Parkplatz statt Jahrmarkt: Schausteller Marcello Winter und die Pandemie

Hoffen auf das Weihnachtsgeschäft

Wurst statt Fleischspieße. Marcello Winter muss umdisponieren. Fotos: Röhrs

Rotenburg/Ahausen - Von Matthias Röhrs. Der Stand mit der Holzoptik fällt auf, seine zahlreichen Lichter sind an. Auch einen kleinen Turm hat dieses Häuschen, an dessen Spitze ein Bremer Wappen hängt. Ein „Überbleibsel“ von der Osterwiese in der Hansestadt – natürlich ausgefallen, wie vieles andere auch. Im Stand selbst steht Marcello Winter und wendet Bratwurst, während eine ältere Frau ihn neugierig beobachtet. Der 30-Jährige wird später sagen, dass ihnen durch seine Bratwurstbude erst auffallen würde, dass die Jahrmarktsaison nicht stattfindet. Und damit auch sein Geschäft nicht.

Winter steht nicht freiwillig hier. Osterwiese, Hamburger Dom, Kramermarkt in Oldenburg, Verdener Domweih – das sind die Plätze, an denen er jetzt viel lieber wäre, um seine halben Meter Fleischspieße an den Mann und an die Frau zu bringen, die seine Familie seit 1980 auf den Jahrmärkten bundesweit verkauft. Bunte Lichter, der Lärm von den Fahrgeschäften, vergnügt kreischende Menschen und auch den Duft von Zuckerwatte gibt es hier nicht. Denn auch dem Schaustellerbetrieb sind die Umsätze durch die Covid-19-Pandemie und die verfügten Verbote von Großevents eingebrochen. Nun steht er hier auf dem Edeka-Parkplatz an der Verdener Straße in Rotenburg und verkauft Bratwurst und Ähnliches. „Das isst ja jeder, die Fleischspieße nicht unbedingt“, sagt Winter. Zumindest ein bisschen Geld wolle er hier verdienen, um kein Arbeitslosengeld beziehen zu müssen. Unterm Strich sei es aber reine Schadenbegrenzung.

Seiner Branche geht es schlecht. Wenn der Staat nicht unter die Arme greift, schätzt Marcello Winter, werden viele Schaustellerbetriebe das Jahr nicht überleben. In seinem Fall könnte es das Ende einer langen Familientradition bedeuten. Er sei die fünfte Generation seiner Schaustellerfamilie, berichtet er. Seit er 18 Jahre alt war, ist er unterwegs, mittlerweile hat er den Betrieb von seinen Eltern übernommen, auch wenn diese weiterhin mit anpacken würden. Und schon vor dem „echten“ Schaustellerbetrieb hätten seine Vorfahren einen Wanderzirkus gehabt, davor waren es Gaukler. „Echte Reisefamilien“, sagt Winter. Es gebe keinen in der Familie, der nicht Schausteller ist – vom Breakdancer bis zum Crêpes-Stand sei alles Mögliche dabei. In Ahausen habe man sich irgendwann niedergelassen, weil es zentral zwischen den Jahrmärkten im Nordwesten Deutschlands liegt. Nun gebe es ein „komplettes Berufsverbot“.

Auf Volksfesten gastierten mitnichten nur kleine, abbezahlte Jahrmarktstände, die die Schausteller für die Zeit der Corona-Krise gewissermaßen hinter ihrem Haus bis zur Marktreife eines Impfstoffes abstellen und bis dahin mit der Grundsicherung wirtschaftlich überleben können, argumentiert der Deutsche Schaustellerbund in einer Forderung nach Staatshilfen für die rund 5 000 Betriebe in Deutschland. Es handele sich in großer Anzahl um kapitalintensive Unternehmen, deren Betrieb nur mit erheblichem technischen und logistischen Aufwand möglich sei.

Ein mittelgroßes Riesenrad bedeute beispielsweise Anschaffungskosten von zwei bis drei Millionen Euro und einen monatlichen Finanzierungsaufwand von mindestens 20 000 Euro. Die Soforthilfen reichen nicht. Winter sagt, seine Soforthilfe hätte gerade einmal für anderthalb Monate gereicht, statt der vorgesehenen drei. Immerhin, seine laufenden Kredite – über die Wintermonate wird immer viel in den Betrieb investiert – habe er aussetzen können, beziehungsweise einen Überbrückungskredit bei der „NBank“ aufnehmen können. Doch das Geld sei ja nur für den Betrieb, Essen könne er sich davon nicht kaufen.

Bis zu 4 000 Euro mache er nun in jedem Monat Verlust. 3 500 Euro waren es einmalig, als er das bereits für den Eisenacher Sommergewinn eingekaufte Fleisch nach dem Veranstaltungsverbot entsorgen musste. Immerhin hätten rund 90 Prozent der kommunalen Jahrmarktveranstalter die im Frühjahr im Voraus bezahlten Standgebühren anstandslos zurücküberwiesen. Private Veranstalter, zum Beispiel Tourismusagenturen oder Schützenvereine, würden das nicht tun. Eine Zwickmühle für Winter. „Wir könnten sie verklagen. Aber macht man das, wenn man weiter seinen Stammplatz bekommen will?“

Zwei Bauarbeiter kommen an den Stand. Sie wollen Currywurst-Pommes zum Mitnehmen. Winter legt die Pommes in die Fritteuse. Den Wagen hat er umbauen müssen, um „parkplatzgerechte Speisen“ zubereiten zu können. „Wir versuchen, uns über Wasser zu halten“, sagt er. Er hofft, dass zumindest die Weihnachtsmärkte in diesem Jahr noch stattfinden können, bevor die Schausteller in die Winterpause gehen. Doch an manchen Orten gibt es bereits Überlegungen, sie abzusagen. Wenn das passiert, wäre es das Aus für 80 Prozent der Betriebe, schätzt der Ahauser. Die Veranstalter wüssten aber zumeist selbst nicht, wann und wie es weitergehen kann. Winter: „Das Schlimmste ist die Perspektivlosigkeit.“

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