Sottrumer Erzieherinnen sind enttäuscht vom Gesetzesentwurf

Kita-Gesetz bringt keine Verbesserung

Die Erzieherinnen Anika Peters (l.) und Nina Pohl sitzen an einem kleinen Holztisch im  Außenspielbereich des Kindergartens.
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Es gibt noch viel zu verbessern im Kita-Bereich – aber mit dem neuen Gesetzesentwurf passiert das nicht, meinen Anika Peters (l.) und Nina Pohl.

Die Hoffnung unter den Sottrumer Erzieherinnen war groß, dass sich mit dem neuen Kita-Gesetz in Niedersachsen für ihre Arbeit etwas zum Positiven verändert. Doch wirkliche Verbesserungen lassen sich nur schwer finden.

Sottrum – Die Überarbeitung des Niedersächsischen Gesetzes über Tageseinrichtungen für Kinder ist lange überfällig – fast 30 Jahre, um genau zu sein. Doch die geplanten Veränderungen stoßen vielen sauer auf – Verbänden, Erziehern, Familien. Es sei schwer, überhaupt Verbesserungen zu finden, sagen auch Nina Pohl, Kita-Koordinatorin für die Gemeinde Sottrum, und Erzieherin Anika Peters.

Beide sitzen im ersten Stock im Kindergarten Pusteblume. Von draußen klingt fröhliches Kindergeschrei herein – die Eingewöhnungskinder sitzen etwas ruhiger in der Sandkiste, während auf der anderen Seite der coronabedingten Absperrung die einen mit Fahrzeugen durch die Gegend toben, die anderen in der Matschecke spielen. Gute Laune draußen, Frustration drinnen: Denn die Anpassungen entsprechen nicht dem, was sich die Erzieher erhofft hatten.

Mehr Personal. Dringend. Das ist eine wesentliche Forderung. Zwar soll durch die gestaffelte Einführung einer dritten Kraft Abhilfe geschafft werden – doch beginnt der Personalausbau erst 2023, mit 15 zusätzlichen Stunden über in der Ausbildung befindliche Erzieher oder Sozialassistenten. Ab 2027 soll die dritte Kraft mit 20 Wochenstunden in Ganztags-Kitas kommen. „Da geht es schon los: nur in Ganztagsgruppen“, sagt Pohl. Was ist mit den anderen? Neun Kita-Gruppen gibt es in der Gemeinde, davon drei Ganztagsgruppen.

Bis 2027 bleibt also alles wie gehabt. „Wo ist die Verbesserung?“, fragt Pohl. Finanzielle Mittel müssten schon jetzt bereitgestellt werden, die Bedingungen verbessert. Es müsste nicht mal eine dritte Erzieherin sein, es könnte jemand mit interessanten Vorerfahrungen aus anderen Berufen sein. „Spezielle Experten, die den Kindern etwas mitbringen. Die Qualität der Gruppe ist dann über die ersten beiden Fachkräfte abgesichert.“ Kräfte, die erst angelernt werden müssen, gibt es schon jetzt.

Unbeschwert mit den Kindern spielen – das geht, aber ausreichend Zeit ist dafür nicht eingeplant.

Jeweils zwei Fachkräfte betreuen aktuell 25 Kinder, im Krippenbereich 15 Kinder. „Maßlos zu viel.“ Sinnvoller wäre eine Reduktion der Gruppen gewesen. Denn der neue Entwurf umfasst auch drei „Platz-Sharings“, also eigentlich 28 Kinder: „Wie das in der Praxis aussehen soll, erschließt sich mir nicht – sie drücken uns durch die Hintertür noch größere Gruppen auf“, kritisiert Pohl.

Außerdem dürften Kinder bis zu zehn Stunden pro Tag betreut werden. Zwar sollte das die Ausnahme sein, doch grenze das an Kindeswohlgefährdung: eine 50-Stunden-Woche im Extremfall und zwischen Krippe und Kindergarten wird nicht unterschieden. „Das ist eine große Herausforderung für ein Kind, das ist Arbeit, es hat keinen Rückzug.“

Auch finanziell habe sich wenig getan: Die Mittel aus dem „Gute-Kita-Gesetz“ des Bundes wurden nicht für Qualitätsverbesserungen genutzt – obwohl sich das Land vertraglich verpflichtet hat. Das Geld wurde in die Beitragsfreiheit investiert. „Vor Ort ist noch nichts angekommen“, so Pohl. „Das war ein leeres Versprechen.“

Was aber ankommt: wachsende Aufgaben ohne angepassten Personalschlüssel. 7,5 Stunden Vorbereitungszeit haben zwei Erzieher zusammen. Mindestens das Doppelte wäre notwendig. Davon müssen viele Dinge wie Beobachtungsbögen, Elterngespräche und Dienstbesprechungen geführt sowie Sprachförderung gemacht werden. Letztere wurde aufgenommen. Aber: Die Stunden dazu fehlen. „Es türmt sich immer mehr auf, ohne mehr Zeit bei immer höheren Ansprüchen.“

Ein Transparent am Stuckenborsteler Kindergarten sagt, was die Erzieherinnen vom Kita-Gesetz halten.

Die Fachkräfte leben im ständigen Spagat zwischen dem Anspruch – auch dem eigenen – an hochwertige Erziehung und den realen Bedingungen. Das sorgt für Frust, hohe Krankenstände. Auch Peters zählt sich nach mehr als 20 Jahren dazu – sie studiert jetzt Soziale Arbeit. „Viele brennen aus, suchen nach Alternativen“, so Pohl. Keine angemessenen Rahmenbedingungen. „Man braucht viel Idealismus“ – stattdessen merke sie oft Resignation. Viele gehen nach wenigen Jahren. Zunehmend auch Ältere: wenig Wertschätzung, es geht auf die Gesundheit mit kaputten Rücken und Knien, wenig Zeit, zu wenig Personal. „Es ist eine gefährliche Entwicklung“, mahnt Peters.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich viel verändert, sagen beide rückblickend. „Es herrscht eine hohe Professionalität“, das werde wahrgenommen. Aber: Gerade für den Nachwuchs muss der Job attraktiver gestaltet werden. Auch durch angemessene Bezahlung – selbst die Ausbildung müssen angehende Erzieher selbst finanzieren. Zwar gibt es Modellprojekte mit Vergütung, aber das sei die Ausnahme. Plus: Zeit, die eine Kita in die Azubis investiert, geht wieder von der Gruppenzeit ab.

Dabei sei das Geld nicht der Hauptfaktor. Die Arbeitsbedingungen zu verbessern stehe für viele an erster Stelle. Ihr Träger, sagen Pohl und Peters, tue viel – aber gesetzlich müsse sich noch einiges tun. Vieles würde über Verordnungen geregelt, „teils sehr schwammig formuliert“. Beim Thema Formulierungen sind sie ohnehin unzufrieden: Einen Förderauftrag haben sie künftig statt Erziehungs- und Bildungsauftrag. Unter Pädagogen sei das jedoch eher negativ behaftet. „Es wird mit Defiziten verbunden. Es geht nicht mehr um das, was das Kind mitbringt, welche Stärken es hat“, meint Pohl.

Durch Corona geschehe vieles leise. Vielen fehlt die Kraft, aufzustehen – und Demonstrationen waren zeitweise nicht möglich. „Fast 30 Jahre tut sich nichts“, sagt Pohl. „Und dann wird es schnell durch die Hintertür geschoben.“

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