Allein das Misstrauen bleibt

Franz Brettmann erinnert sich an die letzten Kriegsmonate als 16-jähriger Soldat

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Franz Brettmann blättert in seinem Buch „Kämpfe an der Mulde“ in dem er seine Erlebnisse als blutjunger Soldat auf dem Weg zur und an der Front schildert. 

Sottrum - Von Heinz Goldstein. „Seit nahezu 73 Jahren leben wir in Deutschland in Frieden. Ich bin sicherlich einer von den wenigen Menschen, die noch als aktive Soldaten am Zweiten Weltkrieg teilgenommen haben.“ Das sagt der ehemalige Bürgermeister von Sottrum, Franz Brettmann.

Mit 16 Jahren hat er an den Kämpfen am Fluss Mulde in Sachsen-Anhalt teilgenommen. Ein einschneidendes Erlebnis für ihn, die Narben aber seien damals schnell verheilt, sagt er. Er hat ein Buch über diese Zeit geschrieben.

Trotz der schrecklichen Erlebnisse seiner Jugendzeit – kurz vor Kriegsende ab Januar 1945 – habe er nie mit psychischen Problemen zu tun gehabt, sagt Brettmann heute. Die Erfahrungen hätten den Sottrumer klug gemacht. „Ich hatte das Glück, zu überleben und heute als 89-Jähriger in einer Demokratie leben zu dürfen“, erklärt er im Gespräch mit der Kreiszeitung – obwohl „rund um uns einige Diktatoren wieder ihr Unwesen treiben“. Geblieben sei ein bis heute gesundes Misstrauen gegenüber Propaganda jeglicher Art, erklärt Brettmann.

„Ich war kein Held“

Es sei ihm ein Bedürfnis gewesen, seine Erlebnisse anderen Menschen schriftlich mitzuteilen, erklärt er. Er wollte deutlich machen, dass junge Soldaten in den letzten Kriegsmonaten zu Tausenden sinnlos an die Front geschickt wurden, um das „kaputte“ Nazi-Regime aufrecht zu erhalten. Der Sottrumer war einer von ihnen. 

„Ich war kein Held und wollte es auch nie sein. Dass ich überlebt habe, erfüllt mich noch heute mit großer Dankbarkeit“, schreibt er im Vorwort seines Buches. Mit dem Berichten möchte er seine Kriegserfahrungen und Erlebnisse insbesondere einer jüngeren, nachfolgenden Generation als Warnung vor Augen führen.

Kurz vor Kapitulation einberufen

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges hat Adolf Hitler auf die letzten ihm gebliebenen „Männer“ zurückgegriffen. Egal, ob sie Jugendliche oder gar Kinder waren; er steckte sie in Uniformen und schickte sie an die Front. Wie viele junge Menschen zur damaligen Zeit hat auch Brettmann ab November 1944 seinen Reichsarbeitsdienst abgeleistet. 

Nur kurze Zeit später, im Januar 1945, bekam er einen neuen Befehl: Er solle sich beim Arbeitsdienst melden. Auf Anraten seines Vaters – ein Mitglied der NSDAP – habe er den jedoch gleich zurückgeschickt. Mit dem Ergebnis, dass der 16-jährige Brettmann wenige Tage später, am 6. Februar 1945, die Einberufung zur Wehrmacht in die Meesen-Kaserne nach Lübeck bekam. Rund drei Monate vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai.

„In Lübeck war ich einer von vielen 15- bis 17-Jährigen, die eine militärische Ausbildung erhalten haben“, erinnert sich Brettmann. Dort habe er gleich eines gelernt: „Klappe halten und gehorchen.“ Es sei gefährlich gewesen, negative Äußerungen zu machen, „jeder von uns hatte Angst, mit Defätismus in Zusammenhang gebracht zu werden“. Denn das wurde hart bestraft. In seinem Buch geht Brettmann im Detail auf die Ausbildung und verschiedene Übungen bis Anfang April 1945 sowie vom Besuch von SS-Offizieren, die in der Kaserne Soldaten suchten, ein.

