Hans Hinrich Müller im Gespräch

70 Jahre bei der Feuerwehr: „Eine Ausbildung gab es nicht“

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70 Jahre ist Hans Hinrich Müller aus Höperhöfen Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr.

Höperhöfen - Von Matthias Daus. Hand aufs Herz: Wer, außer den Beteiligten, liest sich einen Bericht über eine Jahreshauptversammlung einer Freiwilligen Feuerwehr aufmerksam durch? Und wenn es in diesem Zuge zu einer Ehrung für langjährige Mitgliedschaft kommt, wird die Leistung, die dahinter steht, doch eigentlich nicht richtig wahrgenommen.

Dass es aber durchaus lohnenswert ist, genauer hinzusehen, zeigt das Beispiel von Hans Hinrich Müller (88) aus Höperhöfen, der in diesem Jahr für seine 70-jährige Mitgliedschaft geehrt wurde. Im Interview am Wochenende erzählt er, wie sich das Feuerwehrwesen in dieser langen Zeit verändert hat.

Herr Müller, Sie sind 1947, also kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, in die Freiwillige Feuerwehr in Höperhöfen eingetreten. Beschreiben Sie doch einmal, wie es damals zuging.

Hans Hinrich Müller: Kurz vor Ende des Krieges wurde ich mit 15 Jahren zum Arbeitsdienst für die Wehrmacht nach Schleswig-Holstein abkommandiert. Dort mussten wir Gräben ausheben und andere Arbeiten verrichten. Nach dem Krieg kam ich wieder nach Hause. Die Feuerwehr in Höperhöfen existierte bereits vor 1939. Während des Krieges übernahmen die Frauen im Dorf die Aufgaben der Feuerwehr. Drei Gehöfte sind damals durch Fliegerbomben zerstört worden, bei denen die Frauen dann die Löscharbeiten durchführen mussten.

Wie war die Feuerwehr damals ausgerüstet?

Müller: Die Ausrüstung bestand aus einem Spritzenwagen, der von Pferden gezogen wurde. Das war noch so, als ich zur Feuerwehr ging. Wenn es gebrannt hatte, musste das Löschwasser aus Feuerlöschteichen gepumpt werden, von denen gab es vier im Dorf. Gepumpt wurde von Hand durch mehrere Feuerwehrleute, die eine große Handpumpe am Spritzenwagen bedienten. So was kann man manchmal noch in alten Filmen sehen. Die persönliche Schutzkleidung hatte jeder Feuerwehrmann bei sich zu Hause. Ungefähr 20 Mitglieder waren wir damals.

War es gewissermaßen Pflicht, seinerzeit der dörflichen Feuerwehr beizutreten?

Müller: Pflicht kann man so nicht direkt sagen, aber es war schon so, dass in der Regel von jedem Haushalt ein erwachsener Mann Mitglied war. Damals lebten immer mehrere Generationen unter einem Dach, und so war es auch kein Problem, dass jeder Hof einen Mann stellen konnte. Außerdem war es für uns junge Männer damals eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit, mitzumachen. Es gab keine weiteren Vereine und die Kameradschaft in der Feuerwehr war für uns sehr wichtig.

Wie funktionierte damals das Notrufsystem, gab es schon eine Sirene?

Müller: Nein, eine Sirene hatten wir nicht, und im ganzen Dorf gab es nur ein Telefon. Wir hatten also kein Notrufsystem. Das war aber auch nicht nötig, denn im Prinzip bestand Höperhöfen damals zu großen Teilen aus Bauernhöfen und die Leute arbeiteten fast ausschließlich im Dorf. Wenn es zu einem Brand kam, dann gab es drei Männer, die mit Signalhörnern ausgerüstet waren. Die fuhren dann durchs Dorf und schlugen Alarm. So waren in kürzester Zeit alle informiert und der Einsatz der Feuerwehr konnte beginnen. Das ist heutzutage, wo viele in den großen Städten oder im Umland arbeiten, wesentlich komplizierter.

Sie waren 17 Jahre alt, als Sie der Feuerwehr beitraten. Gab es eine Jugendfeuerwehr? Wie verlief die Ausbildung?

Müller: Nein, eine Jugendwehr gab es nicht, auch keine spezielle Ausbildung mit Lehrgängen und dergleichen. Das Wissen über die Lösch- und Rettungsarbeiten wurde den jungen Feuerwehrleuten von ihren älteren Kameraden vermittelt. Die Anforderungen waren damals allerdings auch nicht so umfangreich wie heute. Die Häuser hatten damals in der Regel keine Teppiche oder andere Baustoffe, die bei einem Brand giftige Dämpfe erzeugten.

