Lästige Laster

Hier stand mal eine kleine Mauer und davor noch ein Zaun. Beides haben Lkws zerstört. Die Situation am Neuenlander Weg in Stuckenborstel ist für die Anwohner nicht hinnehmbar.
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Hier stand mal eine kleine Mauer und davor noch ein Zaun. Beides haben Lkws zerstört. Die Situation am Neuenlander Weg in Stuckenborstel ist für die Anwohner nicht hinnehmbar.
  • Matthias Röhrs
    vonMatthias Röhrs
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Am Neuenlander Weg und Flörkendieksweg in Stuckenborstel herrscht Unmut: Durch das Wohngebiet fahren regelmäßig Lkws ins Gewerbegebiet an der A 1. Abhilfe brachte eine Beschilderung, doch die illegal aufgestellten Hinweise wurden entfernt. Die Sache wird allmählich zur Posse.

Stuckenborstel – Sie haben sich Mühe gegeben. Ein Bauzaun-Element haben die Anwohner des Neuenlander Wegs in Stuckenborstel umgestaltet. Fotos von Lkws sind darauf zu sehen, alle in der unmittelbaren Nachbarschaft aufgenommen. Lkws, die hier nicht hingehören in die Wohnstraße. Auf den Fotos sieht man, es ist zu eng für sie. Manche legen schwierige Wendemanöver ein und einige Meter weiter ist eine kleine Mauer bestes Zeugnis dafür, dass das nicht immer gelingt – oder besser: das, was von ihr übrig ist.

Am Flörkendieksweg und am Neuenlander Weg ist man zunehmend sauer. Rund anderthalb Jahre geht das nun so, seit das Rewe-Kühllager im Gewerbegebiet aufgemacht hat. Das Problem ist eigentlich banal: Das Lager oder auch das Gewerbegebiet selbst sind schlecht ausgeschildert. Navis schicken die Fahrer über den Neuenlander Weg zur Bertha-Benz-Straße und nicht, wie es sich eigentlich gehört, über das Gewerbegebiet Alte Dorfstraße zum Lager. Doch so einfach ist das scheinbar doch nicht. Zumindest ist es kompliziert genug, um am Donnerstagabend nicht nur die Anwohner, sondern auch Sottrums Bürgermeister Hans-Jürgen Krahn (CDU), Gemeindedirektor Holger Bahrenburg und den Landtagsabgeordneten Eike Holsten (CDU) zu einem Ortstermin zu mobilisieren. Letzterer soll nun Druck machen, dass endlich wirkungsvolle Schilder an der Autobahn-Abfahrt angebracht werden. Am liebsten, so die Anwohner, beim niedersächsischen Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) direkt. Dem haben sie auch schon einen Brief geschrieben.

Muss erst etwas passieren, bevor sich etwas tut? Das ist die Frage, die sie sich stellen. Die Sachschäden häufen sich in dem Wohngebiet, durch das die Lkw fälschlicherweise fahren. „Das erschließt sich den Fahrern oft nicht – sie sehen das Rewe-Kühllager und orientieren sich vor allem aus Hamburg kommend nach rechts“, sagt Gemeindedirektor Bahrenburg. „Es ist schwer, da Herr der Lage zu werden.“ Aber nicht nur Sachschäden, auch Personenschäden befürchten die Anwohner, wenn sich nicht etwas ändert. Das sei vor Kurzem nur durch Glück nicht der Fall gewesen, als eine junge Radfahrerin im Flörkendieksweg fast mit einem Lkw kollidiert wäre. „Beim Wendemanöver an der Abzweigung zum Pferdestall hat der Lkw nur durch Glück ein junges Mädel nicht erfasst“, beschreibt es Anwohner Thomas Hotze in einem Schreiben an die Gemeinde – ein Anlass für diesen Ortstermin.

Das Kühllager scheint zum Störfaktor für Sottrum geworden zu sein. Nicht nur in Stuckenborstel, auch an der Feldstraße und an der Alten Dorfstraße in Sottrum – ebenfalls Zuwegungen zum Gewerbegebiet – ächzt man unter der Lkw-Last. Immer wieder wenden sich die Anwohner an die Gemeinde, passiert ist bis auf einige Messungen und Einengungen der Straßen wenig. Am Neuenlander Weg gibt es Schilder, die ein Fahrverbot für Lkw bedeuten – gebracht haben sie offenbar nicht viel. Ein Verkehrsleitsystem sollte schon längst aufgebaut sein, doch auch diese Schilder sind noch nicht an der Wieste angekommen. Der Gemeinde sind die Hände gebunden. Auf einer Planungsausschusssitzung am Montag machte Bahrenburg auf Nachfrage der Grünen deutlich: „Der Ball liegt in Verden“ – und meint damit die Landesstraßenbaubehörde.

