INTERVIEW Jörn Leiding über seine Zeit als Vorsitzender des TV Sottrum

Vertrauen als Entscheidungsbasis

Jörn Leiding mit einer Fahne des TV Sottrum.
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Jörn Leiding ist Vorsitzender des TV Sottrum – bis Freitag.

Sottrum – Dem TV Sottrum steht ein Wechsel an der Spitze bevor: Bei der Jahreshauptversammlung am Freitag zieht sich Vorsitzender Jörn Leiding aus dem Vorstand zurück. Im Interview mit der Kreiszeitung spricht er unter anderem über Meilensteine und wie sich der TV Sottrum in der Corona-Pandemie geschlagen hat.

22 Jahre im Vorstand, davon 16 Jahre als Vorsitzender – das ist eine lange Zeit. Wie schwer fällt dann das Aufhören?

Es fällt auf jeden Fall schwer. Wir haben das Glück, ein sehr gut funktionierendes Vorstandsteam mit einem großen freundschaftlichen Zusammenhalt zu haben, das auch fast über die komplette Zeit relativ konstant geblieben ist. Auf der anderen Seite freut es mich, dass wir einen potenziellen Nachfolger gefunden haben, von dem ich überzeugt bin, dass er in dieses Team passt. Und dass er das weiter fortführen kann.

Was hat sich aus Ihrer Sicht in diesem Zeitraum verändert?

Der Verein ist professioneller geworden. Das allerdings nicht freiwillig, sondern weil sich die Rahmenbedingungen verändert haben. Um alle Anforderungen gesetzeskonform umzusetzen, braucht man heute als moderner Sportverein ein Steuerbüro, das einem die Buchhaltung macht. Man braucht einen guten Versicherungsberater. Einen Rechtsanwalt, der einem regelmäßig sagen kann: Da und da passiert was. Man braucht ein gutes Netzwerk, um zu schauen, wie es bei anderen Vereinen läuft. Es lassen sich ja immer mal gute Ideen von anderen übernehmen. Durch die vertrauensvolle Zusammenarbeit im Vorstand ist es so, dass jeder sein festes Ressort hat, in dem er seit Jahren kompetent arbeitet. Jeder arbeitet in dem Wissen: Welche Entscheidung ich auch treffe, sie wird von den anderen mitgetragen.

Macht dieses Vertrauen untereinander es leichter, Entscheidungen zu treffen?

Ja sicher! Wenn ich auf die zurückliegenden Sitzungen blicke, gibt es kaum eine Entscheidung, die wir nicht einstimmig getroffen hätten. Es wird ausgeglichen und kontrovers diskutiert, aber wir vertrauen einander. Und das ist super.

Der TV Sottrum ist hier im Südkreis einer der größten Sportvereine. Muss man da schon unternehmerisch denken?

Auf jeden Fall. So ein Verein lässt sich ohne Prozessbetrachtung nicht führen. Die Sporttreibenden sollen Spaß und die Übungsleiter in dem, was sie tun, ein sicheres Gefühl haben. Corona ist das beste Beispiel. Wir können als TV ganz viel tun, ein Hygienekonzept zur Verfügung stellen, Desinfektionsmittel kaufen, Tests zur Verfügung stellen. Aber wenn der Übungsleiter sagt: „Ich fühle mich dabei nicht so wohl“, dann müssen wir den Arsch in der Hose haben und sagen, dass es dann das eine oder andere Angebot erst einmal nicht geben wird. Die Arbeit im Vorstand ist mittlerweile so vielfältig, dass es mit einem klassischen ersten Vorsitzenden, der sagt, ich entscheide das jetzt mal alles selber, nicht funktioniert. Wenn wir keine Geschäftsstelle mit Öffnungszeiten und qualifiziertem Personal hätten, wäre alles nicht so machbar. Also ja, Professionalität ist wichtig.

Welchen Stellenwert haben Projekte wie das Sporthaus – als Meilenstein?

Es gibt Meilensteine, die man sieht und für die man lange kämpft. Ich kenne das gar nicht anders: In den gesamten 22 Jahren meiner Tätigkeit sind Renovierung, Neubau, Erweiterung des Sporthauses Thema. Das zeigt, dass manche Dinge zäh sind, und wenn dann die Zeichen einen Moment lang günstig sind, muss man die Chance ergreifen. In Sachen Sporthaus waren zur richtigen Zeit an allen entscheidenden Stellen die richtigen Leute, die gesagt haben: Wir machen das jetzt. Punkt. Klar ist das ein Meilenstein, und etwas, das mich total freut, wenn wir jetzt die Jahreshauptversammlung – meine letzte – an der Alten Dorfstraße genau neben dem Gebäude machen.

Zählt dazu auch die Entwicklung des Vereinsangebots? Welche Rollen spielen moderne Sportarten, wie zum Beispiel Cheerleading?

Cheerleading ist eine super Erfolgsgeschichte! Vor sechs bis acht Jahren wurden wir gefragt, ob das was für uns wäre. Und wenn man jetzt sieht, was für tolle Meisterschaften die Cheerleader europaweit schon absolviert haben! Die machen einen tollen Job und sind mit Herzblut dabei. Grundsätzlich ist das Geheimnis ja immer, dass man aus Kinder- und Jugendcliquen die Anführer kriegen muss, dann kommt der Rest hinterher. Das ist die Herausforderung: Leute zu bekommen, die dann mehr nach sich ziehen.

Wie wichtig ist es, auch Rand- oder Trendsportarten anzubieten? Stößt man da auch auf Barrieren?