Wenn Sie die Feuerwehr von früher mit der von heute vergleichen, sind Sie der Meinung, dass damals das Ansehen in der Bevölkerung oder die Kameradschaft untereinander besser waren?

Müller: Das möchte ich so nicht sagen. Gerade heutzutage ist unsere Feuerwehr sehr aktiv und immer bemüht, für Nachwuchs zu sorgen. Ich denke, dass die Kameradschaft immer noch sehr groß geschrieben wird. Aber das war nicht immer so.

Inwiefern?

Müller: Es gab eine Zeit – ich glaube, es war in den 70er-Jahren –, da ging es schon ein wenig den Bach runter. Ich will jetzt nicht sagen, dass es verpönt war, Mitglied der Feuerwehr zu sein, aber die Leute haben sich nicht darum gerissen. Wenn wir dann Wettkämpfe hatten, war es manchmal schwierig, überhaupt eine Mannschaft, das waren acht Mann, zusammen zu kriegen. Das war bis dahin nie der Fall gewesen. Man hatte schon das Gefühl, dass es auf der Kippe stand, ob die Feuerwehr weiter bestehen würde. Warum das so war, kann ich mir nicht erklären. Vielleicht lag es daran, dass das Freizeitangebot für die Menschen damals immer größer wurde.

Gab es einen markanten Zeitpunkt in der Entwicklung der Höperhöfener Feuerwehr?

Müller: Die erste große Neuerung war Anfang der 50er-Jahre, als wir ein motorbetriebenes Fahrzeug bekamen. Das passte allerdings nicht in das alte Spritzenhaus. Also mussten wir anbauen und das haben wir in Eigenleistung gemacht. Auch so etwas wäre ohne die große Kameradschaft untereinander nicht möglich gewesen.

Wie war es für Sie als Landwirt, wenn es beispielsweise in der Erntezeit zu einem Einsatz kam?

Müller: Dann hat man alles stehen und liegen gelassen. Ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Notfall hatte immer Vorrang, da musste eine Ernte hinten anstehen. Wenn es dann vielleicht einmal knapp wurde, die Ernte einzufahren, half man sich später gegenseitig.

Welches war Ihr spektakulärster Einsatz?

Müller: Hier auf dem Land passiert ja eher wenig. Es gab natürlich in all den Jahren auch den ein oder anderen Wohnungs- oder Hausbrand, die waren schon sehr aufregend. Aber jetzt einen als spektakulärsten Einsatz hervorzuheben, ist so nicht möglich. Jeder Einsatz hat seine eigenen Gefahren und Problemsituationen.

Was hat Ihnen am Feuerwehrdienst in dieser doch sehr langen Zeit am besten gefallen?

Müller: Da kann ich eindeutig sagen, dass es die Wettkämpfe mit den Wehren aus anderen Dörfern waren. Einerseits, weil man sich mit anderen messen konnte, aber eigentlich waren die Kontakte über die Dorfgrenzen hinweg eine sehr schöne Sache.

Was hat Sie dazu bewogen, der Feuerwehr derart lange die Treue zu halten? War das eine Art Automatismus, oder eher eine persönliche Entscheidung?

Müller: Das habe ich persönlich für mich entschieden. Als ich mit 65 Jahren aus dem aktiven Dienst ausscheiden musste, war mir gleich klar, dass ich den Kontakt zu meinen Kameraden nicht abreißen lassen wollte. Also bin ich weiter Mitglied geblieben, eine Entscheidung, die ich nie bereut habe. Ich gehe noch heute zu jeder Jahreshauptversammlung und halte auch sonst einen gewissen Kontakt aufrecht. So bin ich immer noch ein Teil der Feuerwehr und das tut mir gut.

Also steht einem 75. Jubiläum nichts mehr im Wege?

Müller: Nein, nur die nächsten fünf Jahre.

Zur Person

Hans Hinrich Müller erblickte im Jahre 1929 in Höperhöfen das Licht der Welt. Er ist also ein original Höperhöfener und ist es immer geblieben. Als Landwirt bewirtschaftete er seinen Hof, bis ins hohe Alter. Heute, mit 88 Jahren, hat er einen Großteil der Landwirtschaft aufgegeben, aber mit dem verbleibenden Rest ist er immer noch beschäftigt, wenn auch in kleinerem Umfang. 1961 heiratete er seine Frau Ilse. Die beiden haben sechs Kinder und zehn Enkelkinder und zu seiner Freude sind einer seiner Söhne und ein Schwiegersohn aktive Mitglieder bei der Höperhöfener Feuerwehr. 

dau

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