Ehrenmitglied im Schachclub Sottrum

Interview mit Schachgroßmeister Helmut Pfleger

Helmut Pfleger, Großmeister im Schach aus München und Ehrenmitglied im Schachclub Sottrum, ist immer wieder gern gesehener Akteur bei Simultanturnieren.

Sottrum - Von Manfred Klein. Zwei Tage lang, gestern und heute, schieben beim Jahresschluss-Open des Schachclubs Sottrum, Freunde des königlichen Spiels Schachfiguren über das weiß-schwarz karierte Brett. Es ist mucksmäuschenstill im Festsaal des Hotel Röhrs, wenn Männer und Frauen, Kinder und Jugendliche ihren Denksport treiben. Über Sinn und Wert des Schachspiels sprach die Kreiszeitung mit dem Großmeister im Schach aus München und Ehrenmitglied im Schachclub Sottrum, Helmut Pfleger.

Herr Pfleger, können Sie Eltern empfehlen, ihren Kindern Schach beizubringen?

Helmut Pfleger: Unbedingt. Viele Studien haben gezeigt, dass das Schachspiel den Kindern nicht nur Spaß macht, sondern auch die schulischen Leistungen verbessert. Ich selbst bin im Rahmen der Münchner Schachstiftung gelegentlich in Grundschulen mit einem Ausländeranteil von etwa 90 Prozent beim Schachunterricht dabei – die Schulleiter würden gerne noch mehr davon haben, weil sie die gute Auswirkung auf die Kinder sehen. Insofern ist es kein Zufall, dass das Schulschach in Deutschland im Aufwind ist. In Ländern wie Armenien, Aserbaidschan oder Cuba ist es sogar reguläres Schulfach.

Welche Vorteile sehen Sie für ein Kind, das früh Schach spielt?

Pfleger: Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker war 1987 beim alljährlichen Schulschachturnier „Rechtes gegen linkes Alsterufer“ in Hamburg dabei und bezeichnete dies als eine der sinnvollsten Veranstaltungen in seinem politischen Leben. Er wies in diesem Zusammenhang auf die vielfältigen positiven Auswirkungen des Schachspiels im täglichen Leben hin: Es kann helfen, Pläne zu fassen und Entscheidungen zu fällen, aber auch sich zurückzuhalten und zu beherrschen, einen fairen Umgang mit dem Gegner zu pflegen, dessen Ideen zu antizipieren und vieles mehr.

Wie können sich Schach-AGs an Grundschulen und weiterführenden Schulen stärker etablieren?

Pfleger: Das hängt weitgehend von aufgeschlossenen Lehrern an diesen Schulen ab. Beim Deutschen Schachbund gibt es eine eigene Schulschachabteilung, die Hilfestellung geben kann.

Auch in Sottrum hat Helmut Pfleger am Demonstrationsbrett schon erklärt, wie erfolgreich Schach gespielt wird.

Welche Handreichungen können Sie Schachvereinen an die Hand geben, damit sie erfolgreich ihre Jugendarbeit betreiben?

Pfleger: Auch hier kann man sich an die Deutsche Schachjugend unter dem Dach des Deutschen Schachbunds in Berlin wenden. Ich selbst habe mit zwei Freunden das offizielle Lehrbuch des Deutschen Schachbunds „Zug um Zug“ geschrieben, mit dem man, nicht zuletzt über Prüfungen wie das Bauern-, Turm- und Königsdiplom, Vereinsspielerstärke erreichen kann. Darüber hinaus gibt es DVDs wie „Fritz & Fertig“, der Hamburger Firma Chessbase, die in vielen Ländern zahlreiche Preise errungen haben. Am wichtigsten erscheint mir aber das Spielen miteinander, mit einem „leibhaftigen“ Gegenüber.

In Russland und anderen osteuropäischen Ländern ist das Fach „Schach“ als eigenständige Studieneinheit etabliert. Warum bei uns nicht?

Pfleger: In den ehemaligen Staaten der Sowjetunion hat das Schach mehr Tradition, teilweise weil die kommunistischen Führer wie Marx, Liebknecht, Lenin, Trotzki und andere selbst gerne Schach spielten. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte es auch die Überlegenheit des sowjetischen Modells im „intellektuellen Sport“ zeigen. Die Wertschätzung zeigt sich auch darin, dass die Weltmeister Karpow und Kasparow mehrmals „Sportler des Jahres“ in der Sowjetunion waren, obwohl es auch viele andere hervorragende Sportler dort gab. Es gab mehr als vier Millionen organisierte Schachspieler, mehr als Fußballspieler.

Schach im Alter soll ja auch Segen spendend sein. Welche Vorteile hat Schach für Senioren?

Pfleger: Auch hier wieder ist entscheidend, dass es Spaß macht. Etliche Studien zeigen, dass Schach demenzvorbeugend ist, vielleicht noch mehr als andere geistige Beschäftigungen.

