MEIN BUCH UND ICH Heide Nullmeyer schreibt über sich und ihre Arbeit

Ein Leben hinter der Kamera

Es ist ein ereignisreiches Leben, das Filmemacherin Heide Nullmeyer in ihrem Buch beschreibt. Foto: Bonath

Hellwege - Von Wieland Bonath. Auf den Seiten stehen autobiografische Tagebuchaufzeichnungen ihres 79-jährigen, aufregenden Lebens, aber auch Berichte über ihre Arbeit als Filmemacherin im Fernsehen. Psychologin und Traumtherapeutin Heide Nullmeyer, bekannte Journalistin, Buchautorin, zähe Kämpferin für andere Menschen und sich selbst, hat das Buch „So wird es kommen. Höchstpersönliches aus einem Frauenleben und der Welt des Fernsehens” herausgebracht. 40 Jahre hat sie bei Radio Bremen gearbeitet und mit ihren Beiträgen über außergewöhnliche Frauenschicksale und Prominente wichtige journalistische Spuren gesetzt.

Nullmeyer wurde in Frankfurt am Main als uneheliches Kind eines verheirateten Vaters geboren. Die Mutter arbeitete hart, um beide durch die Kriegsjahre zu bringen. In ihrem Buch weist Nullmeyer darauf hin: Die bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse „waren sicher auch ein Grund, mich am Anfang meiner Laufbahn in Fernsehreportagen für sozial schwache und benachteiligte Menschen einzusetzen”. Ein Beispiel ist die unverschuldet arbeitslos gewordene Helma Scholz, über deren Schicksal Nullmeyer 1984 in der Frankfurter Rundschau geschrieben hatte. Scholz gab nicht auf, setzte sich an die Spitze der Bottroper Arbeitslosenhilfe und kämpfte für andere betroffene Arbeitnehmer.

Zu den Themenbereichen, an denen Nullmeyer mitarbeitete, gehörte 1979 die ARD-Reihe „Nicht so passiv, wie man denkt“: Am Teil „Ich heiße Erika und bin Alkoholikerin” machte Nullmeyer die Probleme mit Alkoholismus fest. Die Resonanz auf den Fernsehfilm, der für den Grimme-Preis nominiert wurde, war groß. Die Geschichte der trockenen Alkoholikerin Erika Pohl-Laukamp wurde danach als erfolgreiches Buch verlegt. Zu Nullmeyers ersten Arbeiten für Radio Bremen gehörte die Langzeitdokumentation „Experiment Gesamtschule”, eine einjährige Beobachtung der ersten Schritte einer Gesamtschule in Bremen-Gröpelingen.

Zeitlich und örtlich versetzt geht es in dem jetzt veröffentlichten Buch „So wird es kommen” um wichtige Stationen und Ereignisse im Leben Nullmeyers: Nach Abschluss der Ausbildung reist sie als 19-Jährige nach Griechenland, um bei ihrem Freund Dimitri zu sein, den sie als Au-pair-Mädchen in England kennengelernt hatte. Ein anderer Kulturkreis, anderes Denken und Fühlen – ein Desaster, das mit einer Trennung und der Rückkehr nach Deutschland endete.

Angelehnt an ihre Erlebnisse produzierte Nullmeyer für die ARD im Auftrag von Radio Bremen den Film „Waltraud Bielefeldt-Barthakowsky – Eine Frau befreit sich”. 1983 folgte ein Film über die Schauspielerin Ingrid van Bergen, die „in höchstem Affekt” 1977 ihren Lebensgefährten erschossen hatte, wegen guter Führung nach vier Jahren Gefängnis entlassen worden war und langsam in das Showgeschäft zurückfand. Nullmeyer: „Ihr Schicksal, geprägt von Höhen, Verlusten und einem tiefen Fall, hat sie dennoch nicht mutlos gemacht. Sie ist immer wieder aufgestanden und hat sich dem Leben gestellt.”

1982, in der Reihe „Frauengeschichten”, dann der Beitrag „Hannelore L. – Mein Mann hat lebenslänglich”. Seine Frau hielt weiter zu ihm, er aber verließ sie, nachdem er entlassen worden war, um sich nach 15 Jahren im Gefängnis ein eigenes Leben aufzubauen.

Eine wichtige berufliche Station war die Arbeit als Stellvertreterin von Oberspielleiter Rolf Becker im Bremer Theater am Goetheplatz. Bruno Ganz, Rainer Werner Fassbinder, Peter Zadek und Peter Stein gehörten zu den Schauspielern und Regisseuren, mit denen sie zusammenarbeitete. Im Mittelpunkt sollte jedoch ihr Wirken als Filmemacherin für Radio Bremen stehen. Eine Arbeit, die sie liebte, forderte und bei der sie Persönlichkeiten aus vielen Bereichen kennenlernte.

Günther Wedekind, Kameramann bei Radio Bremen, trat in ihr Leben. Sie heirateten und leben heute in Hellwege. Wedekind hat mehr als 20 Spielfilme mit dem Bremer Regisseur Karl Fruchtmann gedreht, ebenso mit Peter Zadek und Wolfgang Petersen. Oft arbeitete er mit Nullmeyer zusammen, zum Beispiel beim Frauenporträt „Marika Rökk – Die Frau meiner Träume”. Die österreichisch-ungarische Sängerin und Tänzerin gehörte zu den wenigen, die Nullmeyer die Dreharbeiten zum Problem machten: durch ihr nicht lupenreines Verhältnis zu den Nazis und das Unvermögen, sich dazu zu bekennen.

Aber auch andere Prominente porträtierte sie: Hans-Joachim Kulenkampff (in Frankfurt Untermieter bei Nullmeyers Mutter), Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger, Johannes Heesters, Hildegard Hamm-Brücher, die dänische Sängerin Gitte Haenning, die Soziologieprofessorin Annelie Keil, ihre Freundin Erika Pluhar, Rudi Carrell kurz vor seinem tragischen Tod sowie den exzentrischen Komödianten Eddi Arent.

Nullmeyer ist Diplom-Psychologin. Die Hochschulreife hat sie als junge Frau nachträglich erworben. Freundschaftlich verbunden ist sie mit Ortrud Grön, einer bekannten Traumforscherin und ihrer Lehrerin. Die 80-jährige österreichische Schauspielerin und Schriftstellerin Erika Pluhar erinnert sich im Vorwort des Buchs an ihre Besuche hier: „Heide organisierte im Raum Bremen Lesungen für mich und war bei diesen als Moderatorin und mit Ausschnitten aus ihren Filmen wunderbar an meiner Seite.”

„So wird es kommen. Höchstpersönliches aus einem Frauenleben und der Welt des Fernsehens” ist im Tredition-Verlag erschienen und kann zum Preis von 16,99 im Buchhandel und online bestellt werden.

MEIN BUCH UND ICH

Mit dieser Serie werfen wir einen Blick auf die zahlreichen Autoren im Landkreis Rotenburg. Von wem haben wir schon lange nichts gehört? Wer hat den nächsten Bestseller in Arbeit? Und was machen aufstrebende, Vollzeit- und Hobbyautoren? Wir fragen nach.

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