Gesichter hinter dem Verein „Crazy Run“

Inklusion auf dem Motorrad

Udo Klenke und Silke Rotermund (r.) sind mit den Menschen mit Behinderung auf dem Motorrad unterwegs. - Foto: Daus

Sottrum - Von Matthias Daus. Wer ist schon frei von Vorurteilen und Berührungsängsten, wenn es um den Kontakt zu Menschen mit Behinderung geht? Wenn wir ganz ehrlich sind, tun wir uns schon ziemlich schwer, in diesem Zusammenhang die richtigen Worte zu finden. Silke Rotermund hat sich mit dem Verein „Crazy Run“ ein Projekt überlegt, um diese Hemmschwellen zu überwinden.

Auch wenn wir die Behinderung Handicap nennen und das Miteinander als Inklusion bezeichnen, der Kern der Sache bleibt immer der Gleiche. Es gibt eben einfach Menschen, deren Leben durch Behinderungen, seien sie körperlicher, geistiger oder seelischer Natur, eingeschränkt ist, und das auch teilweise in einem schweren Ausmaß.

Wir, die wir uns dagegen bester Gesundheit erfreuen, neigen dazu, die Behinderung in den Vordergrund zu stellen und nicht den Menschen. Und so sehen wir nicht, wie frustrierend es sein muss, viele Dinge, die für uns alltäglich sind, nicht wahrnehmen oder ausüben zu können.

Silke Rotermund aus Bremen arbeitet in einer großen Institution mit Menschen mit Behinderung und ist zudem noch passionierte Motorradfahrerin. Als sie 2002 in einem Wohnheim zu Besuch war, lebte dort ein autistischer Mann. Er war sehr groß und neigte zu aggressivem Verhalten. Einer plötzlichen Eingebung folgend, nahm sie ihn mit auf ihr Motorrad und fuhr mit ihm eine Weile über das Außengelände des Wohnheims.

Die unverfälschte Freude des Mannes darüber, dass er auf diese Weise aus seinem Alltag ausbrechen konnte, war eine Initialzündung. Die Bremerin wollte diese Aktion wiederholen, doch in größerem Rahmen. Was ihr vorschwebte, war eine richtige Tour mit Motorradfahrern, die Menschen mit Behinderung auf ihren Maschinen mitnehmen. Um ihre Idee umsetzen zu können, musste sie aber noch Gleichgesinnte um sich scharen.

Über Umwege kommt das Team zusammen

Die Rekrutierung verlief dabei über einen sehr direkten Weg. „Ich habe einfach Biker angesprochen und ihnen erzählt, was ich vorhabe“, erklärt sie. Aber sie wollte keine „Kuttenträger“ dabei haben. Sie hatte ausgeprägte Vorurteile gegenüber Motorradclubs und deren Mitgliedern.

Über Umwege lernte sie den Sottrumer Udo Klenke und dessen Bruder Bernd kennen. Die beiden hatten eine Schwester, die auch behindert war und außerdem leitete der Vater ein Unternehmen für Behindertentransporte. Man verstand sich auf Anhieb, allerdings gab es noch einen Makel, denn Udo und Bernd Klenke waren „Kuttenträger“, wie sie im Buche stehen. „Ich dachte damals, wen habe ich mir da denn bloß angeschleppt?“, erinnert sich Rotermund.

Doch wie kann man ein Unterfangen starten, dass auch Vorurteile abbauen soll, und dann selbst welche haben? Die Frage beschäftigte sie sehr und sie musste ihre Ansichten überdenken. Ein Lernprozess, der sie vielleicht noch toleranter werden ließ, als sie es bereits war.

Was ihr eigentliches Unterfangen anging, so hatte sie mit Udo Klenke einen kongenialen Partner und großen Motivator gefunden und so kam es zu einer ersten Tour ans Steinhuder Meer mit acht Fahrern und acht Mitfahrern mit unterschiedlichen Behinderungsgraden. Im Vorfeld haben die Teilnehmer Probefahrten gemacht und Bekleidung organisiert.

Es gab auch Bedenken von verschiedenen Personenkreisen, aber wie sich herausstellte, waren sie alle unnötig, denn der Ablauf der Tour mit einer Übernachtung in einer Jugendherberge verlief reibungslos.

Was zunächst als einmaliges Projekt angedacht war, entwickelte sich im Lauf der Jahre weiter und der Verein „Crazy Run“ wurde gegründet. Den gibt es heute noch und er hat aktuell 21 Mitglieder. Doch für die Ausfahrten haben sie einen Pool von rund 100 Fahrern, von denen im Schnitt jedes Jahr 50 für die große Tour auf der Matte stehen. Diese kommen aus dem erweiterten norddeutschen Raum und sogar aus Oslo ist jemand dabei.

Der Verein ist eigenständig und finanziert sich über Eigenkapital der Mitglieder, Spenden und Sponsoren. „Viele Leute denken, dass wir im Verbund mit großen Einrichtungen, wie zum Beispiel den Rotenburger Werken, stehen“, erklärt Udo Klenke, „dem ist aber nicht so und das müssen wir immer wieder ausdrücklich klarstellen. Wir machen das zu hundert Prozent aus Eigeninitiative und ohne alle Mitglieder und besonders auch die ganzen Fahrer, würde es nicht funktionieren.“

Und das, was sie machen, beschränkt sich schon lange nicht mehr auf diese Fahrten, die immer umfangreicher geworden und bei denen auch schon mal über hundert Personen mit Motorrädern und Begleitfahrzeugen unterwegs sind.

Aktionen, wie Kanufahrten, Spiel ohne Grenzen oder die Teilnahme mit einem Festwagen am Freimarktumzug sind alle dazu da, den Menschen mit Behinderungen ein Stück Freiheit, Spaß und Normalität bieten zu können. Dabei werden immer die Grenzen des Machbaren neu ausgelotet, um auch den Menschen mit besonders schwerem Schicksal eine Teilnahme zu ermöglichen. Oft eine Frage von Visionen und deren Umsetzung.

Auch wenn es mittlerweile einige Unterstützer und Sponsoren gibt, bleibt der Verein eigenständig. „Wir lassen uns nicht kaufen und bestimmen selbst, was wir machen können und wollen“, sagt Rotermund. Als Neuerung wird es in diesem Jahr erstmals ein Sommerfest geben, zu dem jeder willkommen ist. Termin ist der 6. August ab 16 Uhr und der Ort ist beim Clubhaus. Das steht übrigens auf dem weitläufigen Grundstück von Udo Klenke „Am Eickenforth“ in Sottrum und ist Dreh- und Angelpunkt für sämtliche Clubangelegenheiten. Dort treffen sie sich regelmäßig und besprechen neue Dinge und deren Umsetzungsmöglichkeiten, wie zum Beispiel eine Behindertentoilette für das Vereinsheim, für deren Errichtung sie noch Sach- oder Geldspenden entgegennehmen würden.

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