Interview mirt Professor Andreas Hensel

Die Wahrnehmung von Landwirten: „Kommunikation ist der Schlüssel“

Ein Bauer verteilt Pflanzenschutzmittel auf einem Feld. Für Professor Andreas Hensel vom Bundesinstitut für Risikobewertung ist es zivilisatorisch ein riesen Fortschritt, dass Menschen die Pflanzengesundheit beeinflussen können. Fotos: imago/BFR
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Ein Bauer verteilt Pflanzenschutzmittel auf einem Feld. Für Professor Andreas Hensel vom Bundesinstitut für Risikobewertung ist es zivilisatorisch ein riesen Fortschritt, dass Menschen die Pflanzengesundheit beeinflussen können.

Hellwege/Berlin - Von Matthias Röhrs. Wie steht es derzeit eigentlich um die Landwirtschaft? Die Bauern wissen das aus erster Hand, doch das widerspricht häufig dem, wie die Verbraucher auf die Landwirte blicken. Ein unlösbarer Konflikt?

Das fragt sich auf Professor Andreas Hensel, der bei der Mitgliederversammlung des Landvolk-Kreisverbands Rotenburg-Verden am Mittwoch in Hellwege als Gastredner auftritt. Er ist der Leiter des Bundesinstituts für Risikobewertung und beschäftigt sich bei seinem Vortrag mit der modernen Landwirtschaft zwischen Wahrnehmung, Wissenschaft und Ökonomie. Vorab haben wir mit Hensel über unsere Lebensmittelqualität, Konfliktsituationen und ihre Ursachen gesprochen.

Herr Hensel, wenn man sich die billigen Lebensmittelpreise anschaut, kann man sich stellenweise nicht vorstellen, dass unsere Nahrung tatsächlich noch qualitativ hochwertig ist. Dazu kommen gelegentliche Lebensmittel-Skandale. Wie gefährlich ist das Essen heutzutage?

Es gibt einen Unterschied zwischen Gefahren und Risiken: Gefahr bedeutet ja, dass irgendetwas im Essen drin ist, das krank machen könnte. Aber die Frage ist, ob da etwas drin ist, das auch krank macht. Ob ein Stoff – in welcher Konzentration auch immer – im Lebensmittel ist, ist nicht so interessant wie die Frage, ob diese Konzentration die Gesundheit schädigen kann – das ist ein Riesenunterschied. Unter den Bedingungen der heutigen Analytik, wo wir praktisch schon Moleküle nachweisen können, muss die Antwort darauf, ob etwas potenziell Krankmachendes im Essen ist, mit Ja beantwortet werden. Es gibt letztlich kein Lebensmittel, in dem man nicht – wenn auch in einer sehr niedrigen Verdünnung – Stoffe findet, die in höheren Konzentrationen nachteilige Effekte auf die Gesundheit haben.

Sind diese Stoffe nicht vermeidbar?

Professor Andreas Hensel spricht Mittwoch in Hellwege beim Landvolk-Kreisverband Rotenburg-Verden.

Wie gesagt: Dass irgendetwas Schädliches im Essen drin ist, ist häufig nicht vermeidbar. Entscheidend ist aber immer die Dosis, denn sie macht das Gift. Unerwünschte Stoffe können im Übrigen auch natürlicherweise in Lebensmittel gelangen. So sind Schwermetalle Bestandteile der Erdkruste. Sie können sich von dort zum Beispiel über die angebauten Pflanzen in Lebensmitteln anreichern, wie Blei oder Kadmium. Dioxine entstehen hauptsächlich durch Verbrennungsvorgänge, gelangen so in die Umwelt und von dort in Lebensmittel. Die Frage ist: Wie kann man sichere Lebensmittel in einer industrialisierten Welt produzieren und dabei gleichzeitig dem Umweltschutz Rechnung tragen? Industrialisierungsprozesse gibt es ja schon seit Jahrhunderten, sodass wir es heute mit potenziell gesundheitsschädlichen Stoffen zu tun haben, deren Anwesenheit in der Umwelt wir nur wenig beeinflussen können. Man kann diese zwar regulieren, aber nicht aus Lebensmitteln „rausverbieten“, da sie unvermeidbar sind. Für diese Fälle gibt es gesetzliche Höchstgehalte, an denen wir uns bei der Festsetzung orientieren, ob ein Lebensmittel noch handelbar und zugleich sicher ist.

