklich war ich in meinem ganzen Leben noch nicht.

Wie haben deine Eltern auf deine Pläne reagiert?
Leon: Ich habe nur noch meine Mutter, aber die kann sich krankheitsbedingt nicht um mich kümmern. Deshalb bin ich seit April 2012 im Inari-Hof Kinderheim in Stapel. Aber meine Erzieher finden das auch ganz toll, dass ich so ein Ziel habe. Leider gibt es aber keine staatliche Hilfe für meine Pläne.

Wie reagieren deine Mitschüler?
Leon: Die fanden das krass und haben es erst gar nicht geglaubt. Außerdem ist das nicht ihr Ding, für die war Tanzen gar nicht cool. Ich war früher auch eher so am Rand und unscheinbar und sehr schüchtern. Das ist jetzt anders: Ich habe ein Ziel, das ich unbedingt erreichen möchte und lerne in jeder Minute Englisch, weil ich für die Bewerbung auch noch einen Englisch-Test machen muss. Meinen Realschulabschluss habe ich jetzt auch geschafft. Dass ich das erreiche, war vergangenes Jahr noch gar nicht so klar.

Was glaubst du, erwartet dich bei den „Young Americans“?
Leon: Ich weiß, dort erwartet mich ein ganz anderes Land. Die Schule ist in La Caruna in Kalifornien. Ein Jahr lang hat man da täglich Training in Tanz und den sozialpädagogischen Lernzielen des Projekts. Im zweiten Jahr hat man die Chance, an der Tour durch Europa, wo sie in den Schulen solche Projekte wie bei uns durchführen, teilzunehmen. Wenn man gut genug ist. Außerdem gibt es auch in Amerika Auftritte. Und dort finde ich lauter Leute, die das gleiche wollen wie ich und mich nicht auslachen.

Wie sieht es mit der Finanzierung dieser Ausbildung aus?
Leon: Das ist noch ein großes Problem. Ich spare eisern, suche mir einen Job nach der Schule und die Musical AG spendet mir die Hälfte, der Spenden, die wir mit dem „1 000 Schritte...“-Musical jetzt am kommenden Sonntag und Dienstag einnehmen. Ich habe auch schon verschiedene in Frage kommende Sponsoren angeschrieben. Zum Beispiel den Sender VOX mit „Goodbye Deutschland“, aber das ist wohl eher nichts. Allerdings habe ich noch ein ganzes Jahr Zeit, die „Young Americans“ halten mir den Platz frei. Ich bin sicher, ich schaffe das, ich will das unbedingt.

Was machst du, wenn es nicht klappt, du das Geld nicht zusammenbekommst?
Leon: Es muss klappen! Ich habe mir noch nie so sehr etwas gewünscht. Aber wenn es anders kommt, will ich mich auf jeden Fall bei der Musical-Schule „Stage“ in Hamburg bewerben. Da will ich auch nach der Ausbildung bei den „Young Americans“ sowieso hin und den Abschluss für Musical-Darsteller in Deutschland machen. Wenn man bei den „Young Americans“ war, wird man dort bevorzugt aufgenommen.

Leon Wagner, ein junger Mensch mit einer nicht gerade schönen Hintergrundgeschichte, hat sich das Ziel gesetzt, Musicaldarsteller zu werden. Dadurch hat er sich laut seinen Lehrern in kürzester Zeit positiv verändert und einen Sprung in seiner Entwicklung gemacht. Schulleiter André Barth: „Er hat diese Chance verdient!“

Wer den angehenden Tänzer unterstützen möchte, kann sich an Katharina Niemann, seine Klassenlehrerin an der Wieste-Oberschule in Sottrum, die ihn auch nach seinem Schulabgang weiter begleiten möchte, wenden. Sie ist erreichbar unter Telefon 0176 / 72806382, katharina.niemann@obs-sottrum.eu

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