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Landtagswahl: Jürgen Baumgartner ist das Zugpferd der Linken

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Von: Matthias Röhrs

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Jürgen Baumgartner hält sich privat gerne auf Wochenmärkten auf. „Die Mischung macht’s“, sagt er. Seine Kandidatur ist für ihn vor allem ein Dienst an die Partei.
Jürgen Baumgartner hält sich privat gerne auf Wochenmärkten auf. „Die Mischung macht’s“, sagt er. Seine Kandidatur ist für ihn vor allem ein Dienst an die Partei. © Röhrs

Jürgen Baumgartner tritt im Wahlkreis Rotenburg als Direktkandidat der Linken an. Dabei braucht er keinen „Sessel in Hannover“, wie er sagt. Dennoch hat er ein Ziel.

Oyten/Sottrum – Die Bezeichnung „freundliches Ambiente“ ist ein Klischee und eine, die wohl jeder Wochenmarkt auf seine Fahne schreiben würde – ob es nun passt oder eben nicht. Der Oytener Wochenmarkt dürfte das zurecht. Er ist nicht allzu groß, dafür ist er schön gelegen inmitten der Fachwerkhäuser des Heimathauses und in dieser Jahreszeit unter sattgrünen Bäumen gelegen, die die Käufer von Käse, Wurst und Co. oder die Gäste der kleinen Anzahl Ausschankstände vor der Sommersonne schützt. Der Markt hat gerade erst angefangen, an dem einen oder anderem Stand wird noch aufgebaut.

Neben dieser Szenerie, auf einer Bank direkt vor dem benachbarten Rathaus, hat Jürgen Baumgartner es sich gemütlich gemacht. Der Landtagskandidat der Linken für den Wahlkreis Rotenburg hat diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Baumgartner, in Ottersberg lebend, das wie Oyten bei der diesjährigen Landtagswahl erstmals dem Wahlkreis zugeschlagen ist, ist selbst das erste Mal hier.

Dennoch fühlt Baumgartner sich zu Hause. Der 70-Jährige geht gerne auf Wochenmärkte, hat ein Auge dafür. „Die Mischung macht’s“, erläutert er während eines kurzen Spaziergangs an Weinbar und Infostand vorbei, was für ihn einen guten Markt ausmacht. Wir setzen uns auf eine Bank direkt am Vorplatz des Heimathauses und beobachten das Treiben. Der Markt hat gerade erst begonnen, doch die ersten Besucher sind bereits beim Einkaufen und vor allem am Schnacken.

Das Mandat ist unwahrscheinlich

Er sagt es nicht, aber es dürfte Baumgartner gefallen, was er sieht. „Bekannte Gesichter sind immer wichtig“, führt er seinen Gedanken weiter. Ein guter Wochenmarkt dürfe kein „Trendmarkt“ sein, der nur das anbiete, was gerade so „in“ sei. Eine gute Bratwurst möchte er nicht missen, genauso wie regionale Produkte und auch den einen oder anderen Trödelstand. „In Achim bekommen die das sehr gut hin“, schwärmt er. Aber gleich danach ein Anflug des Bedauerns beim 70-Jährigen: „Doch das liegt leider nicht in meinem Wahlkreis.“

Es wirkt ein wenig Paradox, aber für jemanden, der bei der Direktwahl im Oktober nur Außenseiter-Chancen hat und eigenen Worten nach selbst „keinen Sessel in Hannover“ braucht, ist Baumgartner sehr selbstbewusst. Auf der Landesliste steht er nicht, ein Mandat ist daher wirklich unwahrscheinlich. Dennoch scheint er sich reinhängen zu wollen; ganz im Dienste seiner Partei, Die Linke, die beim Wähler derzeit nicht besonders populär zu sein scheint.

Ganz im Gegensatz zu Baumgartner. So sieht er sich zumindest selbst. Für die Kandidatur wurde er angefragt, wirtschaftliche Interessen verfolge er nicht. „Ich bin abgesichert“, sagt er. Viele Jahre der Kommunalpolitik, ein gewisser Ruf soll dafür sorgen, dass er für Die Linke in der Region möglicht viele Stimmen sammeln kann. Das Ziel ist laut dem Ottersberger, die Partei über die Fünf-Prozent-Hürde zu bringen. Dazu müsse sie alles mobilisieren, dazu brauche es populäre Köpfe. Ist er also mehr ein Zugpferd? „Ja, das könnte man so sehen“, sagt er.

