Hans Wilhelm Kaufmann über die Beziehung zwischen Ort und Festival

Gitarrenwoche-Leiter: „Es hat sich eine Verbundenheit entwickelt“

+
Hans Wilhelm Kaufmann ist der künstlerische Leiter der Rotenburger Gitarrenwoche. 

Ahausen - Von Matthias Röhrs. Wenn in zwei Wochen die Rotenburger Gitarrenwoche in Ahausen beginnt, gibt es etwas zu feiern. 35 Jahre lang gibt es dieses Festival dann, und in dieser Zeit unterlag das Festival immer wieder einem Wandel, wie Hans Wilhelm Kaufmann, der künstlerische Leiter, erklärt. Im Interview blickt er zurück auf die Anfänge der Gitarrenwoche, ihre Beziehung zur Region und was sie heute ausmacht.

Herr Kaufmann, gehen wir doch mal ins Jahr 1982 zurück. Warum haben Sie und und ihre Mitstreiter damals die Rotenburger Gitarrenwoche gegründet?

Hans Wilhelm Kaufmann: Als ich jung war, gab es keine ausgebildeten Gitarrenlehrer vor Ort. Deswegen fuhr ich auf Gitarrenkurse und als Jugendlicher haben sie mir sehr viel bedeutet. Der Unterricht, das gemeinsame Musizieren, die Begegnungen mit Menschen jeden Alters aus aller Welt und ganz besonders die Intensität einer Kurswoche – eine ganze Woche Gitarrenspielen mit Gleichgesinnten. Und man muss sich um nichts kümmern: Kochen, Essen, Aufräumen, Waschen. Der normale Alltag spielte kaum oder gar keine Rolle, nur das Musizieren – herrlich! Und ich sehe bei vielen jungen Teilnehmern die gleiche Begeisterung. Solche Eindrücke können einen tief prägen. Deswegen war es mir ein wichtiges Anliegen, diese Erlebnisse, die ich als Jugendlicher so genießen konnte, als Lehrer weitergeben zu können.

35 Jahre Gitarrenwoche: Ist es schwer, das Konzept über all die Jahre sozusagen frisch zu halten?

Kaufmann: In den ersten zwanzig Jahren kamen immer wieder neue „Bausteine“ in der Kursarbeit hinzu: Kammermusik, Gitarrenorchester, Workshops und natürlich die Konzerte. Nun ist der Zeitplan wirklich voll. Wir starten morgens um 9 Uhr und hören selten vor 22 Uhr wieder auf. Das „Frische“ an dieser Arbeit ist und bleibt die Begegnung mit den internationalen Künstlern und Teilnehmern aus aller Welt. Kein Künstler kann in seiner Persönlichkeit, seinem Stil und Ausdruck ersetzt werden. Das gilt für die Stars genauso wie für jeden einzelnen Teilnehmer. Ich glaube, das Besondere an der Gitarrenwoche ist, dass dieses Erleben von einmaligen Künstlern besonders intensiv ist. Wir erleben eine Solidarität und eine Gemeinschaft, die jedes Jahr ganz besonders ist. Es gibt keine Konkurrenz, wie auf vielen großen Meisterkursen, sondern das Erleben, dass musizieren in der Gemeinschaft besonders schön ist.

Braucht eine Region wie Rotenburg und Ahausen ein derartiges Festival oder ist es eher umgekehrt? Wie stark ist die Bindung zwischen Veranstaltung und Ort?

Kaufmann: Wir sind nach Ahausen gekommen, weil es genau die Unterkunft hatte, die meinen Vorstellungen eines Gitarrenfestivals entsprach. Aber durch die langen Jahre hat sich eine Verbundenheit mit Rotenburg und Ahausen entwickelt, die sich gegenseitig befruchtet. Wir werden von örtlichen Institutionen und Stiftungen unterstützt und gefördert. Ohne diese Unterstützung können wir diese Konzerte auf höchstem internationalen Niveau nicht stemmen, das kann man nicht durch Eintrittsgelder finanzieren. Das braucht eine Kulturförderung wie überall auf der Welt. Dafür steigt auch die Attraktivität des Ortes oder der Region. Rotenburg ist nun in der Gitarrenszene der ganzen Welt bekannt. Mit dem Titel „Concierto de Rotenburg“ ist die Stadt buchstäblich verewigt.

Wie überzeugt man internationale Künstler, Konzerte auf dem Dorf zu spielen?

