Lühr Klee und Marlis Musfeldt im Interview

„Die Gemeinde muss Signale senden“

Marlis Musfeldt und Lühr Klee von den Sottrumer Grünen versuchen seit einigen Monaten, eine Baumschutzsatzung im Gemeinderat durchzusetzen. Das zieht sich hin.

Sottrum - Von Matthias Röhrs. Lindenstraße, Lange Gasse, Kirchstraße: Alles Orte in Sottrum, an denen in den vergangenen Monaten Bäume gefällt wurden. An der Großen Straße sollen in diesem Monat zehn weitere weichen. In der Grünen-Fraktion des Gemeinderates sorgt das für Unmut. Immer wieder sorgen sie auf den Sitzungen für Diskussionen zum Thema Baumschutz, auch eine entsprechende Satzung möchten sie ausarbeiten. Wie diese aussehen kann, woran es scheitert und wann ein Baum überhaupt schützenswert ist, das erklären die beiden Sottrumer Grünen-Ratsmitglieder Lühr Klee und Marlis Musfeldt im Interview.

Frau Musfeldt, Herr Klee, werden Bäume in Sottrum zu vorschnell gefällt?

Lühr Klee: Ja.

Warum?

Klee: Weil Bäume Aufwand bedeuten. Es gibt Laub, es gibt möglicherweise Wurzeln, die Rad- und Gehwege beschädigen, oder es kann bei Sturm Totholz herausbrechen. Der einfachste Baum ist sozusagen der, der nicht existiert.

Gilt das auch in Privatgärten, oder nur für den öffentlichen Bereich?

Klee: Nach meiner Wahrnehmung ist das im privaten Bereich nicht der Fall – im Gegenteil.

Erst kurz vor Weihnachten hat die Gemeinde eine kranke Blutbuche an der Kirchstraße gefällt. Auch tot hätte sie, so Lühr Klee, noch Lebensraum und Nahrung geboten. - Fotos: Röhrs

Wenn ein Baum gefällt wird, muss irgendwo ein neuer gepflanzt werden. Warum reicht dieser Ausgleich nicht aus?

Marlis Musfeldt: Weil sich so das Ortbild verändert. Wenn ich im Zentrum einen Baum wegnehme, ist das Ortsbild anders. Dann ist es egal, ob ich irgendwo außerhalb drei neue Bäume anpflanze. Ein Baum lockert das Ortsbild ja auch auf. Klee: Ökologisch gesehen sind selbst fünf kleine Bäume für Jahrzehnte kein Ersatz für eine ausgewachsene Eiche. Eine Ausgleichsmaßnahme findet in der Regel nicht an Ort und Stelle statt, sondern außerhalb. Das nützt dem Ortsbild erst mal gar nichts, und auch ökologisch dauert es eben sehr lange, bis die gleiche Funktionalität wieder hergestellt ist.

Geht es Ihnen denn mehr um den Naturschutz oder um die Ästhetik?

Klee: Beides. Musfeldt: Sowohl als auch.

Und was ist Ihrer Ansicht nach wichtiger?

Klee: Ich weiß nicht, ob man das irgendwie gegeneinander in eine Hierarchie bringen sollte. Wenn man das aber unbedingt machen wollte, dann ist der Naturschutz wichtiger.

Was wäre denn eine sinnvolle Ausgleichsmaßnahme?

Klee: Als erstes kommt es darauf an, die Bäume stehen zu lassen. Dazu muss aber auch ein gewisser politischer Wille vorhanden sein, sich wirklich anzustrengen und sich als Gemeinde so zu positionieren, dass sie Bäume auch erhält.

Die Sottrumer Grünen-Fraktion im Gemeinderat hat vor einigen Monaten den Antrag auf eine Baumschutzsatzung gestellt. Wie muss diese aussehen?

Klee: Der Antrag ist ja vor einem halben Jahr in den Ausschuss verwiesen worden, der seitdem nicht wieder getagt hat. Insofern versuchen wir, deutlich zu machen, dass die Gemeinde sich anstrengen und ein Signal in die Bevölkerung sowie an alle potenziellen Investoren senden muss, dass ihr die ortsbildprägenden Bäume einfach wichtig sind.

Wie wollen Sie die Kritiker auf Ihre Seite ziehen?

Klee: Durch eine Satzung, die einen Interessensausgleich herstellt.

