Hein Benjes aus Hellwege macht es sich zur Aufgabe, Platt zu erhalten

Der Hüter der niederdeutschen Sprache

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Hein Benjes ist einmal in der Woche bei den Schülern der Ahauser Grundschule und spricht mit ihnen Platt.

Hellwege - Von Bettina Diercks. Vermutlich verkörpert kaum ein anderer Mensch so sehr wie Hein Benjes aus Hellwege die Muttersprache seiner Heimat: Plattdeutsch. Der pensionierte Schuldirektor liebt und lebt das Niederdeutsche nicht nur dadurch, dass er es von Kindheit an spricht.

Zu gerne zieht er übers Land und unterhält sich mit Plattschnackern und mit seinen Geschichten das Umfeld. Benjes ist gern gesehener Gast auf Veranstaltungen, um plattdeutsche Geschichten, Märchen, Reime und Lieder zum Besten zu geben. Und, obwohl er Schulmeister war, hat es niemals etwas lehrerhaftes.

Seine heitere Art und seine wachen, munteren Augen halten dazu an, ihm zu lauschen. So auch die Kinder der Grundschule Ahausen. Eine Arbeitsgruppe von zehn bis 14 Schüler aus den dritten und vierten Klassen hat einmal die Woche Unterricht bei Benjes. „Platt lässt sich durch Schnacken am Leben erhalten; am besten gleich mit den Lütten anfangen. Da kann ich mich noch einmal als Schulleiter betätigten“, berichtet Benjes schmunzelnd.

„Der Unterricht muss sich ein bisschen abheben von den anderen Schulstunden.“ Daher lässt der ehemalige Lehrer die Schüler gerne etwas mit den Händen machen. „Poggenstöhl“ zum Beispiel. Aus Binsen (Rüschen) gilt es für die Kinder dabei, kleine Frosch- beziehungsweise Krötenstühle (Poggenstöhl) zu flechten. Vermutlich heißen die so, weil sie a) aus Binsen und b) so klein sind. Denn „Poggenstöhl“ ist normalerweise ein Pilz.

Während die Kleinen also die Binsen flechten, lernen sie einen Reim. Laut Benjes die beste Kombination, um eine Sprache zu erlernen, Hand-, Kopf- und Mundarbeit gleichzeitig. Neben den Riemels (Reimen) sind bei den Kindern vor allem aber „Tungenknieper“ beliebt. Was für ein herrliches Wort für Zungenbrecher, oder? Und, das ist es, was Plattdeutsch ausmacht: bildhaft und treffend. Da wird nicht lange um den heißen Brei geredet. So, wie der typisch Norddeutsche eben eigentlich ist. „In Plattdüütsch is dat anners, direkter“, sagt Benjes. Da gibt es keine Schachtelsätze und Satzgefüge, keine Adjektive mit der Vorsilbe „un“ (unmöglich = nich to maken). „Ung, -heit-, keit gifft dat och nich. Dat heet: Höört maal to un nich ,Ich bitte um Eure Aufmerksamkeit‘“, so der Schulmeister. „Platt ist geradeaus, macht keine Umschweife.“

„Die Sprache spiegelt unsere Landschaft wieder: farbig, vielfältig und eigenartig“, sagt Benjes. Er bedauere, dass seiner Schätzung nach mittlerweile nur noch zehn Prozent von dem herkömmlichen Platt gesprochen wird, das möglich ist. „Dorbi is veel in Plattdüütsch anners, eenfacher“, sagt Benjes. Und irgendwie verträumt, poetisch, nachdenklich.

Der Hellweger Naturliebhaber freut sich über Begriffe wie Kutsch und Peer (Eisenhut), Geelgöösch (Goldammer), Pennensteel (Schwanzmeise), Söög un Farken (Salomonsiegel). „Diese Sprache spiegelt unsere Landschaft wieder“, meint Benjes, der sich auf die Jagd von plattdeutschen Wörtern und Redensarten gemacht und sie aufgeschrieben hat, bevor die Besonderheiten völlig verschwinden. Platt sei einfach, so Hein Benjes. „Vor allem für Leute, die Englisch oder Schwedisch können: „Möten heißt auf schwedisch möta auf englisch meat“.

Was ebenfalls laut dem ehemaligen Lehrer schult: Lesen von guter plattdeutscher Literatur. Zu der zählt er auch die niederdeutsche Fassung von Pippi Langstrumpf, übersetzt von Friedrich Hans Schaefer. Aber auch Bücher von Heinz Lemmermann (Lilienthal) sowie die Werke „Snacken und Verstahn“ sowie „Platt hüüt un güstern“ und Benjes eigenes Buch „Böko Holt un dat ole dörp“.

Da Hörbücher momentan „in“ sind: Höchst amüsant, in perfektem Sprechtempo zum Nachplappern ist „Hein Botterblom snackt Platt“ (un he vertellt, wat em all de Johrn so bifallen is). Erhältlich ist die CD bei Hein Botterblom alias Benjes unter der Nummer 04264/9301. Seinen niederdeutschen Spitznamen bekam der ehemalige Schulleiter von einem Vater verpasst, als dessen Sohn ihm die Natur erklärte und er sagte, woher er sein ganzes Wissen habe.

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