Grundschullehrerin Jessica Klasen übernimmt zum ersten Mal eine erste Klasse / Die Kreiszeitung begleitet sie ein Jahr

„Kinder sehen die Welt anders“

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Jessica Klasen wartet mit Robbi der Robbe und Franz dem Zebra auf ihre Schüler im neu dekorierten Klassenraum.

Sottrum - Von Jessica Tisemann. Die Sommerferien sind vorbei. Auch für die Erstklässler geht es ab Montag nach der Einschulung am Samstag richtig los. Aufregung ist dabei auch bei Jessica Klasen zu spüren. Die 29-Jährige übernimmt an der Grundschule am Eichkamp in Sottrum zum ersten Mal eine erste Klasse – die Robbenklasse. Im Interview erzählt sie, was die größte Herausforderung ist und wie wichtig ihr die Arbeit mit den Kindern ist. Die Kreiszeitung begleitet Jessica Klasen in ihrem ersten Jahr als Klassenlehrerin und schaut einmal im Monat bei ihr vorbei, um zu berichten, wie es ihr und der Robbenklasse geht.

Frau Klasen, jetzt geht es richtig los. Sie bekommen zum ersten Mal eine erste Klasse. Wie nervös sind Sie?

Jessica Klasen: Ich versuche immer, locker zu bleiben, aber ich bin schon ein bisschen nervös. Wahrscheinlich wird es bei der Einschulung richtig schlimm, jetzt gerade geht es noch.

Haben Sie Angst, etwas falsch zu machen?

Klasen: Etwas falsch zu machen gehört dazu. Ich habe aber noch nie erlebt, dass irgendjemand gesagt hat: „Oh mein Gott, was machst du denn da?“, sei es von Eltern- oder von Lehrerseite. Deswegen gehe ich da positiv heran. Klar, ich habe Angst, den Kindern nicht gerecht zu werden. Ich soll sie ja dort abholen, wo sie stehen. Ich habe jetzt 16 Schüler mit so vielen individuellen Charakteren, dass es anspruchsvoll genug ist.

Jetzt direkt vom Kindergarten in die erste Klasse ist eine ganz schöne Umstellung für die Kinder ...

Klasen: ... ja, ich finde kleinere Kinder sind meistens noch interessierter, haben eine andere Vorstellung von der Schule und der Welt. Das finde ich auch sehr schön. Klar, gibt es andere Dinge, die ich den Kindern beibringen muss – Stillsitzen, wie Schule funktioniert, Schreiben, Lesen, Stifte halten. Das ist spannend.

Wie ist die Unterstützung aus dem Lehrerkollegium?

Klasen: Sehr gut. Wenn mal etwas ist, kann ich jeden ansprechen, auch wenn ich zum dritten Mal das Gleiche frage. Ich habe auch eine erfahrenere Kollegin, mit der ich mich sehr gut verstehe und immer austausche. Wir müssen gucken, dass dafür Zeit ist. Manchmal sind die Pausen zum Beispiel mit Aufsicht auch voll belegt. Aber alle sind offen und helfen.

Was ist die größte Herausforderung für Sie, wenn es jetzt mit den Erstklässlern losgeht?

Klasen: Eine große Herausforderung ist, dass ich jetzt die Verantwortung für die Kinder habe, die in die Schule kommen. Daraus muss ich eine Klasse, eine Gemeinschaft formen. Sie an die Regeln gewöhnen, oder Regeln einführen, sodass das Zusammenleben klappt. Sie müssen sich hier gut einfügen, aber auch wohlfühlen. Ich muss sie in die Schule integrieren.

Haben Sie als Klassenlehrerin für die Einschulung auch einen festen Part übernehmen müssen?

Klasen: Ich gehe mit den Kindern zusammen zum festlichen Empfang. Und dann werde ich mit ihnen schon eine Stunde gemeinsam in der Klasse verbringen. Und es werden bestimmt ganz viele Fotos gemacht und Eltern möchten mit mir sprechen. Das ist es dann aber auch erst einmal.

Haben Sie sich darauf ganz besonders vorbereitet?

