60 Minuten mit Heilpraktikerin Inga Hoops

Die Heilkraft von Pflanzen

Unter einem schattenspendenden Baum entdeckt Inga Hoops Schöllkraut. Das kann helfen, Warzen verschwinden zu lassen.
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Unter einem schattenspendenden Baum entdeckt Inga Hoops Schöllkraut. Das kann helfen, Warzen verschwinden zu lassen.

Bötersen – Es ist ein schöner Tag im Landkreis, blauer Himmel, versetzt mit kleinen Wattebauschwolken hier und da. Es ist warm, aber nicht zu warm. Perfekt für einen Spaziergang durch die Natur, bei dem Inga Hoops, Heilpraktikerin aus Bötersen, mir Pflanzen aus der Umgebung zeigt, die einen praktischen Nutzen für uns Menschen haben. Zugleich erzählt sie von ihrem Berufsstand, den Herausforderungen, aber auch Wünschen, die sie hat.

Zuerst geht es einen langen Feldweg entlang. Viel Gras, hier und da ein Baum und Löwenzahn. Der leuchtet schön gelb. Manche sind so weit, dass man pusten könnte – das haben wir als Kinder gerne gemacht. Die Blätter schmecken gut im Salat. „Aber nicht mehr lange, am schönsten sind sie, bevor der Löwenzahn blüht“, erklärt Hoops. Viele Stoffe, die im Frühjahr hochkommen, seien gut, um den Körper zu entgiften, wie die Brennnessel. Und: Dort wo Löwenzahn wächst, ist oft Spitzwegerich zu finden. Den kenne ich als Hustensaft. Aber die Pflanze hat eine weitere Funktion: Verreibt man einige Blätter zwischen den Händen, entsteht ein grüner, leicht schaumiger Saft. Der hilft bei Wunden und Entzündungen. „Wenn eine Biene zusticht und man nichts dabei hat: Spitzwegerich suchen. Dieses Gefühl, sich selber helfen zu können, ist gerade bei Kindern wichtig.“ Ich bin beim Verreiben zaghaft. „Noch doller“, ermuntert Hoops. „Das soll man sehen!“ Ihre Hände sind bereits grün gefärbt.

Spitzwegerich ist vielen in Hustensaft bekannt, die Pflanze hat aber auch andere heilende Wirkungen.

Typische Kräuter kenne ich: Basilikum, Schnittlauch, Petersilie. Dinge, die viele auf dem Balkon oder im Garten haben. „Kräuter zum Würzen. Das finde ich nicht so spannend, sondern die, die bei Krankheiten helfen. Man geht los und sammelt es, weil es in der Regel alles da ist“, sagt die Bötersenerin. Und sie hat recht – man muss nur wissen, wonach man sucht. Doch genau das ist oft verloren gegangen. Früher war das Pflanzenwissen allgegenwärtig, sogenannte weise Frauen wussten um alle Heilpflanzen und ihre Wirkung, waren angesehen – bis sie als Hexen gebrandmarkt und verbrannt wurden. „Sie haben sich an der Grenze zum Mystischen bewegt“, weiß Hoops. „Die Nonne Hildegard von Bingen beispielsweise. Dass sie keine Schwierigkeiten bekommen hat, war ihrer angesehenen Position innerhalb der Kirche geschuldet. Jede Zeit hatte kranke Menschen, entsprechend hatte jede Zeit Heiler. Was am Ende geholfen hat, ob es das Gebet und damit die Aktivierung der Selbstheilungskräfte war, kann man nicht sagen – aber es war immer an der Grenze zum Mystischen.“ Meist waren es Heilerinnen, die ihr Wissen von Generation zu Generation weitergegeben haben, insbesondere im Bereich der Frauenheilkunde. Aber nicht immer durften sie die Ehre für ihr Geschlecht einheimsen – genügend Frauen gingen in die Geschichte unter einem männlichen Namen ein.

Als wir weitergehen, kommen wir zu einer Menge weißer Taubnesseln. Der Brennnessel äußerlich ähnlich. Eine typische Frauenpflanze, meint Hoops. Getrocknet hilft sie in Bädern bei Beschwerden. Ein paar Meter weiter recken Stiefmütterchen ihre Köpfe aus der Erde – auch typische Frühlingspflanzen. Den größten Teil kann man essen, in Tees wirkt er hautreinigend.

Als Jugendliche war Hoops‘ Interesse an Pflanzen noch nicht so groß, erzählt sie. Geweckt wurde ihre Leidenschaft mit der Geburt ihres ersten Kindes. Sie hat eine dreijährige Heilpraktiker-Ausbildung an der Abendschule gemacht, wo zunächst reine Schulmedizin gelehrt wurde. Die Ausbildung sei leider nicht einheitlich. Nur die Prüfung vor der Landesärztekammer hat den gleichen Standard. Dadurch seien die Prüfungsteilnehmer auf einem unterschiedlichen Wissensstand, was zu hohen Durchfallquoten führe. „Es gibt Leute, die ohne praktisches Wissen in die Prüfung gehen, weil sie ihre Ausbildung nicht an einer anerkannten Schule machen. Das halte ich für sehr bedenklich. Allerdings fallen sie in der Regel durch die Prüfung.“ Danach sei es wichtig, Fachausbildungen zu absolvieren. Hoops machte neben der Ausbildung in Traditionell Chinesischer Medizin die große Fachausbildung in Pflanzenheilkunde an der Heilpflanzenschule Verden.