Hat man sich mit der Ansiedlung des Branchenriesen wirklich einen Gefallen getan? Eigentlich schon, glauben zumindest noch Bahrenburg und Bürgermeister Krahn. Rewe sei ein guter Steuerzahler und gut für den Standort Sottrum. Man hätte bloß die Zuwegung zum Gebiet anders gestalten müssen. Schon damals, als die Autobahn ausgebaut wurde. Ihren Schilderungen nach ist Rewe auch bemüht, die Lage am Neuenlander Weg in den Griff zu bekommen.

Es muss sich etwas tun, sind sich alle einig. Denn das erste vernünftige Hinweisschild folgt an der Kreuzung, an der es von der Autobahn kommend rechts nach Barkhof, geradeaus nach Sottrum und links in das Gewerbegebiet an der A 1 geht. Das Problem: An dieser Stelle treffen sich die Zuständigkeiten aus Sottrum, dem Landkreis und Verden. „Das liegt verkehrsrechtlich nicht mehr in der Hand der Gemeinde“, so Bahrenburg. Auch die Polizei sei informiert. Ein Verkehrsleitsystem würde von der Autobahnanschlussstelle aus eine Verbesserung bringen, direkt an der Abfahrt ist dies aber nicht möglich. Immerhin habe es mittlerweile die Genehmigung für Piktogramme gegeben, die bereits aufgebracht sind. Außerdem steht auf den Schildern von der Autobahn kommend mittlerweile der Hinweis Gewerbegebiet statt Campingplatz. „Aber unsere Möglichkeiten sind ausgeschöpft“, macht Bahrenburg deutlich, der die Anlieger verstehen könne. „Das ist nervig.“

Am besten funktionierte bislang ziviler Ungehorsam: Erleichterung hatte für wenige Wochen eine provisorische Rewe-Beschilderung gebracht. „Da war so gut wie kein fehlgeleiteter Verkehr festzustellen. Erst nach Entfernung durch die übergeordnete Verkehrsbehörde nahm die Belastung wieder erheblich zu“, schreibt Anwohner Hotze. Diese Schilder waren aber nicht konform mit den offiziellen Vorgaben, an der Autobahn direkt dürfen laut Aussage der zuständigen Straßenbehörde keine Hinweisschilder angebracht werden, teilt Bahrenburg mit. Und auch in dieser Woche haben Anwohner wieder ein illegales Schild an der Abfahrt Stuckenborstel angebracht. Die Frage ist auch, wie eine vernünftige Beschilderung aussehen kann. Dass da „Rewe“ draufsteht, davon geht Holsten nicht aus. Sowas sei der Landesbehörde zu werbend und das Publikumsinteresse an einem Kühllager nicht mit beispielsweise Dodenhof in Posthausen oder dem Magic Park in Verden vergleichbar, um eine Ausnahme zu rechtfertigen.

Es habe schon einige, teils erhebliche Sachschäden gegeben und die Anwohner „können von Glück sprechen, wenn sie durch Unfallflucht nicht auf ihren Kosten sitzen bleiben“, beschreibt es Hotze. Auch die Sperrung des Flörkendiekswegs für Kraftfahrzeuge und Motorräder fände wenig Beachtung – viele, und darunter nicht nur Liefer- und Baustellenfahrzeuge, sondern auch Autos aus dem umliegenden Kreis, würden die Sperrung einfach umgehen und die Abkürzung dennoch nutzen.

Die Gemeinde Sottrum versuche zu helfen, hat sich bereits mit Rewe-Verantwortlichen vor Ort getroffen, die versprochen hatten, ihre Speditionen zu instruieren. Nachfragen dieser Zeitung bei der Supermarkt-Kette blieben unbeantwortet und auch am Donnerstag war kein Vertreter vor Ort. „Aber letztlich entscheidet auch der Fahrer, wo er lang fährt“, so Bahrenburg. Wobei man sich auch fragen kann, warum sich bei den Fahrern noch kein Lerneffekt eingestellt hat. Neuenlander Weg und die anschließende Straße zum Gewerbegebiet sind Wirtschaftswege für die Landwirtschaft und alles andere als geeignet für einen Sattelschlepper.

Da man aber als Gemeinde nichts unversucht lassen wolle, habe man bereits den Weg über die Politik und eben jetzt den Landtagsabgeordneten gesucht, um weiteren Ermessensspielraum zu finden. „Spätestens bei Personenschäden kann sich keiner rausziehen, er habe von nichts gewusst“, sagt der Gemeindedirektor.

Von Ann-christin Beims Und Matthias Röhrs

Anwohner, Gemeindepolitik und der CDU-Landtagsabgeordnete Eike Holsten treffen sich vor Ort.
Von der Bundesstraße aus kommend weisen zwei Baken darauf hin, dass dort keine Durchfahrt ist.

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