Wie kann das aussehen?

Klee: Indem man zum Beispiel Einzelfallprüfungen durchführt. Dass man mit einem Gutachten schaut, welche Bäume schützenswert sind. Das wird meiner Meinung nach sehr salopp gehandhabt. Solche Prüfungen muss man institutionalisieren, damit man irgendwann ein vernünftiges und transparentes Verfahren hat, durch das praktisch Baum für Baum über den Gesundheitszustand befunden wird. Auch muss es die Bedeutung für den Naturschutz und für den Eigentümer betrachten.

Haben Sie den Eindruck, dass die Verwaltung überhaupt Interesse an einer solchen Baumschutzsatzung hat?

Musfeldt: Nein.

Wann ist ein Baum schützenswert?

Klee: Grundsätzlich immer. Auch ein kranker Baum ist ein Lebensraum für viele Vögel und Insekten. Also ist nicht nur der gesunde Baum schützenswert, sondern auch Totholz ist wichtig für den Nahrungskreislauf. Insofern ist jeder Baum erst einmal schützenswert, aber natürlich mit Abstufungen. Eine 20 Jahre alte Fichte ist ökologisch nicht zu vergleichen mit einer großen Buche oder Eiche. Da gibt es Unterschiede.

Wo ziehen Sie die Grenze? Ab wann würden auch Sie sagen, ein Baum kann gefällt werden?

Musfeldt: Das muss man von Fall zu Fall entscheiden. Wenn es ein kranker Baum ist, steht erst mal die Frage im Raum, ob er seine Umgebung gefährdet. Das müssen Spezialisten bewerten, und danach muss entsprechend gehandelt werden. Ein Baum, der zum Beispiel zu Unfällen führt, muss natürlich beseitigt werden, ja. Aber nicht unter allen Umständen. Klee: Es kommt immer auf den Anlass und die Umstände an. Wir in Niedersachsen haben seit Jahrhunderten die Tradition, auf den Höfen Eichen zu pflanzen. Mein Nachbar hat auch viele Eichen auf seinem Grundstück. Wenn er sich als landwirtschaftlicher Betrieb aus ökonomischen Gründen vergrößern oder modernisieren und er dafür Bäume fällen muss, dann ist das etwas Anderes, als wenn ein Investor eine möglichst hohe Rendite aus einer möglichst hohen Grundstücksausnutzung erzielen will.

Das Ziel hätte Ihr Nachbar aber auch.

Klee: Ja, aber er lebt davon. Er muss mit seinem Betrieb ein Einkommen erwirtschaften und sich möglicherweise technischen Neuerungen stellen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Ein Investor hingegen, der nach Sottrum kommt, sein Geld mitbringt und möglichst viel Rendite erzielen möchte, ist da anders zu betrachten als ein Landwirt, der seinen Betrieb erhalten will.

Ich höre da heraus, dass die Gefahr für Sottrumer Bäume eher von außerhalb kommt und nicht aus der Gemeinde.

Klee: Das könnte man sagen.

Dann sollte eine Baumschutzsatzung ja gute Chancen im Gemeinderat haben ...

Musfeldt: Wir haben es im Rat diskutiert und in den Ausschuss verwiesen. Aber damals gab es vielfach die Meinung, dass Privatpersonen vorsorglich Bäume fällen, wenn wir über die Satzung nur sprechen. Weil sie das möglicherweise in den kommenden Jahren eh vorgehabt hätten, aber dann vielleicht verboten wäre. Die Stimmung für eine Baumschutzsatzung ist nicht positiv. Klee: Die kurze und bisher nur wenig spektakuläre Geschichte unseres Antrags ist ja auch, dass der Verwaltungsausschuss diesen direkt ablehnen wollte. Nun musste aber im Rat entschieden werden, und dort hat sich dann überraschenderweise eine Mehrheit dafür gefunden, ihn nicht gleich abzulehnen. In der öffentlichen Ratssitzung haben sich also einige umentschieden. Ich denke, weil sie wissen, dass dieses Thema in der Bevölkerung durchaus auf Sympathie und Gegenliebe stößt. Das Argument, was Marlis eben zitiert hat, ist meiner Meinung nach nicht richtig und unterstellt der Bevölkerung eine Haltung gegenüber dem Naturschutz und den Bäumen, die nicht vorhanden ist.

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