Hartwig Müller versucht, unsere Redakteurin noch einmal durch die Führerscheinprüfung zu lotsen

„Einmal gucken tut nicht weh“

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Mit Hartwig Müllers Fahrschulauto geht es zur praktischen Prüfung. 

Sottrum - Von Jessica Tisemann. Noch einmal die Führerscheinprüfung Klasse B ablegen. Das ist doch ein Klacks. Was ich im Landkreis Hildesheim vor zehn Jahren mit null Fehlerpunkten in der Theorie und einer nahezu fehlerfreien praktischen Prüfung bereits im ersten Durchgang geschafft habe, schaffe ich ja wohl auch im Landkreis Rotenburg. Doch diesen Zahn zieht mir Fahrlehrer Hartwig Müller gleich zu Beginn. Dass er damit so sehr Recht behalten würde, ahne ich in diesem Moment noch nicht.

Keinerlei Vorbereitung auf Theorie und Praxis ist die Vorgabe, die ich mir selbst setze. Und wie soll ich mich auf die theoretische Prüfung auch vorbereiten, läuft doch mittlerweile alles über PC, und die alten Fragebögen vergammeln auf dem Dachboden. Trotzdem ist die Zuversicht groß.

45 Minuten haben die Fahrschüler Zeit, um die theoretische Prüfung am Rechner abzulegen. 30 Fragen gilt es dabei zu beantworten – und das alles über den Computer. „Das macht es schwieriger für die Schüler, die Probleme beim Lesen haben“, berichtet Hartwig Müller aus dem Alltag. Dann müssten die Prüflinge extra beantragen, dass sie die Theorie mündlich oder über eine Audio-Funktion ablegen möchten. Auch die Sprache ist bei dem Programm einstellbar. Für unterwegs gibt es beim Produkt des Vogel-Verlages, das Müller für seine Fahrschule nutzt, auch eine App, die sich die Jugendlichen aufs Handy spielen und darüber die Fragen immer wieder üben können.

Diese Zeit habe ich heute nicht. Es gilt der erste Versuch. Die Startseite ploppt auf, und die erste Frage erscheint. Zehn Fehlerpunkte darf ich haben, um zu bestehen, doch bei zwei falschen Fünf-Punkte-Fragen bin ich durchgefallen. Die Anspannung steigt. Bloß nicht zu viel darüber nachdenken, vieles erklärt sich aus der Praxis. Doch schon bei Frage vier gerate ich ins Schlingern. Was bitte ist denn das Tunnelpersonal? Davon hab ich noch nie etwas gehört. Dass das Wenden in einem Tunnel verboten ist und das Licht am Auto eingeschaltet sein sollte, erschließt sich mir, doch Hinweise des Tunnelpersonals – keine Ahnung, was das sein soll. Bumm, da ist schon die erste falsche Antwort. Na, das geht ja gut los.

Doch in der Theorie durchzufallen, wäre gar nicht so tragisch – und von den schönen null Fehlerpunkten hab ich mich schon verabschiedet. „Es fallen mehr Schüler bei der Theorie als bei der Praxis durch“, erklärt Müller. Bisher sieht die Statistik des 50-Jährigen und seiner angestellten Fahrlehrer bei der Praxis auch sehr gut aus – zwei Prüflinge sind in diesem Jahr erst durchgefallen. Na, ob ich die Zahl nicht noch nach oben schraube?

Erst einmal muss ich mich aber weiter durch die Fragen kämpfen. Das erste Video steht an – fünf Mal darf man sich dieses angucken, bevor es die Aufgabenstellung gibt. Die nächste knifflige Frage lässt nicht lange auf sich warten – auch ein kleiner Hinweis von Hartwig hilft mir da nicht weiter –, ich entscheide mich nach langem An- und Abklicken für die falsche Variante und habe die nächsten Fehlerpunkte auf dem Konto. Jetzt darf aber nichts mehr schief gehen.

Für die Schüler von Müller sind diese Fragen alle nicht wirklich schwierig. In sieben Tagen bekommen sie den Theorieteil geballt beigebracht. „Sie sind mit der Umstellung auch zufrieden. Dadurch lernen sie mehr, weil die Zeit zwischen den Unterrichtseinheiten kürzer ist“, so der Höperhöfener.

Ein bisschen Zeit zum Lernen hätte mir vorher sicher auch nicht geschadet, denn bei den Zusatzfragen scheitere ich an der nächsten Frage und rassle mit elf Fehlerpunkten knapp durch die theoretische Prüfung. Enttäuschung macht sich breit. Nach dem guten Ergebnis vor zehn Jahren war ich optimistisch, dass ich es auch dieses Mal schaffen würde. Doch Hartwig baut mich auf: „Elf Punkte sind keine Schande, da musst du nicht enttäuscht sein.“ Wie gut, dass das Bestehen der Theorie heute keine Voraussetzung für die praktische Prüfung ist.