Sollten Schachvereine nicht öfter in Senioren- und Pflegeheimen vorsprechen, um dort Geist und Frohsinn zu etablieren – durch Schachnachmittage oder -abende?

Pfleger: Unbedingt. Hier darf ich nochmals auf die Münchner Schachstiftung verweisen, die nicht nur Schulen, auch die „Schlauschule“ mit jungen Flüchtlingen, krebskranke Kinder im Krankenhaus und Behinderteneinrichtungen wie die „Pfennigparade“ betreut, sondern auch erfolgreich in Alten-Service-Zentren (ASZ) geht und so dort zur Lebensqualität beiträgt.

Wie kann generell Schach in unserer Gesellschaft einen höheren Stellenwert gewinnen?

Pfleger: Prinzipiell mit den oben genannten Initiativen, wobei Schulschach wohl an erster Stelle steht. Leider ist negativ zu verbuchen, dass die Anzahl der Schachspalten in Zeitungen zurückgegangen ist und es auch kaum noch Schach im Fernsehen gibt, andererseits kann man wichtige Turniere heutzutage live mit Kommentaren im Internet verfolgen. Außerdem kann man rund um die Uhr Schach im Internet gegen „die ganze Welt“ spielen.

Früher gab es Kaffeehaus-Schach. Heute hält kaum ein Lokal, kaum ein Bistro oder Restaurant ein Schachbrett mit Figuren vor. Sehen Sie auch da vielleicht Möglichkeiten für Vereine, aktiv zu werden?

Pfleger: Auch das ist leider nahezu überall ein Manko, das Kaffeehaus-Schach wie in der „guten, alten Zeit“ gibt es kaum noch. Andererseits gibt es gelegentlich auch Gegenbeispiele. Der Bamberger Schachklub von 1868, dreimaliger deutscher Mannschaftsmeister in den 1960er- und 70er-Jahren, der nächstes Jahr sein 150-jähriges Bestehen feiert, war fast am Absterben, als einige Mitglieder gegensteuerten und viele Aktivitäten planten. Jetzt gibt es zwei Schachabende pro Woche, und die Mitgliederzahl stieg wieder von 60 auf über 130. Wichtig hierbei ist, dass der Mittwoch-Schachabend in einem Gasthof stattfindet und sich auch für den Wirt „rechnet“. Im Jubiläumsjahr 2018 sind über das ganze Jahr viele Veranstaltungen geplant, die vermutlich zu einem noch größeren Aufschwung beitragen werden.

Was sind, was waren Ihre Sternstunden im Schach – als Aktiver und als Moderator? Erzählen Sie mal ein bisschen., treten Sie heute noch hin und wieder im Simultanturnier an?

Pfleger: Ich spielte bis zur Mannschafts-WM 1985 in Luzern international, danach berichtete ich über Weltmeisterschaften, das große Turnier in Dortmund und so weiter nur noch im Fernsehen. Im Fernsehen begann es 1977 mit einer Partie des damaligen Weltmeisters Anatoli Karpow gegen die deutschen Fernsehzuschauer in allen dritten Programmen, wobei jede Woche ein Zug erläutert wurde. Die Sendungen waren recht populär, teilweise wurden eine Million Zuschauer erreicht – das war allerdings vor dem Aufkommen der privaten Sender. Die letzte Sendung war „Schach der Großmeister“ 2005 im WDR, als die beiden Kommentatoren Vlastimil Hort und ich zum Schluss gegeneinander spielten, wobei diesmal Lothar Schmid, Artur Jussupow und Arkadi Naiditsch den Kommentar übernahmen. Die Partie endete remis. Allerdings habe ich bei ARD-Alpha auch danach noch halbstündige biografische Sendungen gehabt.

2019 feiert der Schachclub Sottrum 60. Geburtstag. Können Sie sich vorstellen, als Ehrenmitglied des Vereins in zwei Jahren zu einem Simultanturnier an die Wieste zu kommen?

Pfleger: Gerne würde ich wieder zu einem Vortrag am Demo-Brett mit anschließendem Simultan nach Sottrum kommen, ich habe mich beim Schachclub Sottrum immer sehr wohl gefühlt. Natürlich spiele ich heute mit 74 Jahren viel seltener simultan als früher, aber beispielsweise beim jährlichen Ärzteschachturnier, das ich betreue, spiele ich seit 25 Jahren immer simultan.

Wie kam es überhaupt dazu, dass ein Großmeister im Schach aus München Ehrenmitglied eines kleinen Schachvereins in Norddeutschland wird?

Pfleger: Das ist ganz einfach. Besagter Großmeister wurde von einem rührigen Kassenwart und Volksbankvorstand in Personalunion, von Bodo Becker nämlich, nach Sottrum eingeladen, wir fanden Gefallen aneinander und schwuppdiwupp war ein Bayer Mitglied eines besonderen Vereins – der sich Gott sei Dank nicht über Lokalnöte wie viele andere beklagen muss – im tiefsten Norddeutschland.

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