Bevölkerung glaubte nicht mehr an „Endsieg“

„Wie schlimm es an der Front gewesen sein muss und was Krieg bedeutet, wurde mir erst drastisch klar, als wir den Auftrag bekamen, am Lübecker Bahnhof ein Lazarett mit Verletzten in den Waggons zu entladen“, erzählt Brettmann weiter. Am Samstag, 7. April 1945, kam schließlich der Befehl, vor dem alle Jugendlichen in der Kaserne Angst hatten: „Fertigmachen mit Marschgepäck“. 

Viel packen musste Brettmann damals nicht. Er besaß weder Stahlhelm noch Gewehr. Nur die Uniform mit Feldmütze und ein Fahrtenmesser am Koppel hatte er dabei. Obwohl er in seinem Leben noch nie einen Panzer gesehen hatte, marschierte mit seinen Kameraden als ausgebildeter Panzergrenadier Richtung Lübecker Bahnhof. Von da aus ging es mit dem Zug zunächst Richtung Stendal – zur Front.

Auf dem Weg zur Hauptkampflinie bezog seine Einheit Quartier im Schloss Annaburg. Von dort ging es in Bataillonsstärke – rund 500 Soldaten – Richtung Elbe. Beim Marsch durch Bad Schmiedeberg hätten die jungen Soldaten die Skepsis und das Mitleid der Bevölkerung gespürt. Diese glaubte schon längst nicht mehr an einem von Hitler verkündeten „Endsieg“. 

Von Granatsplittern getroffen

Als sie weiter Richtung Westen nach Altjeßnitz marschierten, hatten sie gehört, dass der „Ami“ (amerikanischer Soldat) nicht mehr weit weg sei. Der Kampflärm ist bereits zu hören gewesen, schildert Brettmann. Bald war er selbst in den Kampfhandlungen eingebunden. Wie, das beschreibt er sehr ausführlich in einigen Kapiteln.

Er selbst sei im Kampf von Splittern einer Handgranate verletzt worden und danach als Kriegsgefangener ein einem nahen Lazarett eingeliefert worden. Als Gefangener der Amerikaner sei er dann bei einem Transport in einem Sanitätsfahrzeug von deutschen Soldaten beschossen worden. Es gab gefallene Soldaten. „Die ersten Toten, die ich in meinem Leben gesehen habe. Das erfüllte mich mit Angst und gleichzeitig mit Traurigkeit“, erzählt der Sottrumer. 

Nach den Kampfhandlungen erreichten die Gefangenen schließlich den nächsten Notverbandsplatz. Von dort ging es weiter zum Lazarett nach Köthen, etwa 30 Kilometer nördlich von Halle.

Erleichterung bei Kriegsende

Das war Mitte April 1945. Die Verletzungen heilten allmählich aus. „Dann erreichte mich am 8. Mai die Information, dass die Reichsregierung bedingungslos kapituliert habe“, sagt Brettmann. Es habe eine Weile gedauert, bis er begriff, dass der Krieg endlich beendet ist. Dann sei Freude bei ihm aufgekommen; Erleichterung, dass das sinnlose Töten nun ein Ende gefunden hatte. Kurze Zeit später wurde freigelassen.

Als er am 17. Juni 1945 wieder in Sottrum eintraf, war sein Elternhaus zerstört. Die Wiedersehensfreude mit der Mutter, die derweil eine Unterkunft in der Nähe bekommen hatte, war groß. Sein Vater war als NSDAP-Mitglied in britische Gefangenschaft gekommen, er wurde 1948, als reiner Mitläufer qualifiziert, wieder freigelassen.

Das Buch hat 72 Seiten, kostet 9,90 Euro und gibt es direkt bei dem Verfasser in Sottrum, Große Straße 35, zu kaufen.

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