Naturschutzgebiet an der Wümme: Zehn Lehren aus der Hellweger Ratssitzung

Kreis und Landwirte im Dialog

Die Besucher der Hellweger Ratssitzung haben viele praktische Fragen zur Umsetzung des Naturschutzgebietes an der Wümme. Teilweise gibt es Entwarnung, Wege dürfen weiterhin genutzt werden. Vorausgesetzt, wie hier in der Nähe der Sohlgleite, dass der Fluss selbst das zulässt. Foto: Röhrs

Hellwege – Es ist eine außergewöhnliche Sitzung des Hellweger Gemeinderats am Mittwochabend gewesen. Das geplante Naturschutzgebiet (NSG) „Wümmeniederung mit Rodau, Wiedau und Trochelbach“ lockte eine Vielzahl von Besuchern in das Heimat- und Kulturhaus – nicht nur aus Hellwege selbst. Eine Sitzung, die wie von Bürgermeister Wolfgang Harling (SPD) vorgesehen, mit der Zeit immer mehr den Charakter einer Bürgerversammlung annahm. Er hatte den ortsansässigen Landwirt André Tietjen und die Naturschutzbeauftragte des Landkreises, Christiane Looks, vorab dazu eingeladen, ihre Sicht auf den Sachverhalt vorzustellen. Außerdem hatten sich drei Vertreter der Unteren Naturschutzbehörde der Landkreisverwaltung angekündigt. Ursprünglich war vorgesehen, dass der Rat am Ende der Diskussion eine Stellungnahme abgibt. Der Beschluss wurde letztlich allerdings vertagt. Wir haben die Lehren des Abends zusammengetragen.

Das NSG betrifft Anwohner individuell

Ob es nun die Bauern sind, die sich um die ihrer Ansicht nach richtige Bewirtschaftung sorgen, oder vereinzelte Bürger, bei denen die Grenze des NSG mitten durch das Grundstück verläuft. Am Mittwoch wurde deutlich, die Gemengelage ist vielfältig, neigt gar zu einer gewissen Unübersichtlichkeit. Immerhin ein Streitfall konnte dem Vernehmen nach bereits im Vorfeld gelöst werden. Kaisers Gasthaus an der Wümme liegt nach den ursprünglichen Plänen zwar am Rande, aber immer noch innerhalb des NSG. Der Betrieb hätte so nicht mehr in gewohnter Form aufrecht erhalten werden können, Essen im Garten zum Beispiel wäre nicht mehr möglich gewesen. Das Gasthaus soll nun aus dem Gebiet herausgenommen werden, hieß es.

Hellwege sieht sich besonders betroffen

Das NSG ist so gut wie in allen Wümme-Kommunen im Landkreis aktuell ein großes Thema. Und jede hat seine eigenen Probleme damit. Innerhalb der Samtgemeinde Sottrum sei Hellwege, so Bürgermeister Harling, am meisten betroffen. Nicht nur von der Fläche her gesehen, sondern auch, weil in Hellwege viele Einwohner ihr Wohngrundstück direkt am NSG haben.

Das NSG sorgt für Unsicherheit

Grob gesprochen, soll das bisherige Flora- und Faunahabitat (FFH-Gebiet) in das NSG übergehen. Daraus ergibt sich ein Perspektivwechsel: In der Praxis wird nicht mehr geregelt, was in dem Gebiet verboten ist, sondern das, was noch erlaubt ist. Landwirt André Tietjen sprach in diesem Zusammenhang von der „größten Enteignung des Jahrtausends“. Er fürchtet um die Wirtschaftlichkeit seiner Grünflächen in der Wümmeniederung. Grünflächen, die in der Gemeinde Hellwege selten geworden seien. Durch die Verbote sehen er und Teile seine Kollegen ihre Existenz bedroht, zumal Entschädigungen und Ausgleichszahlungen nicht ausreichen würden. Er brachte Ersatzflächen ins Siel.