Lange Zeit war der Bereich verrufen; besonders, als die Schulmedizin Einzug hielt. Heute gebe es viele moderne Kräuterfrauen. Einige haben sich vernetzt, darunter auch Männer, und sorgen dafür, dass die Kräuterkunde wieder in den Fokus rückt. „Es geht um die klassische Anwendung: Was sind die Wirkungsspektren?“ Hoops darf keine Cremes oder Pulver für ihre Patienten zubereiten. Sie verschreibt es, doch oft seien in den Apotheken manche Wirkstoffe nicht vorhanden. „Kamille oder Ringelblume sind da, bei anderen wird es schwierig.“ Das könnten sie aber auch nicht alles vorhalten, gibt sie zu bedenken.

An seinen herzförmigen „Schötchen“ ist das Hirtentäschelkraut gut zu erkennen. Fotos:

Beim Erzählen schweift ihr Blick umher, immer auf der Suche. Und sie wird fündig: Brombeere. Die Blätter ergeben das ganze Jahr über einen Tee, jetzt sind sie frisch. Ein paar Schritte weiter macht sie auf eine Pflanze mit herzförmigen Blüten aufmerksam – Hirtentäschelkraut. „Das hilft als Tee oder Tinktur bei der Blutstillung.“ Jetzt geht es Schlag auf Schlag, das scheint eine gute Ecke zu sein. „Hier ist wieder was zu Essen“, erklärt Hoops. Ich probiere ein Blatt, es schmeckt scharf, aber nicht unangenehm. „Das ist eine Knoblauchsrauke. Da sind Senföle drin, desinfizierend und antibiotisch.“ Es gebe bessere pflanzliche Antibiotika, aber um Leber und Galle anzuregen, sei es prima. Essen könne man sie aber nicht zu jeder Zeit.

Wir kommen zu einer stattlichen Birke, gut zu erkennen an der hellen Rinde. „Birke ist super – außer es ist zu trocken. Daraus gewinnt man Birkensaft. Der wirkt kräftigend. In Ländern wie Finnland gibt es große Plantagen.“ Doch die Trockenheit der letzten Sommer macht sich auch hier bemerkbar.

Einfachheit – das ist es, was Hoops schätzt. Aber sie weiß: Es ist ein Zusammenspiel beim Thema Gesundheit. Oft helfen pflanzliche Mittel, in manchen Fällen muss die Arznei vom Arzt her. „Ich finde es gut, wenn man das zusammen macht.“ Dazu mangele es aber an Anerkennung. „Nicht selten hört man Sätze wie ,Sie sind Heilpraktikerin – haben Sie auch noch einen echten Beruf?‘“, kritisiert sie.

Doch gerade in Zeiten, in denen der Klimawandel Thema ist und das Bewusstsein für Natur wächst, steige das Interesse an Kräuterkunde. Viele kennen ein paar alte Hausmittel. Aber gerade in der Stadt gehe so etwas verloren. Deswegen wünscht es sich Hoops verstärkt für die Schulen. „In einer Projektwoche haben wir uns mit ,Heilpflanzen für Beauty und Health‘ beschäftigt“, erinnert sie sich. Also für Schönheit und Gesundheit – um das Interesse der Teenager zu wecken. Auch solches Wissen sei relevant.

Gundermann heißt diese Pflanze, die bei Bronchitis unterstützen kann.

Für die Anerkennung ihrer Berufsschicht sei auch eines ganz wichtig: „Die Prüfungen müssen vereinheitlicht werden, wenn man für sich in Anspruch nimmt, Menschen behandeln zu wollen.“ Wären alle auf dem gleichen Stand, würden Zusammenarbeit und Miteinander zwischen Arzt und Heilpraktiker besser funktionieren. „Ich würde es mir wünschen, dass sich da was tut. Normalerweise müsste jeder Allgemeinmediziner einen Heilpraktiker seines Vertrauens an der Hand haben, um gemeinsam im Sinne der Patienten zu behandeln.“ Spricht‘s und bückt sich zum Portulak hinunter – einem nussig-säuerlichen Wildgemüse, das wieder zum Salat passt. Am besten im Frühjahr. Daneben wächst Gundermann, ein Heilkraut mit lila leuchtenden Blüten, das unter anderem bei Bronchitis helfen kann.

Der Spielplatz, an dem wir vorbeigehen, ist zu dem Zeitpunkt noch gesperrt. Er wird aber trotzdem bevölkert: Von Gänseblümchen, die mit ihren weiß-gelben Köpfchen die Sonnenstrahlen einfangen. „Die kann man so essen – früher hat man sie als Tee Kindern gegeben, die aufgepäppelt werden mussten.“ Und schon wieder verschwindet Hoops eine Etage tiefer, bückt sich nach Schöllkraut. „Das ist begehrt“, lächelt sie. Sie pflückt einen Stängel ab, drückt ihn zusammen und presst den gelben Saft aus dem Inneren. „Den macht man auf Warzen, wenn man Glück hat, gehen sie weg.“ Als letzte Station kommen wir auf einem Zwischenweg an einer Kräuterschnecke vorbei. Und dort sind sie: Die klassischen Kräuter, die ich sehr gut kenne. Herrlich, dieser Duft von Minze und Zitronenmelisse.

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