Nein. Es gibt zwar Dinge, bei denen ich glücklich bin, dass wir sie nicht haben – wie zum Beispiel Basketball, da das aufgrund der großen Halle und der hohen Verbandsbeiträge ein teurer Sport für einen Verein ist. Auf der anderen Seite überlegen wir immer: Macht diese oder jene Sportart Sinn, wie lässt sie sich integrieren? Und wenn es passt, unterstützen wir das. Ein Beispiel ist Parcours: Für uns war das eine tolle Sache, die junge Leute anzieht, die dann vielleicht so auch das übrige Angebot des Vereins entdecken. Parcours hat sich jetzt etabliert. Gleichzeitig gibt es viele Dinge, die wir probiert und die auch mal nicht geklappt haben. Und wieder anderes kommt so nebenbei, wie Akro al dente. Die sind vor zehn Jahren aus Rotenburg zu uns gekommen, weil sie eine Halle und Anschluss suchten. Und jetzt repräsentieren sie uns auf Galas und Shows.

Vor welcher Herausforderung steht ein so großer Verein in einer Krise wie der Corona-Pandemie?

Bisher sind wir da gut durchgekommen. Wir haben, als es losging, relativ schnell gehandelt und alles eingestellt. Wir wollten keine Lückensucher sein, denn wichtig ist es, Kontakte zu vermeiden – also machen wir das. Uns ist es wichtig, den Übungsleitern ein gutes Gefühl zu geben. Aber für jeden Verein – ob groß oder klein – ist das die Herausforderung: Sind die Informationen, die ich heute habe, auch morgen gültig? Funktioniert die Informationskette? Jedes Mitglied guckt abends die Tagesschau, sieht die Entscheidungen der Politik, ruft am Morgen an und fragt: „Darf ich in die Halle?“ Bis dann alle Instanzen abgeklärt sind, vergehen schnell drei bis vier Tage, und das nervt. Aber das hat sich mittlerweile eingeschwungen. Aktuelles Beispiel: Wie machen wir das mit den Tests? Da entwickelt unser Sportwart gerade ein Konzept. Ein anderer kennt einen Apotheker und erkundigt sich nach Mengenrabatt für Test-Kits.

Inwiefern ist die Corona-Zwangspause für Kinder problematisch?

Schon vor Corona haben wir immer wieder gesehen, wie zwingend erforderlich es ist, beispielsweise in Kindersportgruppen die koordinativen Fähigkeiten zu stärken. Und dieser Effekt verstärkt sich jetzt noch mal, denn mittlerweile fehlt in allen Sportarten ein kompletter Jahrgang. Was ich darüber hinaus fatal finde: Die Sportler bekommt man sicher schnell wieder reaktiviert. Aber die Herausforderung ist das Ehrenamt, nämlich die, die das Ganze immer organisieren. Diese Menschen wieder zu bekommen, ist schwieriger.

Zwar scharren Sportler mit den Hufen, aber was ist mit denen, vor allem Kindern, die man erst einmal bekommen muss?

Dieses Wort „Restart“ ist ja in aller Munde. Ein weiteres Schlagwort ist Marketingoffensive. Und dann muss man kleine, innovative Sportangebote und Schnupperaktionen anbieten. Wir wollen auf jeden Fall das Geld, das wir im vergangenen Jahr nicht ausgegeben haben, in Testungen und den Restart investieren. Wir wollen uns nicht mit den aktuell rund 1 800 Mitgliedern abfinden. Das ist nicht unser Selbstverständnis.

Hat sich die Pandemie auf die Zahl der Mitglieder ausgewirkt?

Wir haben jedes Jahr etwa zehn Prozent Mitgliederschwund, zugleich aber auch etwa zehn Prozent Zugang. Also liegt unsere Zahl immer plus minus zehn, zwölf Leute bei ungefähr 2 000. Aber dieses Jahr fehlt uns die Eintrittswelle. Konkret aufgrund von Corona sind gerade mal eine Handvoll ausgetreten, aber wir hatten die üblichen Austritte, durch Studium zum Beispiel. Da zeigt sich auch die zunehmende Rolle des Sportvereins als Dienstleister: Früher trat man mit dem Mutter-und-Kind-Turnen in den Verein ein, hat mit 26 Jahren für 25 Jahre Mitgliedschaft eine Urkunde bekommen und dann ging alles seinen weiteren Gang. Heute heißt es: Oh, mein Kind ist ein halbes Jahr als Au-pair in Frankreich, ich melde es vom TV ab. Grundsätzlich allerdings sind wir mit unserer Mitgliederentwicklung in dieser Struktur, wie wir sie haben, am Ende: So gut wie jeder dritte Sottrumer ist in unserem Verein, und das ist schon eine wahnsinnige Quote. Ein nächster Schritt wäre, das Thema Gesundheitssport breit aufzuziehen. In diese Stufe würden wir auch noch hinein passen.

Bleiben Sie dem Verein erhalten?

Ich bin ja auch Vorsitzender des Kreissportbundes und engagiere mich im Landessportbund. Wenn man in höheren Gremien arbeitet, ist man auch näher dran an den Informationen, die ich dem Verein dann übermitteln kann.

Hat es lange gebraucht, den Nachfolger zu finden?

Wir haben uns im Vorfeld überlegt, wen wir ansprechen wollen und eine Shortlist gemacht, die wir dann abgearbeitet haben. Uns ist wichtig – und das ist auch unser Erfolgsrezept, dank dessen wir keine Sorgen bei der Vorstandsarbeit haben: Wir verlangen kein lebenslanges Engagement. Wir sagen: „Es ist okay, wenn du zwei Jahre dabei bist und wir zwei gute Jahre haben. Und wenn du dann gehst, nimmt dir das keiner übel.“ Für mich waren es nun mehr als 20 Jahre, die jetzt einfach mal vorbei sind. Wenn Leute länger als geplant im Vorstand bleiben, dann, weil es einfach Spaß macht. Und dann funktioniert das auch.

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