Test für Artenerhalt im Zusammenspiel mit Landwirtschaft

„Freiluftlabor“ mit Wildkräutern in Bittstedt

Heiner Schröder (v.l.), Friederike Paar, Mareen Schröder-Meyer, Heike Vullmer und Reinhard Schraa begutachten das Pilotprojekt bei Bittstedt.
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Heiner Schröder (v.l.), Friederike Paar, Mareen Schröder-Meyer, Heike Vullmer und Reinhard Schraa begutachten das Pilotprojekt bei Bittstedt.

Bittstedt – Das Dorf Bittstedt liegt an der K202 zwischen Schleeßel und Taaken. Mehr oder minder durch Zufall findet hier ein sehr stilles und doch spannendes Projekt statt, und dieses befindet sich ganz am Rande des Dorfs. Genauer gesagt handelt sich um eine landwirtschaftliche Fläche, die sich am Ortsausgang befindet und nun als eine Art „Freiluftlabor“ dient.

Wer zu Fuß oder auch mit dem Fahrrad dort vorbei kommt, sieht direkt ein Hinweisschild, auf dem schon einiges erklärt wird – noch viel genauer wissen es aber die Kooperationspartner, die das Projekt initiiert haben: Beteiligt sind die St.-Georg-Stiftung, die Stiftung Naturschutz, der Landkreis Rotenburg und auch die Familie Schröder-Meyer. Ihnen gehört die Fläche, auf der in diesem Jahr alles ganz anders als in den anderen Jahren gehandhabt wird.

Heiner Schröder und Friederike Paar, beide aktiv im Vorstand der Sottrumer St.-Georg-Stiftung, haben die Sache ins Rollen gebracht: „Wir orientieren uns dabei an der Aufgabe, die Schöpfung zu bewahren“, erläutert Schröder. Dabei gehe es eben auch um den Erhalt von Naturräumen.

Bereitschaft der Landwirte eher gering

Und während das Thema Insektensterben in der Öffentlichkeit schon etwas stärker wahrgenommen werde, sei dies im Bereich der Wildkräuter noch weniger der Fall. Dabei hängt das eine Thema mit dem anderen zusammen: Beispielsweise der Kleine Perlmutterfalter hat bei intensiver Ackernutzung kaum eine Chance – der Wanderfalter ist nur eine von vielen Tierarten, die einen Lebensraum benötigen, der eher extensiv genutzt wird.

Dementsprechend hatte die Stiftung schon im vergangenen Jahr begonnen, das Projekt „Ackerwildkräuter“ anzugehen. „Parallel zum Insektenrückgang erleben wir den Verlust zahlreicher Ackerwildkräuter“, weiß Schröder. „Und genau hier wollen wir mit dem gemeinsamen Projekt ansetzen“, erläutert Heike Vullmer. Sie ist beim Amt für Naturschutz und Landschaftspflege in der Stiftung Naturschutz im Landkreis aktiv und kann einige Details erläutern. Auf gut 1 000 Quadratmetern – eben jener Fläche am Ortsausgang von Bittstedt – werden nun fünf Jahre lang seltene und gefährdete Ackerwildkräuter im doppelten Reihenabstand und mit regionalem Saatgut eingesät. Auch eine zweite Fläche wird vergleichbar bewirtschaftet. „Wir wollen dabei überprüfen, inwieweit es möglich ist, durch eine ackerwildkrautfreundliche Bewirtschaftung die eingesäten Arten zu erhalten und zu vermehren“, so Vullmer. „Wir haben bisher acht Paten, die diese Idee unterstützen, es dürfen natürlich noch mehr werden“, ergänzt Schröder einen weiteren Aspekt des Projekts.

Blühpatenschaften

Die St-Georg-Stiftung möchte Blühpatenschaften ins Leben rufen, Interessenten können sich bei Heiner Schröder unter der Rufnummer 04264 / 2312 melden.

Zunächst einmal war es gar nicht so einfach, eine entsprechende Fläche zu finden. „Die meisten Landwirte, die wir angesprochen hatten, wollten sich nicht beteiligen“, gibt er zu. Nach einigen gescheiterten Versuchen wandte er sich an seine Nichte Mareen Schröder-Meyer, die im Ort gemeinsam mit ihrem Mann einen landwirtschaftlichen Betrieb führt. „Uns ist klar, dass die Landwirte, die den Platz für die Wildkräuter zur Verfügung stellen, dadurch Ertragseinbußen haben“, weiß Schröder – daher sei es auch verständlich, dass die Bereitschaft eben zunächst nicht da sei. „Dabei kann ich jetzt noch gar nicht einschätzen, wie hoch dieser Ausfall sein wird“, überlegt Landwirtin Schröder-Meyer laut. „Wir haben bei der Aussaat immer eine Reihe frei gelassen, und ich bin momentan sehr überrascht, wie absolut gut das Getreide hier aussieht“, erklärt sie. Klar sei aber auch, sie verzichtet auf einen Teil des Ertrags auf der benannten Fläche. Noch nicht ganz klar ist, wie sich die Kräuter auf das Getreide auswirken. „Alleine das Ausbringen der Saat war schon spannend“, erinnert sich die Landwirtin. Nun geht es um die Frage, wie sich die Fläche entwickelt, etwa ohne konventionelle Pflanzenschutzmitteln.

Welche Folgen für den Ertrag?

Auch dies ist ein Teil des Pilotprojekts – Vullmer weiß, dass Ackerwildkräuter meist wenig Probleme in der Landwirtschaft verursachen. „Die meisten Arten sind so konkurrenzschwach, dass sie den Ertrag der Kulturart nicht reduzieren“, weiß sie. Schröder-Meyer und Vullmer fachsimpeln vor Ort über die Frage, ob und wie viel eine solche jetzt und in Zukunft zu düngen ist. „Auf null fahren kann man die Düngung nicht“, so Vullmer.

Neben den praktischen Überlegungen geht es allen Beteiligten darum, ein Konzept zu entwickeln. Mit diesem soll Artenvielfalt unterstützt werden, zugleich geht es um die Entwicklung finanzieller Grundlagen. „Mit dem Pilotprojekt wollen wir prüfen, ob es zum Beispiel mit Hilfe der Landwirtschaftskammer Möglichkeiten gibt, dass die Landwirte eben keine Einbußen haben“, erklärt Vullmer. „Ein weiterer Aspekt ist die Frage, welche Pflanzen im Saatgut eingesetzt werden. Wir wollen Blühpflanzen aufzeigen, die an die heimische Flora und Fauna angepasst sind“, weiß Reinhard Schraa, Untere Naturschutzbehörde. Auch sei denkbar, die eigentliche auszusäende Mischung noch etwas zu ändern. Während der Roggen dann im kommenden Jahr wieder ausgesät wird, sollen die schon eingesäten Ackerwildkräuter, sogenannte Segetalarten, sich selbst erhalten – eben durch die ackerwildfreundliche Bewirtschaftung.

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