Der Sottrumer Kantor Johannes Kaußler über die Rolle der Musik in einer Gemeinde

Interview: „Kirche hat einen kulturellen Auftrag“

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Johannes Kaußler ist seit 15 Jahren Kantor in Sottrum.

Sottrum - Von Matthias Röhrs. Seit mittlerweile 15 Jahren sitzt Johannes Kaußler an Orgel der Sottrumer St.-Georg-Kirche, leitet als Kirchenmusiker zudem fünf Chöre sowie ein Projektorchester.

Doch welche Rolle spielt Musik überhaupt im Gottesdienst und in der Gemeinde? Im Gespräch gibt der Ottersberger Antworten und erklärt, warum Kunst und Glaube eng miteinander verwoben sind.

Herr Kaußler, hängen Ihnen als Kirchenorganisten die immer selben Lieder nicht zum Halse raus?

Johannes Kaußler: Nein, diese Lieder haben schon dutzende Generationen von Organisten vor mir gespielt, und selbst ein Johann Sebastian Bach hat Choräle über Kirchlieder geschrieben, die damals schon 200 Jahre alt waren. Also warum sollten sie mir zum Halse raushängen? Wenn etwas gut ist, hat es einen bleibenden Wert. Und mir ist daran gelegen, dass wir hier Musik von einer solchen Substanz machen, dass der Zuhörer keinen Verlust bemerkt, wenn es sich wiederholt.

Lässt das Gesangbuch überhaupt Raum für Kreativität?

Kaußler: Jeder Ton und jedes Wort im Gesangbuch ist Raum für Kreativität. Es ist ein seelisches Erlebnis, wenn man die alten Texte und Melodien liest, spielt und singt. Im Studium zum Kirchenmusiker lernt man das Handwerkszeug, um gewissermaßen in seinem Ausdruck flexibel zu sein, erlernt verschiedene Methoden, ein Stück umzusetzen. Als Kirchenmusiker geht es um zweierlei: Zum einen um die Begleitung der Gemeinde, wenn sie singt, zum anderen um die Improvisation im Vor- und im Zwischenspiel über die Choräle hinweg. Man findet seine Art und Weise, wie sie einem gefällt und wie man Kirchenlieder stilistisch umsetzt.

Reicht Ihnen das als Künstler?

Kaußler: Das Choralspielen reicht mir natürlich nicht. Aber das Spielen in Gottesdiensten ist ja nur eine kleine Sparte. So ein Gottesdienst ist von Pastor zu Pastor unterschiedlich, und ich habe das Glück, dass es hier in Sottrum zwei relativ junge Pastoren gibt und ich mit ihnen sehr gut zurechtkomme. So können wir die Gottesdienste kreativ gestalten. Entscheident ist für mich immer die Improvisation. Man muss von dem, was man macht, im Augenblick begeistert sein und das Können haben, dies in dem Moment fortzuführen. Das ist das Künstlerische daran, und da ziehen wir an einem Strang.

Spielt Musik im Glauben und im Gottesdienst eine Rolle? Oder ist das alles sozusagen Beiwerk?

Kaußler: Musik ist für den Menschen grundsätzlich so wichtig, weil sie ihm wie nichts Anderes die Möglichkeit gibt, ein Gefühl dafür zu bekommen, dass er vielleicht nicht nur aus Fleisch und Blut besteht, stirbt und dann zu Staub zerfällt. Sie zeigt, dass die Heimat eines Menschen anderswo ist. Davon sprechen die Kirchenlieder. Und so verstehe ich auch die Aufgabe der Kirche: Zeigen, dass das Leben nicht nur aus den mehr oder weniger tollen Dingen besteht, die unseren Alltag ausmachen.

Sie sind nicht nur Organist, sondern auch der Kantor. Was sind Ihre Aufgaben dabei?

Kaußler: Das, was meine Anstellung als Kirchenmusiker ist, ist nur ein kleiner Bestandteil dessen, was ich an Chorarbeit mache. Ich definiere meine Arbeit als Kantor oder Kirchenmusiker nicht nur über dem, was in meinem Dienstauftrag steht. Denn das ist nämlich nur die hiesige Kantorei mit den Gottesdiensten. Es gibt aber noch die Chöre, die ich betreue. Das ist eine Arbeit, die ich teilweise privatwirtschaftlich aber trotzdem hier in der Kirche mache. Das gehört für mich alles dazu.

Hat die Kirche einen kulturellen Auftrag?

Kaußler: Die Kirche hat einen kulturellen Auftrag mehr als alles andere. Und sie hatte diesen Auftrag schon immer, hat ihn sich aber im 18. Jahrhundert wegnehmen lassen. Durch die Aufklärung ist eine Trennung zwischen der Kirche und dem, was man als Kultur empfunden hat, vollzogen worden. Kunst haben etwa Konzerthäuser oder Dichter übernommen. Also was die Menschen an Kultur gebraucht haben, haben sie nicht mehr nur in der Kirche gefunden. Heutzutage ist der Kulturbegriff so weit gefasst wie noch nie. Man muss sich fragen, was Kultur überhaupt ist. Kunst ist immateriell und soll Menschen den Weg ins Immaterielle öffnen und freihalten. Insofern ist der Auftrag der Kirche so künstlerisch wie kein anderer.

Ihr Scheeßeler Kollege Andreas Winterhalter hat sich vor einem halben Jahr öffentlich über die mangelnde Qualität in der Kirchenmusik vor Ort beklagt. Ich nehme an, Sie sehen das anders ...

Kaußler: Qualität ist eine relative Angelegenheit. Ich weiß ganz genau, was hier vor Ort möglich ist und was eben nicht. Es ist ein Wunder, wenn man Konzerte wie die Bachkantaten regelmäßig fertigbringt und die offenbar immer wieder ein Erlebnis für die Gemeinde und die Musiker werden, aber eigentlich in diesem Rahmen nicht möglich sind. Ich sehe meine persönliche Aufgabe hier darin, mit den hiesigen Mitteln meine spezielle Sicht auf den Kulturbegriff bestmöglich zu verwirklichen. Es ist völlig zwecklos, sich zu beklagen, dass man selbst nicht die Hände eines Vladimir Horowitz oder den Kopf eines Glenn Gould hat oder dass die Menschen, mit denen man im Chor arbeitet, keine Opernsänger sind.

Werden Sie Ihrem eigenen Anspruch an die Kirchenmusik gerecht?

Kaußler: Ich erlebe es als eine Art Gnade, die Begabung zu haben, Projekte wie die Bachkantaten auf die Bühne zu bringen, aber auch, dass die Menschen die Bereitschaft entwickeln, Energie in solche Vorhaben zu stecken – durch Arbeit, durch Zeit, durch Aufmerksamkeit Dinge zu ermöglichen und dass das Publikum so wohlwollend ist, das auch anzunehmen. Es stellt sich immer wieder heraus, dass das, was ich in die Musik hineingeben will, zu einem großen Teil wieder zurückkommt. Es geht mir dabei nicht um Perfektion, relevant ist für mich mein persönliches Verhältnis zur Musik und mein Verhältnis zu den Musikern. Und deswegen funktioniert das hier, insofern werde ich meinem Anspruch gerecht.

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