Oder: Wie ein Journalist versucht, gegen eine Zwölfjährige im Vorlesen zu bestehen

Der Grüffelo vor dem Grinsemann

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Unendlicher Spaß? Der Buchtitel links im Bild sollte die Duell-Szene auflockern. Hat nicht ganz geklappt.

Sottrum - Von Michael Krüger. Vom Hersteller empfohlenes Alter: 36 Monate bis sechs Jahre. Das muss der Grund sein. Ich habe es verbockt. Der Verlag muss das nächste E-Paper-Jahresabo springen lassen, denn im Vorlesen gegen Lea Greulich ziehe ich den Kürzeren. Die nächste Niederlage unserer Wettstreit-Serie mit Lesern. Lea liest viel. Und gut. Besser jedenfalls als der Autor, stellen wir an diesem Dienstagmittag im Sottrumer Gymnasium fest.

Man hätte es sich einfacher machen, einen einfacheren Gegner aussuchen können. Lea hat im Februar den Kreisentscheid beim Vorlesewettbewerb des deutschen Buchhandels gewonnen. Die Zwölfjährige aus der 6b hatte dort „Harry Potter und der Stein der Weisen“ gelesen, jetzt wählt sie „Rubinrot“ von Kerstin Gier. Teenager-Literatur, ich verstehe kein Wort. Was habe ich als Zwölfjähriger gelesen? „Pitje Puck“? Die Bedienungsanleitung meines ferngesteuerten Autos? Vermutlich nur die Bildunterschriften im Panini-Bundesligaheft 89/90.

Kritische Jurorinnen: Johanna (l.) und Joleen.

Jetzt greife ich zum „Grüffelo“, und damit daneben. Ein Kinderbuch, tausendmal vorgelesen daheim, die Tochter kann es auswendig. Aber die geht auch noch in den Kindergarten. Der liegt lange hinter Lea, und noch schlimmer: auch hinter Florian, Tim, Johanna und Joleen. Leas Klassenkameraden – sie sitzen in der Jury. Also muss ich, meine Taktik aus der Not heraus, auf den Nostalgiefaktor bei Frau Schlachta und Herrn Müller setzen. Beide Deutschlehrer, beide mit strengem Blick, beide diejenigen, die erklären, worum es geht: Lesetechnik, Interpretation, Textauswahl. Einen Punkt kann ich schon mal abhaken.

Fünf Minuten habe ich für den eigenen Text, muss natürlich beginnen. Ich frage mich, warum Lehrer keine Vornamen haben, denke nach, ob ich die richtige Körperhaltung habe hier beim Wettbewerb in der Schulbücherei, überlege, wo die Betonung zu setzen ist, und merke irgendwann, dass ich auch schon lese. Läuft eigentlich ganz gut, finde ich, obwohl ich anders als bei der Gutenachtlektüre daheim alles selbst lesen muss. Spricht ja kein Zwerg mehr mit. Sind die fünf Minuten nicht längst um?

Und dann grinst auch noch der Kollege. Eigentlich soll er Fotografieren, doch jetzt sitzt er da, weit zurückgelehnt, er bedient sich an den Schokoladen-Häppchen. Und er grinst. Was, zum Teufel, bedeutet das? Er lacht dich doch aus, ganz klar. „Neee nee...“, schwadroniert er später, als alles gegessen ist, nicht nur die Süßigkeiten. Hat er doch.

Lea Greulich kann es. Da stimmt die Betonung, und auch der Blick zu den Zuhörern ist passend gesetzt.

Als Lea liest, grinst er nicht, sondern nickt aufmunternd. Na klar. Braucht er aber nicht, denn sie macht es gut. Betonung vorhanden, Gestik stimmt, keine Verhaspler. So geht das, denke ich, und nehme auch ein Stück Schokolade: „Zartbitter“, passt irgendwie zur Gesamtsituation. Dann der Fremdtext. Fünf Minuten Vorlesen aus Cornelia Funkes „Tintenherz“ sind die Aufgabe, ein Weltbestseller, mir völlig unbekannt. Das Drama nimmt seinen Lauf. Nächstes Mal fordere ich Lea im Gewichtheben heraus. Da dürften meine Chancen besser stehen.

Die Auswertung der Jury verfolgen wir vor der Tür. Rausgeschickt werden, bis der Lehrer einen wieder hereinlässt, kommt mir irgendwie bekannt vor von früher, bietet aber jetzt die Gelegenheit, mit Lea das Leserverhalten Zwölfjähriger zu besprechen. Das Buch und selbst Papier scheinen weiter angesagt. „Was sind eigentlich E-Books?“, fragt sie ernsthaft.

Die Welt ist doch nicht verloren, denke ich, die Zukunft gesichert. Und auch die Jury freut sich, am Ende werden 19 zu schmeichelhaften 18 Punkten verteilt. „Es gibt kaum etwas zu verbessern“, sagt Frau Schlachta, und meint damit nicht nur Lea. Ich freue mich, meine Konkurrentin verbucht den Erfolg als zusätzliche Übungseinheit: Am 30. April steht in Verden der Bezirksentscheid des Vorlesewettbewerbs an.

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