Mit einem Wurfgleiter fing es an: Wolfgang Kaiser baut Flugzeugmodelle

Leidenschaft Modellflug

Das Modell einer „Tucano MK 1“, einem Schulflugzeug der britischen Royal Air Force, hat Wolfgang Kaiser gebaut.
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Das Modell einer „Tucano MK 1“, einem Schulflugzeug der britischen Royal Air Force, hat Wolfgang Kaiser gebaut.
  • Wieland Bonath
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Hellwege – Gastwirt Wolfgang Kaiser (71), der mit seiner Frau Marianne das 108 Jahre alte Lokal „Kaisers Gasthaus” am Rande von Hellwege gleich neben den saftig-grünen Wümmewiesen führt, streicht vorsichtig über die Tragflächen eines Flugzeugmodells. „Dieses Virus Modellflug, wenn man es erst einmal bekommen hat, wird man nicht wieder los. Ich blättere in einer Fachzeitung, bin plötzlich fasziniert vom Design eines bestimmten Flugzeugs. Dann schlafe ich eine Nacht darüber und am nächsten Morgen weiß ich, dass ich dieses Modell baue“, erklärt Kaiser.

Vor 65 Jahren nahm die große Leidenschaft für Flugzeuge in der Volksschule Hellwege bei Kaiser ihren Anfang: „Im Werkunterricht bei unserem Lehrer Albert Benjes mussten wir Wurfgleiter bauen. Das war das Virus, das mich infiziert hat. Das war die Initialzündung für das Modellfliegen“, erinnert sich Kaiser. „Ich fing an zu basteln, Modelle aus Holz, mit Seide bespannt.” Zusammen mit seinem Freund Karl-Heinz Bartels aus Hellwege, der später Fluglotse wurde, habe er unter anderem auch Papiermodelle gebaut. Modellfliegen, das sei damals noch wenig verbreitet gewesen.

Die Wümmewiesen seien der Startplatz für die kleinen Modelle gewesen. „Weil die Fernsteuerungen damals noch unerschwinglich waren, mussten wir querfeldein laufen. Einmal wäre uns ein Modell fast entwischt. Wir hatten aber Glück und fanden das Flugzeug am etwa drei Kilometer entfernten Sottrumer Bahnhof“, so Kaiser. Probleme, die es kaum noch gab, als bald danach eine Fernsteuerung „Metz Mecatron” unter dem Weihnachtsbaum lag.

Kaiser, der im Bremer Lloyd Hotel den Beruf des Kochs erlernt hat, hat viele, teils skurrile Episoden erlebt. So brauchte er nach Feierabend noch eine Flasche Äther als Treibstoff für die kleinen Flugzeugmotoren. In einer Bremer Apotheke hatte er Glück. Wenig erfolgreich sei hingegen die nächtliche Heimfahrt mit der Bundesbahn gewesen: Aufgrund der Körperwärme habe sich der Äther „selbstständig” gemacht, sei in die Tasche gelaufen und habe durch seinen bestialischen Geruch andere Fahrgäste aus dem Abteil vertrieben. „Ich konnte einen Teil retten, es reichte für einen kurzen Flug.”

In den 70er-Jahren begann der junge Modellflugzeugbauer, Eigenkonstruktionen zu entwickeln. Die Werkstatt mit immer ausgefeilterer Technik hatte sich Kaiser in einem kleinen Schuppen eingerichtet, der zu dem 1912 von Großvater Heinrich Hoops gebauten Gasthaus an der Straße von Hellwege nach Sottrum gehörte. In seine kleine Werkstatt zog sich Kaiser, wenn er spätabends die letzten Gäste verabschiedet hatte, zurück, um in nächtlicher Ruhe zu planen, basteln, tüfteln, feilen, sägen und immer raffiniertere Techniken auszuprobieren.

„Sie dürfen mich gut und gern als ,verrücktes Huhn‘ beschreiben”, sagt der 71-Jährige. „Aber Flugzeuge und Modellbau werden immer meine große Leidenschaft bleiben. Zwischen meiner Frau und mir gibt es eine stille Abmachung: Sie interessiert sich nur recht wenig für mein Hobby, lässt mir aber gern genügend Freiraum und toleriert mein großes Steckenpferd.”

Wenn Kaiser, oft über viele Monate hinweg, in seiner Freizeit seiner Leidenschaft nachgeht, denkt er immer wieder an seine ersten Erfahrungen und Enttäuschungen zurück. Dazu gehörte der Versuch, dem weltberühmten Pionier der Luftfahrt und des Flugzeugbaus, Otto Lilienthal, nachzueifern und selbst mit einem Fluggerät aus Sperrholz und acht Meter Spannweite in den Wümmewiesen etwa zwei Meter abzuheben. „Mein Vater hatte jedoch Angst um mich wegen eines möglichen Unfalls. Er zersägte, als ich in der Schule war, den Flieger und legte ihn zum Osterfeuerholz. Ich war tieftraurig. Heute kann ich meinen Vater verstehen.”

Auch die besorgte Mutter hatte eine rigorose Bremse für den flugzeugbegeisterten Sohn: Alles Bitten und Betteln half nichts, der junge Kaiser durfte keinen Flugschein machen. Inzwischen hat er mehr als gemischte Gefühle, in einem größeren oder großen Flieger Platz zu nehmen. Die beiden letzten Male hat er 1995 und 1996 in einem Passagierflugzeug nach London gesessen. Er erinnert sich mit einigem Grausen an die Gewitterfront, die über der britischen Insel aufzog. Und die Sportmaschinen auf dem Hellweger Flugplatz quasi vor der Haustür? „Dort bin ich schon oft gewesen, sehr gern sogar.“ Wichtig sei für ihn immer, dass es sich bei dem Piloten um einen erfahrenen Flieger handele. Trotz der Vorbehalte, die Kaiser hat: „Fliegen gehört zu den schönsten und faszinierendsten Dingen, die ich mir vorstellen kann.”

Schon seit Jahren hat der Hellweger Gastwirt in seinen Räumen mit Blick in die Wümmeniederung eine „Fliegerecke” eingerichtet. Zu den Stammgästen gehörten Vorstandsvorsitzende des Norddeutschen Lloyd, Carl und Peter Borgward, die Bremer Autobauer, Kollegen aus der Modellbaubranche, mit denen Kaiser zusammengearbeitet hatte. Fotos beim Start von Kaisers Modellen auf dem Rotenburger Flugplatz zieren die Wände. Über einem Gästetisch baumelt eine original Brennkammer aus dem Schwermetall Inconel 712. Die wuchtige „Lampe” war einmal Teil eines zweistrahligen Jagdflugzeuges MiG-29, konstruiert in der Sowjetunion, unter anderem von der ostdeutschen Nationalen Volksarmee geflogen, nach der Wiedervereinigung von der bundesdeutschen Luftwaffe übernommen und später vom „Eurofighter” abgelöst.

Sogar Kaisers Auto in der Garage erinnert über das Kennzeichen an die Welt der Flieger: ROW–SU 27. SU 27 steht für Suchoi Su-27, einen russischen Kampfjet. Kaiser lachend: „Vor einiger Zeit traf ich an der Tankstelle von Dodenhof einen russischen Autofahrer, und der fragte mich, ob ich aus der Sowjetunion käme.“

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