60 MINUTEN Zu Besuch in einer Sottrumer Wochenendhaussiedlung

Irgendwo im Nirgendwo

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Stuckenborstel – Niemand verirrt sich aus Versehen in die Wochenendhaussiedlung, die zwischen Stuckenborstel und Dodenberg liegt. Eine Ausschilderung, zumindest für die interessierten Besucher, die aus Rotenburg kommend über die B 75 anreisen, gibt es nicht. Die kleine Seitenstraße, die letztlich in die versteckte Siedlung im Wald führt, steuert ein Besucher nur an, wenn er seinem Navigationsgerät zum Beispiel den Auftrag erteilt, ihn in den Eichhörnchenweg zu führen. Ansonsten ist die kleine Abzweigung schnell übersehen. Nach etlichen Metern auf einer verlassenen und kleinen Landstraße und einer Überführung ist das Ziel erreicht – auch hier fehlen sämtliche Hinweise auf eine Siedlung, die zu bewohnen ist oder gar ein Gebiet, in dem man gemütlich sein Wochenende verbringen kann.

Nun geht er los, der geplante Spaziergang durch das „Kleine Moor“, den Dodenberger Weg, die „Hohe Heide“ und weitere Pfade, die durch den Wald führen. Dieser, so berichtet eine Anwohnerin, gehöre insgesamt drei Grundbesitzern, die sich das Areal geteilt hätten. Die meisten Grundstücke seien dementsprechend verpachtet, teilweise gäbe es auch Hausbesitzer, die das zugehörige Stück Land gekauft hätten. Viel sagen möchte sie ansonsten nicht, sie hat Angst vor Repressalien, die Stimmung der Menschen hier sei sehr angespannt. Ich lasse sie verwundert ziehen und mache mir selber ein Bild. Schnell wird mir klar, nicht die Stimmung in der Siedlung mag angespannt sein: Die ganze Lage vor Ort präsentiert sich als ein Sammelsurium von Chaos. Leider denkt der Besucher eher an die vielen Fernsehberichte über das Messie-Syndrom als an liebevolle, alternative Wohnprojekte: ein landschaftliches Trauerspiel ist zu sehen. Wo der Blick auch hinschweift, überall liegt Müll. Mal stehen abgewrackte Autos scheinbar vergessen in den Gärten, mal liegen Toiletten und Zaunreste in der Gegend. Alte Stühle, längst nicht mehr zu gebrauchen, stehen am Wegesrand. Wahllos gefällte Bäume, Baumstümpfe, abgebrochene Äste – ob die Baumstruktur hier in Sachen Sicherheit beobachtet wird, scheint fraglich. Nicht nur die Bäume fallen auf. Auch die meisten Zäune sind vor allem eines: offensichtlich kaputt. Ein weiteres, durchgehendes Merkmal in dieser Siedlung ist das Schild „Achtung, hier wache ich“ – es wird in allen Varianten vor diversen Wachhunden gewarnt. Zu sehen oder zu hören sind diese Hunde aber nicht, vielleicht liegen sie schlafend im Inneren der Häuser.

Die einzige Struktur, die weiterhin auffällt, ist der Lärm der nahegelegenen Autobahn, der durchgängig zu hören ist. Baurechtliche Regelungen, wie man sie etwa aus Neubaugebieten kennt und die ein einheitliches Äußeres von Siedlungen bezwecken sollen, scheint es hier nicht zu geben: Mal sind die Häuser bemerkenswert groß, mal winzig klein. Ich entdecke sogar dreigeschossige Bauten. Irgendwo ist einen giftgrüner Rennwagen zwischen den Bäumen geparkt, hier und da stehen auch nur Wohnmobile auf den Grundstücken. Die Höhe der Zäune scheint völlig wahllos zu sein, fast alle sind aber kurz vor dem Zerfall, irgendwie zusammen geflickt und im Grunde sinnlos. Manche Grundstücke sind erst gar nicht eingezäunt. Teilweise sind Dächer zu sehen, die derart bewachsen sind, dass sie als eigene Pflanze wahrgenommen werden könnten.

Die Atmosphäre zwischen den Bäumen, die noch stehen und sicherlich teilweise sehr alt sind, wäre bezaubernd, wenn nicht alles maßlos heruntergekommen wäre. Ich spaziere weiter und frage mich ernsthaft, wer hier wohl stärker überfordert ist: Die Anwohner, denen offensichtlich einiges über den Kopf gewachsen ist, oder der Verwaltung, die auf dieses Gebiet ebenso offensichtlich keinen ausreichenden Einfluss nehmen kann oder will. Ab und an flackern kleine Zeichen von Modernisierung auf, einige Briefkästen wurden neu aufgestellt. Auch fallen mir die recht neuen Schilder auf: Ein Landschaftsschutzgebiet wird ausgewiesen. Das Abladen von Gartenabfällen, Schutt und sonstigen Abfällen sei verboten. Ob es hier auch jemanden gibt, der dieses Verbot überprüft, ist fraglich.

Zwischen dem Brummen der Autobahn sind viele Vögel zu hören, auch ein Hahn macht sich bemerkbar. Der Weg führt nun durch den Heideblütenweg, doch auch hier blüht nur die Verwahrlosung. Die in der Siedlung weit verbreitete Grundstücksgestaltung, einfach alles mögliche bunt verstreut auf dem eigenen Stück Land zu verteilen, scheint fast ansteckend zu sein. Trostlosigkeit strahlen die Areale aus. Es gibt Ausnahmen, das schon. Auffällig ist etwa ein Grundstück, auf dem alle Bäume gefällt wurden – was wird hier wohl passieren?

Ein Besucher, der lange durch die Wege zieht, mag ein, zwei oder vielleicht auch drei Wochenendhäuser, die von ihren Bewohnern geliebt und gepflegt werden, entdecken. Am Ende der Siedlung angelangt, hat sich der Eindruck festgesetzt, dass hier wohl das Ende der Zivilisation ist. Ursprünglich wollten die meisten Anwohner, die hier leben, vielleicht einmal in einem Wald wohnen, so stellt man es sich vor. Doch irgendetwas scheint gewaltig schief zu laufen. Mein 60-minütiger Besuch ist zu Ende, ich verlasse die Siedlung mit gemischten Gefühlen. Eines ist mir klar: Um den hier verteilten Müll einzusammeln, braucht es wesentlich mehr als 60 Minuten Zeit.

Von Judith Tausendfreund

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