Nach dem verpatzten ersten Teil geht es jetzt in der Praxis um alles – das steigert den Druck erheblich. Das Gefühl, wieder in einem Fahrschulauto zu sitzen und von jemandem beobachtet zu werden, ist merkwürdig. Ich habe Angst, einen Fehler zu machen. Das erste Problem taucht bereits auf, als ich mich ins Auto setze, den Gurt anlege und den Motor starte: „Häh? Wo ist denn die Handbremse?“ Dafür gibt es nur noch einen kleines Knöpfchen – alles elektronisch. Von dieser Ausstattung kann mein Polo nur träumen. Das Losfahren klappt dann aber ganz gut.

Schon nach ein paar hundert Metern steht die erste Prüfung an: Gefahrbremsung! Bei 30 Stundenkilometern (km/h) gilt es, auf Kommando stark abzubremsen. „Nicht stark genug“, lautet das Fazit von Hartwig. Okay, ich muss mich ja auch erst einmal an das Auto gewöhnen. Also drücken wir noch einmal ein Auge zu!?

Doch Hartwig muss an diesem Tag einige Augen zudrücken. „Die Deutschen sind blinkfaul“, sagt er. Und das trifft leider auch auf mich zu. Das Blinken beim Vorbeifahren an parkenden Autos oder Verschwenkungen habe ich mit dem Entgegennehmen meines Führerscheins abgegeben und leider auch in der Prüfungssituation mit Hartwig vergessen. Dafür punkte ich beim rückwärts Einparken – da soll noch einmal einer sagen, Frauen könnten das nicht. Auch das Anhalten am Stopp-Schild klappt – zugegeben, das hab ich mir in den vergangenen Tagen auch echt reingeprügelt.

„Ich erzähl dir jetzt besser nicht, was ich gar nicht kann“, sage ich scherzhaft. „Vermutlich rückwärts in die Parkbox fahren“, weiß Hartwig schon genau Bescheid. Einem alten Hasen wie ihm kann ich eben nichts vormachen. Immerhin hat er seit 1986 seinen Fahrlehrerschein. Seit 2000 hat er seine Fahrschule in Sottrum und ist immer noch mit vollem Herzen dabei. „Wenn man nicht mehr mitfiebert, wenn die Schüler zur Prüfung müssen, sollte man den Job an den Nagel hängen“, erzählt er.

Auf dem Weg durch Rotenburg fällt mir immer wieder auf, wie unkonzentriert ich fahre. Wir biegen in eine Straße ein, und ich weiß nicht, welche Geschwindigkeit dort erlaubt ist. Und genau das wird mir dann auch zum Verhängnis. Auf der Bremer Straße geht es Richtung Weichelsee. Auf der linken Seite sehe ich das Ortsausgangsschild und gebe Gas. „Und ab hier bist du durchgefallen“, ertönt die Stimme meines Fahrlehrers. Was? Nein! Das kann gar nicht sein! „Hast du das 50er-Schild nicht gesehen?“, fragt Hartwig. Ja, das hab ich in der Tat nicht. „Nach dem rückwärts Einparken war die Routine wieder da, und du hattest dich ans Auto gewöhnt“, stellt der 50-Jährige nüchtern fest.

Der anfängliche Ärger ist schnell verflogen. „Dann muss ich mir ja jetzt auch keine Mühe mehr geben“, sage ich noch etwas bockig. Doch ich muss erkennen, dass ich zu überheblich an die Sache herangegangen bin und sich die Routine bereits nach zehn Jahren zu stark eingeschlichen hat – einen nicht ausreichenden Schulterblick, das sparsame Blinken und die paar km/h zu schnell konnte ich in der Prüfungssituation nicht abstellen. „Einmal gucken tut nicht weh, einmal nicht gucken kann dagegen sehr weh tun“, sagt Hartwig.

Ich nehme mir seine Worte zu Herzen. Schon auf dem Rückweg in die Redaktion fahre ich deutlich vernünftiger und achte auf alle Fehler, die ich eben noch nicht abstellen konnte. Beim Blinken an Verschwenkungen bin ich allerdings ein hoffnungsloser Fall.

Mein Fazit: Bei Hartwig hätte auch ich sehr gerne meine Prüfung gemacht, und mit ein bisschen mehr Übung sicher auch bestanden. Dass wir alle viel mehr auf den Verkehr achten müssten und die Routine abschalten sollten, nehme ich ebenfalls mit. Hartwig gibt mir noch mit auf den Weg: „Mehr als 80 Prozent würden ihren Führerschein ohne Übung nicht noch einmal bestehen. Dafür ist die Prüfung einfach zu anspruchsvoll.“

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