Doch nicht nur wirtschaftliche Interessen sind betroffen. Oft ging es in der zwischenzeitlich für die Besucher geöffneten Sitzung um praktische Fragen. Ist zum Beispiel das Spazieren gehen in der Wümmeniederung weiterhin möglich? Wie sehen Beschilderung und Strafen aus, wenn man die Wege verlässt? Die Wege dürften weiterhin benutzt werden, hieß es vom Landkreis. Strafen seien eine Ermessensentscheidung.

Es gibt Spielräume

Bei all den Sorgen sind nach Darstellung des Landkreises einzelne Ausnahmen möglich. Annika Mutke, Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde, lud zu Gesprächen ein – insbesondere die Bauern, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen. Grundsätzlich kann sich jeder Betroffene beim Landkreis informieren, was das NSG konkret für ihn bedeutet und wie Spielräume aussehen könnten.

Großer Aufwand für alle

Ausnahmen bedeuten aber, dass noch mehr Papierkram bewegt wird. Es wird einige Zeit dauern, bis alle Einwände und Stellungnahmen zum geplanten NSG vom Landkreis bewertet worden sind. Auch Landwirte müssen sich auf Zeit im Büro einstellen, wenn sie Ausnahmen beantragen wollen. Erster Kreisrat Torsten Lühring: „Es werden alle Einwände geprüft. Manches wird berücksichtigt, manches aber eben nicht.“

Konflikt zwischen zwei Seiten

Dem, was Kreisnaturschutzbeauftrage Christiane Looks als das Zusammentreffen der beiden „Unvereinbarkeiten Ökologie und Ökonomie“ beschrieb, konnte Lühring hingegen noch etwas Positives abgewinnen. Er sei dankbar für die beiden zuvor gehörten Vorträge Looks’ und Tietjens. Sie würden zwei Extreme abbilden, die für sich alleine sehr schlüssig seien. Es bleibt wohl abzusehen, wie sich am Ende alles zusammenfügt.

Hellwege will sich für Landwirte einsetzen

Eine Stellungnahme der Gemeine wurde am Mittwochabend aus Zeitgründen vom Rat nicht mehr verabschiedet, obwohl bereits der Verwaltungsausschuss laut Harling einige Varianten ausgearbeitet hatte. In den kommenden Wochen soll das auf einer neuen Sitzung nachgeholt werden. Der Bürgermeister kündigte nach der Sitzung aber an, dass man sich für die Belange der Hellweger Landwirte einsetzen wolle.

Ein wenig Zeit bleibt noch

Eigentlich ist die Frist für Einwendungen am Donnerstag abgelaufen. Eine offizielle Verlängerung gibt es nicht. Dennoch sicherte Lühring zu, auch spätere Stellungnahmen der Betroffenen zu berücksichtigen, sofern sie denn in den kommenden Tagen eintreffen.

Ausweisung wird sich hinziehen

Der Widerstand nicht nur in Hellwege, sondern in allen betroffenen Kommunen zeigt: Bis das NSG an der Wümme real wird, wird noch eine Menge Wasser den Fluss hinabfließen. Ein ähnliches Vorhaben, das NSG Beverniederung, hat Jahre gebraucht, bis ein Kompromiss gefunden war. Der Landkreis hat damals seine Erfahrungen gemacht, der am Ende entscheidende Kreistag wird eine Menge Diskussionsbedarf haben. Auch, weil Kreistagsabgeordnete aus den betroffenen Gemeinden, wie etwa Harling selbst oder auch Sottrums Bürgermeister Hans-Jürgen Krahn (CDU), auch die Interessen ihrer Mitbürger im Blick behalten werden.

Landkreis wünscht sich langfristigen Dialog

Nun ist es erstrebenswert, trotz der Differenzen beim Naturschutz am Ball zu bleiben. Thorsten Lühring wünscht sich, dass die Parteien – Behörde, Landwirte und Naturschutzverbände – auch nach der Ausweisung des NSG noch miteinander reden. „Danach muss der Dialog nicht aufhören.“

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