Klasen: Auf die Einschulung direkt nicht, aber ich habe Literatur über die erste Klasse gelesen. Auch wenn ich noch nicht weiß, ob ich dadurch schlauer bin (lacht). Vermutlich bekomme ich erst Routine, wenn ich es schon ein paar Mal gemacht habe. Ich habe aber schon ganz viel gebastelt – Namensschilder zum Beispiel und Dekoration für den Klassenraum. Dann habe ich alles eingerichtet, damit auch Material für die Erstklässler bereitsteht. Außerdem habe ich Gespräche mit den Erzieherinnen geführt. Für den Einschulungstag direkt musste ich die Stunde planen.

Was macht generell den Reiz des Lehrerseins für Sie aus?

Klasen: Der Reiz ist, mit Kindern zu arbeiten. Das sind ganz eigene Charaktere, die die Welt noch einmal anders sehen als Erwachsene. Diesen Lernprozess zu begleiten, ist total spannend – in meinem Fall zum Beispiel wie sie Lesen und Schreiben lernen. Wie sie Schritt für Schritt mehr von der Welt erfahren und sich Zusammenhänge bilden. Das Spannende ist, mit den verschiedenen Individuen zusammenzuarbeiten.

War dann auch recht schnell klar, dass es die Grundschule sein soll?

Klasen: Grundschule war schon gleich klar für mich. Ich habe früher gerne schon Schule gespielt (lacht), dann ging es weiter mit Babysitten und Nachhilfe geben. Das sind die Dinge, die mir immer Spaß gemacht haben. Für mich war einfach klar, dass es Grundschule ist, weil ich die Zeit auch am spannendsten finde. Die Fächer – Deutsch und Englisch – habe ich mir auch gut überlegt. Sprache war schon immer meins. Und da es an der Universität Bremen das Fach Englisch auch für die Grundschule gab, sah ich die Chance, es den Kindern beizubringen. Deswegen habe ich mich dafür entschieden. Ich war selbst gerne in der Schule. Außerdem wollte ich gerne studieren, und dann ist das die Kombination aus beidem. Es ist auch ein sehr dankbarer Beruf, weil die Kinder einem so viel zurückgeben.

Haben Sie auch ehemalige Lehrer bei der Berufswahl beeinflusst?

Klasen: Ich kann mich nicht konkret an meine Grundschulzeit erinnern. Da waren schon ein paar Lehrer, die ich gerne mochte, aber ich weiß nicht, ob mich das beeinflusst hat. Vielleicht ein bisschen, aber ein konkretes Vorbild hatte ich nicht.

Was ist das Besondere an dieser Schulform?

Klasen: Die Arbeit ist noch kindgebundener. Die Lehrer haben erzieherische Aufgaben, die es später zwar auch noch gibt, aber in der Grundschule sind sie grundlegender. Man hat nicht die großen Probleme mit Gewalt und Drogen, die an weiterführenden Schulen vielleicht auftreten. Es wird in der weiteren Zeit immer schulischer und geht nicht mehr so sehr um das Individuum, sondern eher um die fachlichen Inhalte.

Heißt das, dass es in der Grundschule nicht so einen großen Erfolgsdruck gibt?

Klasen: Es ist trotzdem ein gewisser Erfolgsdruck da. Das habe ich jetzt bei einer vierten Klasse gemerkt. Dadurch, dass die Empfehlungen für die weiterführende Schule gegeben werden, besteht schon ein gewisser Druck. Im Endeffekt geht es um die Noten, die sich aus verschiedenen Dingen zusammensetzen. Ich versuche, das auch den Schülern klarzumachen. Das heißt, die Kinder, die in der einen Sache Schwächen haben, können diese in einer anderen wieder ausgleichen. Es ist schon so, dass Noten einen gewissen Druck ausüben. Wir müssen diese Überprüfungen machen, die zu Noten führen und in der Gesamtbewertung enden.

Ist es mit älteren Kindern nicht einfacher?

Klasen: Die Arbeit mit den dritten und vierten Klassen hat auch ihren Vorteil. Da muss ich nicht noch erklären, hol deine Mappe raus, und es dauert dann nicht gefühlt 30 Minuten (lacht). Sie sind selbstständiger und verstehen kognitiv mehr. Es ist zum Beispiel auch möglich, fachlich intensiver mit ihnen zu arbeiten, vor allem in Englisch. Oder wir diskutieren über die Umwelt und fragen, was sie in der näheren Umgebung selbst betrifft. Aber mit den ersten Klassen ist die Arbeit auch total faszinierend.