Kaufmann: Für die Künstler spielt es gar keine Rolle, ob sie in einer Weltstadt oder einem kleinem Dorf spielen. Sie wollen gehört werden – im wahrsten Sinn des Wortes. Sie suchen Menschen, die ihnen zuhören. Das Publikum in Ahausen ist fantastisch, man spürt, wie es aufmerksam lauscht, man spürt ihre Erfahrungen seit vielen Jahren der Gitarrenkonzerte. Alle Künstler sind nach dem Konzert begeistert vom Publikum. Das Gleiche gilt für die Kursarbeit: Entscheidend ist die Intensität zwischen den Beteiligten.

Wonach wählen Sie die Musiker eigentlich aus?

Kaufmann: Ich bekomme sehr viele Anfragen und Angebote und alle sind hervorragend. Da ist die Auswahl wirklich schwer. Aber ich habe eine wichtige Bedingung: Ich muss die Gastkünstler persönlich kennen. Nur so kann ich einschätzen, ob sie zu der besonderen Idee unserer Gitarrenwoche passen. Sie müssen Freude an dieser intensiven Art der Begegnung haben und nicht selbstverliebt erwarten, dass sich alles nur um sie dreht. Ich darf mit ein bisschen Stolz sagen, dass uns das in all den Jahren gut gelungen ist.

Sie setzen jedes Jahr ein neues Oberthema fest. Nach welchen Kriterien wählen sie das aus?

Kaufmann: Die Idee eines Oberthemas hat sich erst in den vergangenen Jahren entwickelt und ich weiß noch nicht, inwieweit das fortgeschrieben wird. Es sollte auch nicht einengend sein, sondern eher offen bleiben. Im kommenden Jahr wollen wir vor allem die Frauen in der Gitarrenszene feiern, die über Generationen hinweg die Gitarrenszene prägen und oft nicht so im Rampenlicht stehen wie ihre männlichen Kollegen. Niemand wundert sich, wenn wir nur männliche Künstler in einer Woche präsentieren. So lange es noch etwas Besonderes ist, dass nur Frauen auftreten werden, ist die Gleichberechtigung noch nicht vollendet. Wenn wir das 2018 explizit so inszenieren, dann wird es in dann Jahren danach selbstverständlicher sein, wenn wir mal nur Frauen einladen.

Wie wird das Thema in den Workshops umgesetzt?

Kaufmann: Das kommt natürlich auf das Thema an. „Nur Frauen“ kann schlecht ein Thema in Workshops sein, aber wir haben vor, internationale Gitarristinnen einzuladen und für die Gitarrenausstellung nur Gitarrenmeisterinnen. Mal sehen, wie das ankommt.

Kann eigentlich jeder bei den Gitarrenwochen mitmachen? Wie gut muss man sein?

Kaufmann: Wir sind ein offenes Festival. Jeder kann mitmachen. Im Einzelunterricht können wir auf jedes Spielniveau eingehen, von Anfänger bis Profi. Aber in den Kammermusikproben und Gitarrenorchester sind gewisse Erfahrungen schon notwendig. Und für ganz blutige Anfänger lohnt sich ein Kurs nicht wirklich, er braucht eher regelmäßigen Unterricht über Jahre hinweg. Also zwei, drei Jahre Unterrichtserfahrung ist schon sinnvoll. Stilistisch sind wir offen, soweit man es auf der sogenannten Konzertgitarre spielen kann. Wir unterrichten nicht E-Gitarre, Westerngitarre und all die anderen vielen Formen. Das wäre zu viel. Aber wir haben schon manche Rocknummer oder Jazzstandard auf die Bühne gebracht, aber am beliebtesten bleibt die komponierte Musik für Gitarre, die ja viel breiter gestreut ist, als die Literatur von Klavier oder Orchesterinstrumenten.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Gute Stimmung auf dem Campingplatz beim Deichbrand

Gute Stimmung auf dem Campingplatz beim Deichbrand

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Meistgelesene Artikel

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Mittelalter-Markt in Höperhöfen: „Liberi Effera“ brechen das Eis

Mittelalter-Markt in Höperhöfen: „Liberi Effera“ brechen das Eis

Aus, Schluss und vorbei: Letzte Videothek im Südkreis macht dicht

Aus, Schluss und vorbei: Letzte Videothek im Südkreis macht dicht

Sattelzug hat 17 Tonnen Hühnerkot zu viel geladen

Sattelzug hat 17 Tonnen Hühnerkot zu viel geladen

Kommentare