Redakteur gegen Leser: 3:0 beim Schach-Simultan „Klein allein gegen drei“

Bei „Grünfeld“ müssen Syrer passen

Es war eine Premiere für die Syrer und auch für Manfred Klein (r.), der gegen drei Flüchtlinge gleichzeitig (simultan) im Schachwettbewerb antrat. Joudy (von links), Hussein und Rakan wählten die weißen Steine, zogen aber am Ende gegen Klein den Kürzeren. - Foto: Mohamed

Sottrum - Von Manfred Klein. Eigentlich lief die Saison beim Schachclub Sottrum für mich gut. Den Titel in der Vereinsmeisterschaft gewonnen, den Pokalsieg im Club errungen und mit einem Sieg in der Seniorenmannschaft den Landesmeistertitel an die Wieste geholt. Schachsportherz, was willst du mehr? Aber einer ging da noch: In unserem Wettbewerb „Redakteur gegen (zukünftige) Leser“ wollte ich mich im Simultan gegen Schach spielende Flüchtlinge messen. Vier Syrer wagten sich zum vereinbarten Termin ins Clubzimmer des Hotel Röhrs, um gegen mich anzutreten.

Drei Bretter waren mit Figuren schnell aufgebaut. Die drei zum Schachtermin erschienen Syrer Joudy (16), Rakan (30) und Hussein (32) wählten die weißen Steine für das Match. Ein vierter Syrer, Mohamed, bekannte, kein Schach spielen zu können und fragte, ob nicht auch das Brettspiel „Dame“ genehm sei. Danach stand mir aber nicht der Sinn, und ich ernannte Mohamed für heute zum Fotografen, er solle unser Match im Bild festhalten.

Wir unterhalten uns auf Englisch, das geht besser als auf Deutsch. Alle vier besuchen zwar regelmäßig an ihrem Wohnort Sottrum den Deutschunterricht. Aber für ausführliche Kommunikation reicht es noch nicht. Hussein merkt an, dass er in Syrien als Dolmetscher tätig gewesen sei, als Übersetzer für Englisch, Arabisch und Kurdisch. Bald werde auch noch Deutsch hinzukommen, schiebt er lächelnd hinterher. Rakan übrigens verdiente sich seine Brötchen in Syrien als gelernter Kfz-Elektroniker. Beiden widme ich vor dem Duell Worte überzeugter Zuversicht, dass sich für sie in Zukunft gute Berufschancen eröffnen könnten. Wenn alles mit deutscher Sprache und Papieren in trockenen Tüchern sei.

Neben dem eröffneten Simultanschach bleibt Zeit, sich über Gott und die Welt zu unterhalten. Alle vier Protagonisten haben noch keine Papiere, die ihnen eine Zukunft in Sottrum, Deutschland und im Westen eröffnen könnten. Lediglich ein Schriftstück halten sie in Händen, das mit Namen ihre Existenz bestätigt, erweitert mit der behördlichen Regie, dass sie sich an diesem oder jenen Ort aufhalten sollen, Straße, Hausnummer, 320 Euro Taschengeld im Monat bekommen, und das war’s dann auch schon.

Die Flucht oder Vertreibung aus dem kriegsgeschüttelten Syrien führte das verwandtschaftlich verbundene Quartett nach Sottrum. Ein weiter Weg. Hussein etwa verbrachte, wie er berichtet, zwei Monate in einer Basketballhalle in Dortmund, danach fünf Monate in einem Heim im Wald bei Lüchow-Dannenberg, bevor sich ihm und den anderen Dreien der Weg an die Wieste öffnete. Was weiter kommt, bleibe abzuwarten, meinen die Syrer schulterzuckend.

Schach ist – wie jeder Sport, wie Tanz oder Musik – eine internationale Sprache, die jeder versteht, der Schach spielen kann. Eigentlich braucht es ja auch gar keiner Worte. Beim Schach wird nicht gesprochen. Schweigend werden abwechselnd schwarze und weiße Figuren gezogen. Und der „Gegner“ versteht, was unter Umständen droht oder wohin die Reise auf dem Spielfeld der schier unendlichen Möglichkeiten gehen könnte. Schach, finde ich, ist ein ideales Präventions- und Integrationsmedium. Über das sportlich-gesellige Medium erreichst du den Menschen, der Schach spielen kann, egal, woher aus der Welt er kommt. Und sich dann nah gegenüber am Brett zu sitzen, da entsteht auch Kommunikation – mit ein bisschen Deutsch oder Englisch oder mit „Händen und Füßen“, wie es so schön heißt. Mit den genannten Syrern klappt das auf jeden Fall schon ganz gut.

Und mal sehen, was aus den neuen Beziehungen zwischen Syrern und Sottrumern wird. Vielleicht verstärkt einer der Simultan-Cracks schon in naher Zukunft eines der Wettkampf-Teams des SC Sottrum. Wer wollte das ausschließen?

Okay, die drei Syrer hatten im ersten Simultan-Duell noch keine Chance. Ich gewann – mit „Grünfeld“ und Abwandlungen des „Nimzowitsch-Indisch“ auf drei Mal gespieltes 1. d4 – nach geraumer Zeit alle drei Partien durch Matt oder gegnerische Aufgabe.

Aber damit war es das noch nicht. Im „Campus Unterstedt“ soll es auch etliche Flüchtlinge geben, die den Schachsport pflegen, wie Gerhard Pillmann, Vorsitzender des Schachklubs Springer Rotenburg, verrät. Dann wollen wir mal gucken, ob wir ein Duell „Sottrum – Syrien“ im Schachsport hinbekommen oder ein Match „Mani gegen Flüchtlinge“, will heißen: Ich spiele ein Simultanturnier gegen zehn oder zwanzig Syrer oder Flüchtlinge anderer Nationalitäten gleichzeitig. Ich denke da ganz pragmatisch: Jeder sollte gelegentlich seine Grenzen austesten.

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