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Kirchenmusik-Proben in Pandemiezeiten bleiben eine Herausforderung

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Von: Judith Tausendfreund

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Kreiskantor Simon Schumacher
Mit einem Stapel Noten unter dem Arm bereitet sich Kreiskantor Simon Schumacher auf die Proben unter den derzeitigen Möglichkeiten vor. © Ann-Christin Beims

Singen auf Distanz: Die Gestaltung der Kirchenchor-Proben bleibt bei fortschreitender Pandemielage eine Herausforderung für die Kantoren. Wie sie damit umgehen und wie die aktuelle Situation für sie ist, erzählen Simon Schumacher und Johannes Kaußler. 

Rotenburg/Sottrum – Kreiskantor Simon Schumacher ist vorsichtig optimistisch, trotz der anhaltenden schwierigen Zeiten für Kirchenmusiker. Vieles, was früher selbstverständlich war, lässt sich seit Ausbruch der Pandemie nicht mehr realisieren. Etwa eine Probe mit vielen Sängern oder gar ein Konzert mit 80 Sängern auf der Empore in der großen Rotenburger Stadtkirche. „Aber immerhin, wir können proben“, so Schumacher.

Schon seit dem ersten Lockdown sei das durchgehend wieder möglich. Natürlich mit den entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen: große Abstände, Masken am Platz, regelmäßiges Lüften – geprobt wird auch nur unter der 2G-Regel. „Teilweise proben wir auch online, zum Beispiel mit denen, die sich zur Präsenzprobe nicht trauen“, schildert er. Das kann aus gesundheitlichen Gründen sein oder aus anderen privaten Gründen. Jedes Chormitglied kann sich aber per Zoom online dazuschalten, erhält die Noten dann als PDF-Datei und kann von Zuhause aus mit den anderen proben.

Töne auf Distanz

Singen auf Distanz ist schwierig, vieles fehlt den Musikern. „Aber wir haben Töne auf Distanz geübt“, so der Kirchenmusiker. Musikalisch sei das sehr schwierig, man spüre sich nicht. Es fehlt auch körperlich vieles, was einst zur Chorprobe dazugehörte. Die Proben sind unterschiedlich stark besucht. Einmal hat er sogar nur mit einem Mitsänger geübt. Dabei bietet das Gemeindehaus, in dem geprobt wird, noch verhältnismäßig viel Platz, sodass das Thema Abstand halten gut umsetzbar ist.

Positiv gestimmt habe ihn aber der Sommer: „Wir haben jetzt die Erfahrungen aus mehreren Corona-Wintermonaten und wir wissen, dass wir uns wieder auf den Corona-Sommer freuen können“, beschreibt es Schumacher weiter.

Auch in den vergangenen Sommer-Monaten habe sich vieles realisieren lassen. „Wir gehen jetzt mit mehr Zuversicht in die Situation“, so Schumacher. Ende Juni soll dann auch endlich das seit Jahren geplante Highlight, Händels Messias sowie Beethovens Oratorium „Christus am Ölberg“, auf die Bühne gebracht werden. Geplant wurde das Event schon vor zwei Jahren, nun endlich soll es auch mit der Umsetzung klappen. „Abwarten ist keine Lösung, wir müssen mit der Situation leben.“ Schumacher geht pragmatisch mit der ganzen Sache um.

Wir haben Mitglieder, die der Meinung sind, wer geimpft ist, kann wieder alles machen. Andere wollen abwarten, und dazwischen gibt es sehr viele Schattierungen.

Kantor Johannes Kaußler

Schwierig sei nach wie vor, dass mit der geringen Besucher-Anzahl, die durch die notwendigen Abstände nicht zu ändern ist, auch weniger Einnahmen fließen. „Es fehlt dann die Möglichkeit, Konzerte zu refinanzieren“, weiß der Kantor. Zwar gebe es Fördermöglichkeiten, die man beantragen kann, aber eine Konzertplanung wie es einst mal war, ist noch lange nicht in Sicht.

Schumacher wünscht sich von der Politik möglichst eine nachhaltige Kulturförderung. „Es wäre schön, wenn es weiter im Bewusstsein bleibt, wie wichtig ein Kulturangebot ist“, betont er. Von seinen Mitmenschen wünscht sich der Kantor vor allem sachliche Diskussionen. „Es gibt leider viel aggressives Nichtwissen, das macht es nicht einfacher“, so Schumacher. Ihm fehle zuweilen der respektvolle Umgang miteinander.

Johannes Kaußler, Kantor in Sottrum und Ottersberg, könnte fast ein wenig neidisch auf die Situation sein, die Schumacher in Rotenburg beschreibt. In Sottrum ist die Kirche einfach nicht groß genug, Abstände während der Chorproben können nicht wie notwendig realisiert werden. „Momentan sind wir an einem Tiefpunkt“, gibt er zu. Alles ruhe, das Thema Kirchenmusik stehe still. Eine Zukunft der Kirchenmusik sieht er aktuell nicht. „Ich weiß nicht, wie die aussehen soll“, so Kaußler.

Singkreis ruht

Die Kirchengemeinde sei bisher ganz gut mit der Pandemie umgegangen, „wir haben immer dann gesungen, wenn wir durften“. Im Konzertchor seien viele Musiker, die auch alleine singen könnten. Auch hätten sich alle Beteiligten mit verschiedenen Geschichten kirchenmusikalischer Art über Wasser gehalten. Dennoch: „Die Zahl der Sänger ist erheblich geschrumpft“, so der Kantor. Über die lange Zeit hinweg sei vieles hinten runtergefallen. „Es ist unwahrscheinlich, dass wir da einfach so wieder anknüpfen können, wenn es eine neue Situation geben sollte“, führt er aus.

Auch der Hassendorfer Singkreis ruhe, ebenfalls ist dort völlig unklar, wie es weitergehen kann. „Viele wollen momentan auch einfach nicht“, so Kaußler. Manche Entscheidungen seien eine Frage der Sichtweise und der Psychologie. „Wir haben Mitglieder, die der Meinung sind, wer geimpft ist, kann wieder alles machen. Andere wollen abwarten, und dazwischen gibt es sehr viele Schattierungen und auch sehr viele Diskussionen“, beschreibt er die Stimmung.

Die Perspektive fehlt. „Man kann nichts planen.“ Auch er beschreibt die Schwierigkeit, Konzerte nicht mehr finanzieren zu können – denn durch die notwendigen Abstände ist es nicht möglich, ausreichende Einnahmen durch verkaufte Konzertkarten zu generieren. „Viele unserer Sänger sind weiter Mitglieder und zahlen ihre Beiträge, obwohl wir nicht proben können.“ Dafür ist der Kantor dankbar. Aktuell bleibt es jedoch bei einem musikalischen Termin im Monat, an jedem ersten Samstag im Monat um 18 Uhr findet die musikalische Vesper statt. „Es geht schon weiter, aber wie und wann, das weiß keiner“ – fast klingt es wie ein Stoßgebet.

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