Ist eine chemiefreie Landwirtschaft in einer industrialisierten Gesellschaft wie die unsere möglich?

Schon den Begriff „chemiefrei“ halte ich für falsch. Was heißt das denn? Es gibt keine Welt ohne Chemie, alles ist stofflich, wir bestehen alle zu 100 Prozent aus Chemie. Analysiert man die Situation im Pflanzenschutz, sehen wir, dass sowohl der Bio-Bauer als auch der konventionell arbeitende Landwirt verschiedene chemische Substanzen gegen Schaderreger einsetzt. Man will eben etwas ernten und nicht zusehen, wie es von Schädlingen aufgefressen wird oder vergammelt. Es ist zivilisatorisch gesehen ein Riesenfortschritt, dass wir Pflanzengesundheit heute selbst beeinflussen können.

Also sind Pflanzenschutzmittel ein Muss?

Jeder Landwirt will seine Pflanzen schützen. Man muss sich aber klarmachen: Es geht hier um zwei konkurrierende Schutzgüter, nämlich zum einen um die Versorgungssicherheit letztlich des ganzen Landes. Zum anderen sind im Pflanzenschutz Rückstände erwartbar, aber in den Lebensmitteln nur in solchen Konzentrationen gesetzlich erlaubt, die die Gesundheit des Verbrauchers nicht schädigen.

Im Zusammenspiel in den Debatten um Lebensmittelqualität sind die Bauern die moralisch Angeklagten. Die wälzen das dann gerne auf eine mutmaßlich mangelnde Zahlungsbereitschaft der Verbraucher ab. Wer hat denn nun Schuld?

Ich denke, man kann dem Verbraucher keine Schuld geben, dass er preisgünstige, gute und wohlschmeckende Lebensmittel kauft. Der Landwirt liefert allerdings in den seltensten Fällen direkt an den Verbraucher. Der Einzelhandel ist dazwischengeschaltet. Die ökonomische Beziehung besteht dadurch im Wesentlichen zwischen Verbrauchern und Einzelhandel. Er stellt sich mit seiner Produktpalette auf die Erwartungen des Verbrauchers ein. Wie diese zusammengesetzt ist, hat mit der Erzeugung nicht mehr viel zu tun. Das ist ein Problem, da die Mehrheit der Menschen mittlerweile in Städten lebt und damit weit weg ist von den Orten, wo Lebensmittel produziert werden.

Welchen Effekt hat das?

Ich behaupte, dass viele gar keine Vorstellung davon haben, wie die Landwirtschaft heutzutage genau funktioniert. Dass das eine differenzierte, ökonomisch gesteuerte und arbeitsteilige Produktion ist, die effizient sein muss, um wirtschaftlich zu sein, wird häufig vergessen. Der Verbraucher schraubt gleichwohl seine Ansprüche an die Landwirtschaft – zum Beispiel bei den Themen Gentechnik, Tierwohl, Preis – einfach hoch. Dann wird der Druck über den Einzelhandel auf die Produzenten erzeugt, weil die Kunden es eben erwarten.

Ist das der unlösbare Konflikt, den Sie andeuten?