Ist der Job als Grundschullehrerin nicht super anstrengend?

Klasen: Was ist anstrengend? Zum Beispiel wenn es Probleme mit den Kindern oder den Eltern gibt, aber auch die Fülle der Arbeit. Wir haben ganz viele Dinge, die wir noch neben dem Unterricht erledigen. Wir müssen unseren Unterricht gut vorbereiten, gerade jetzt, wo ich ganz am Anfang stehe. Oder wenn ich ein Fach unterrichten muss, dass ich nicht studiert habe, wo ich bisher keine Erfahrung gesammelt habe, muss ich mir das Thema anlesen und Material zusammensuchen. Da kommt einiges zusammen. Das häuft sich – gerade vor den Ferien. Das sind dann immer Phasen, die anstrengend sind. Das bezieht sich nicht nur auf den Alltag mit den Schülern, sondern gerade wenn du jedes Kind individuell fördern willst, musst du dich echt in die Situation hineinversetzen und überlegen, was du im Unterricht behandeln willst, da nicht jedes Kind gleich arbeitet.

Wie schaffen Sie es, gerade in diesen Phasen trotzdem weiterzumachen?

Klasen: Ganz einfach sind das Situationen, an die ich zurückdenke und die mich zum Schmunzeln bringen, oder wo ich mich einfach freue. Das sind dann Situationen, die muss ich mir dann einfach merken. Zum Beispiel was ein Kind gesagt oder gemacht hat, das ist schon ganz schön süß. Daran kann ich mich auf jeden Fall hochziehen. Aber auch sonst, wenn ich an die ganzen Kinder und die Erfolgserlebnisse denke, dann heitert mich das auf. Auch der Gedanke, dass ich eine Klasse habe, für die ich verantwortlich bin und für die ich das Bestmögliche erreichen möchte.

Es entsteht schon ein bisschen Druck, wenn man für die ganze Klasse verantwortlich ist ...

Klasen: ...ja, schon. Ich habe zwar nicht ganz alleine die Verantwortung, aber schon den größten Teil. Ich bin dafür verantwortlich, was die Kinder lernen.

Sie haben schon dreieinhalb Jahre Erfahrung gesammelt. Was war der schönste Moment für sie persönlich?

Klasen: Es war zum Beispiel ein sehr schönes Gefühl, als ich die Prüfung bestanden hatte. Ich bin dann an meiner alten Schule aus der Prüfung herausgegangen, es warteten zwei Lehrerinnen auf mich, die mich betreut hatten, und haben mir ein Geschenk überreicht. Das war sehr emotional. Oder wenn ich mal eine gute Stunde hatte, die mich gefreut hat. Auch einzelne Kinder sind mir in Erinnerung geblieben.

Sind Sie eher der nette Lehrer oder greifen Sie auch hart durch?

Klasen: Eine Mischung aus beidem. Ich möchte jetzt nicht die gefürchtetste und respekteinflössendste Person sein. Ich bin schon eher bemüht, eine Beziehung zu den Kindern aufzubauen, ein Vorbild für sie zu sein, und zum Teil eine Erziehungsperson. Das heißt auch, eine Person zum Anlehnen zu sein. Aber ich muss auch streng sein, damit die Kinder wissen, dass sie nicht alles mit mir machen können. Das tut aber auch nicht weh, wenn ich den Kindern trotzdem das Gefühl gebe, dass ich sie mag und wertschätze.

Sie haben angesprochen, dass Sie auch eine Art Erziehungsperson sind. Was gilt es, den Erstklässlern im Bezug darauf noch beizubringen?

Klasen: Naja, es ist schon so, dass es in der Schule gewisse Regeln gibt. An die müssen sich die Kinder natürlich halten. Generell betreffen diese die allgemeinen Dinge: Wir streiten uns nicht, wir versuchen Konflikte zu lösen, Gewalt ist verboten und dass sie nicht machen können, was sie wollen. Von den Kindern wird etwas erwartet. Stillsitzen, Dinge organisieren, das sind auch Punkte, die sie lernen müssen. Auch das soziale Miteinander ist wichtig.

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