Kritik: Politik ist nur für Leute mit viel Freizeit

Jürgen Baumgartner kommt ursprünglich aus Verden, war viele Jahre lang Elektrotechniker bei Philips, hatte Radio- und Fernsehgeschäfte in Thedinghausen und Ottersberg. Mittlerweile lebt er als Rentner mit seiner zweiten Frau und einer Tochter, insgesamt hat er fünf Kinder und vier Enkel. In Ottersberg hat er wieder richtig Zeit für Politik. Schon in jungen Jahren habe er sich für linke Themen interessiert, deutet er an. Mit der Ehe sei aber alles gesitteter geworden.

Er kritisiert: „Politik geht heute nur noch mit Leuten, die viel Freizeit haben.“ Also Leute wie er, Rentner zum Beispiel. Er selbst habe lange warten müssen, bis er wieder hat einsteigen können. „Der Beruf hat das einfach nicht hergegeben.“ Jetzt könne er sich aber um die Politik kümmern, fügt er hinzu. Stillsitzen könne er eh nicht. Er hole sich die Arbeit ran, denn er habe den Eindruck, viel von der Gesellschaft profitiert zu haben.

Er schafft es, bereits im Berufsleben wieder politisch zu werden. Im Oktober 2010 tritt er bei den Linken ein, als Statement. 20 Jahre ist Deutschland damals wiedervereinigt. Und aus Sicht Baumgartners läuft es nicht besonders gut. Bundeskanzler Gerhard Schröders Ich-AG sei der Tiefpunkt gewesen. In Baumgartners Stimme färbt sich eine Spur von Wut: „Das war ein ganz schlechter Dienst an der Gesellschaft, die kleinen Leute wurden den Unternehmen zum Fraß vorgeworfen.“ Vielleicht auch deswegen möchte er sich dafür einsetzen, dass es in jedem Mittelzentrum die medizinische Grundversorgung gibt, dass es im Gesundheitswesen keine Leiharbeiter mehr gibt.

Seit 2006 kommunalpolitisch unterwegs

Das sind Themen für größere Bühnen. Aktiv wird Baumgartner in der Vergangenheit aber vor allem in der Kommunalpolitik, wo man die Politik besser greifen könne. Mit einer Wählergemeinschaft geht es noch vorher in den Ottersberger Gemeinderat, löst sich mit Parteieintritt aber wieder von ihr. Er arbeitet beim örtlichen Nabu-Ortsverband mit, wird Moorbeauftragter, ist mittlerweile in seiner zweiten Wahlperiode Kreistagsabgeordneter in Verden.

Bei den Linken habe er die besten Wahlergebnisse im Kreis eingefahren, sagt er – ganz das Zugpferd. 2020 wollte Baumgartner sogar Bürgermeister in Ottersberg werden. „Ich hätte das wirklich gerne für die Gemeinde gemacht“, sagt er. Doch man ließ ihn nicht zu – zu alt. Das nimmt er hin, die sich aufdrängende Frage, ob er denn nicht auch für den Landtag zu alt wäre, weist er dagegen klar von sich. „Man kann Lebenserfahrung nicht aufs politische Abstellgleis stellen.“ Baumgartner wird nachdrücklich. Lebenserfahrung gehöre ins Parlament.

Mittlerweile sind alle Stände rund um das Heimathaus aufgebaut. Der Markt ist sichtbar voller geworden, und wer gerade nicht die Ware begutachtet, hat es sich an der Wein- oder Kaffeebar gemütlich gemacht. Baumgartner rechnet sich selbst vor. Im Kreisverdener Teil des Wahlkreises Rotenburg kenne man ihn, gerade entlang der Kreisgrenze – Visselhövede, wo ihn noch viele von früher kennen, und Sottrum – rechne er sich viele Stimmen für seine Partei aus. Aber auch in Fintel gehe was. „Ich glaube auch nicht, dass das Land besonders konservativ ist.“ Alles könne passieren. Und „etwas verändern würde ich noch sehr gerne“.

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