Nicht unbedingt. Es gibt viele Dinge die zwischen dem Spannungsbogen der reinen Fachlichkeit und den Erwartungen der Verbraucher liegen. Es geht uns ja allen so: Wir haben bestimmte Vorstellungen, wie Lebensmittel produziert werden sollten. Aber die Frage, ob das überhaupt – auch zu den Preisen, die wir zu zahlen bereit sind – geht, beantworten wir nicht. Wir treffen mit diesen Erwartungen zudem in den meisten Fällen nur unsere eigenen Landwirte. Wir vergessen aber, dass in einem gemeinsamen Binnenmarkt ein großer Teil unserer Nahrungsmittel aus anderen Ländern kommt, wo wir die Produktionsbedingungen nicht beeinflussen können. Politische Erwartungen werden immer da umgesetzt, wo es geht, während anderswo fröhlich weitergemacht wird wie bisher.

Sie würden die Frage nach dem unlösbaren Konflikt nicht stellen, wenn Sie nicht auch einen Ausweg parat hätten. Wie sieht der aus?

Kommunikation ist hier der Schlüssel. Es ist wichtig, dass man heutzutage mehr darüber nachdenkt, wie man die ländlichen und urbanen Räume wieder miteinander in Beziehung bringt. Die Städter finden den ländlichen Raum als Freizeit- und Naturraum attraktiv, während auch ein Landwirt weiß, dass er seine Kunden in der Stadt hat. Dennoch ist man sich fremd geworden. Städter müssen eben auch verstehen, dass der Preisdruck Zwänge in den Produktionsbedingungen zur Folge hat. Das bedeutet, dass wir heute mehr Tiere pro Fläche und in der Tendenz einen industrialisierten Ackerbau haben – weit weg von unserem Bauernhofbild aus dem 17. Jahrhundert.

Bauern haben insgesamt immer noch mit romantisierenden Vorstellungen der Verbraucher über die Landwirtschaft zu kämpfen. Was kann man dagegen machen?

Das ist auch selbst verschuldet. Man hat lange Jahre gut damit gelebt, dass sich die Städter nicht um dieses Thema gekümmert haben. Wir haben heute eine Ernährungssicherheit, in der wir praktisch unbegrenzt Zugang zu preisgünstigen und weltweit erzeugten Lebensmitteln in hoher Qualität haben. Produkte kann man zudem auch erst vermarkten, wenn sie sicher sind. Aber in dem Moment, wo diese Sicherheitsfrage gelöst ist, sind andere landwirtschaftliche Themen in die in die öffentliche Diskussion gekommen, und das sind eben Fragen nach dem Tierwohl oder unerwünschten Stoffen in Lebensmitteln.

Die Wahrnehmung der Landwirtschaft wird stark von Emotionen geprägt: Wie blickt das Bundesinstitut für Risikobewertung auf die Bauern?

Unsere Aufgabe ist es, gute Ratschläge in den Bereichen zu geben, wo wir gesunde Lebensmittel erzeugen wollen. Wir schauen außerdem auf Produkte, beispielsweise Spielzeug und Kosmetika. Wir arbeiten daran, Standards einzuführen, dass die Produkte, die an unterschiedlichen Stellen auf der Welt hergestellt werden, sicher sind, wenn sie auf unseren Markt kommen. Wie solche Standards entstehen, ist auch eine Frage an die Überprüfung im Labor, der Analytik. Das bedeutet, dass die Produktherstellung durch qualitätssichernde Maßnahmen begleitet und unerwünschte Substanzen detektierbar werden. Wenn man alles zusammen nimmt, sieht man, dass Lebensmittel heutzutage so sicher sind wie noch nie zuvor.

Gibt es dafür auch Gründe abseits der Analytik?

Wir haben die Beweislast umgekehrt. Vor 100 Jahren waren es die Sanitäts- und Veterinärpolizei, die geprüft haben, ob Produkte nicht mehr verkehrsfähig oder krankmachend sind. Heute dagegen ist der Hersteller oder der Importeur zuständig für die Sicherheit. Die dahinter gelegte Verpflichtung für den Hersteller, das zu kontrollieren, führt dazu, dass wir qualitätsgesicherte Produkte haben. Der Staat kontrolliert dann die Eigenkontrollen der Hersteller. Dieses System hat sich nun seit 20 Jahren bewährt und die Zahl der lebensmittelbedingten Krisen stark gesenkt.

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