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Fast wie bei Dornröschen: Spinnen lernen beim Heimatverein Sottrum

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Von: Nina Baucke

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Ingrid Böhling und Christa Kirchhof mit einem alten Spinnrad  und einem modernen Nachbau.
Ingrid Böhling (l.) und Christa Kirchhof mit dem alten Spinnrad des Heimatvereins und einem modernen Nachbau: „Spinnen entspannt“, sagt Böhling über ihr Hobby. © Baucke

Beim Sottrumer Heimatverein wird die Kunst des traditionellen Spinnens noch hochgehalten. Man braucht viel Übung und Geduld, doch am Ende lohnt es sich. „Spinnen entspannt“, sagt Ingrid Böhling, die dieses alte Handwerk in Kursen weitergibt.

Sottrum – Immer wieder reißt die Verbindung zwischen dem fertig gesponnenem Faden und dem Büschel loser Wollfäden, das eine Ende wickelt sich um die Spule des Spinnrades, der Wollflausch liegt einsam und abgetrennt in der linken Hand. Und das sorgt vor allem für eine Erkenntnis: Spinnen ist gar nicht so einfach. Aber wie man ja weiß: Sogar Dornröschen hat sich bei ihrem Spinnversuch in den Finger gestochen, bevor sie dann ihr 100-jähriges Nickerchen gemacht hat.

Gut, Blut fließt nicht an diesem sonnigen Tag vor dem Spieker des Sottrumer Heimatvereins. Aber dass nach wenigen Sekunden immer wieder erst einmal Zwangspause ist, wird schon ein wenig eine Belastung für einen anderen Faden wird, nämlich den Geduldsfaden. Bei Ingrid Böhling dagegen scheint dieser – auch im Umgang mit offenbahr talentfreien Spinnanfängerinnen – sehr robust zu sein.

Böhling kommt per Zufall zum Spinnen

Mit sicheren Handgriffen und mithilfe eines kleinen Häkchens, das entfernt an eine Häkelnadel erinnert, zieht sie das Fadenende durch ein kleines Loch am Spinnrad und verbindet es wieder mit dem Wollbüschel. Rad in Schwung gebracht und dann geht es darum, Stückchen für Stückchen aus dem Büschel so herauszuzupfen, um diese mit dem bestehenden Faden verdrehen zu lassen. Nächster Versuch – wieder nichts.

Trotzdem: Das Sitzen am Spinnrad hat etwas Beruhigendes – allein, wenn es darum geht, mit den Füßen die beiden Pedale zu bedienen, die das Rad über einen Antriebsriemen aus Gummi in Bewegung versetzen. Das leise Rauschen des Rades sorgt für eine angenehme Geräuschkulisse. „Ich spinne gerne mal beim Fernsehen“, sagt Böhling und lacht. Per Zufall ist sie an dieses alte Handwerk als Hobby geraten, seit einigen Jahren gibt sie beim Heimatverein Sottrum selbst Kurse.

Spinnkurs

Wer das Spinnen kennenlernen möchte: Der Sottrumer Heimatverein bietet wieder einen Spinnkurs an: Termine sind samstags und sonntags, 14. und 15. Mai sowie 21. und 22. Mai im Spieker des Sottrumer Heimathauses. Der Kurs unter der Leitung von Ingrid Böhling richtet sich an Anfänger, „aber auch Fortgeschrittene sind gerne gesehen“, so der Heimatverein in einer Ankündigung. Die Teilnahme kostet 40 Euro, wer kein Spinnrad hat, bekommt eines zur Verfügung gestellt. Anmeldungen nimmt Böhling telefonisch unter 04264/3548 entgegen.

Zum Spinnen gehört nicht nur das Sitzen am Spinnrad, sondern auch Vorbereitung. „Und da fängt alles mit dem Schaf an“, sagt Böhling und zeigt auf einen er unförmigen Haufen faseriger Wolle. „In der Regel Merinowolle, die ist kurz in der Faser und lässt sich gut verspinnen“, erklärt Böhling. Die Wolle hat zwar schon seit der Schur eine Wäsche mit Kernseife, um sie vom Wollfett zu befreien, sowie in manchen Fällen auch bereits einen Färbeprozess durchlaufen – dennoch kann man nicht einfach so mit dem Spinnen beginnen.

Arbeit mit überdimensionierter Bürste

Denn zunächst geht es ans Kardieren: Ein Büschel Wolle kommt auf etwas, das wie eine überdimensionierte Haarbürste aussieht und mit etlichen kleinen Drahthäkchen gespickt ist. Mit einem zweiten Kardierer wird dann darüber gestrichen. „So entstehen die einzelnen Fasern“, erklärt Böhling. Mit einer langen Nadel hebt sie die kardierte Wolle von den Drähten ab und rollt sie zu einem länglichen Büschel zusammen. „Das Schöne ist: Beim Kadieren lassen sich auch mehrere Farben zu einem Büschel vermischen, um am Ende eben auch einen bunten Faden zu bekommen.“

Mit dem Büschel geht es dann an’s Spinnrad – allerdings nicht an das rote, historische Stück aus den Beständen des Heimatvereins, sondern an Böhlings privates Spinnrad. „Das Rote ist bestimmt schon mehr als 100 Jahre alt“, weiß Christa Kirchhof vom Vorstand des Heimatvereins. Und es hat noch einen weiteren Unterschied zu dem neuen Nachbau: Es hat nur ein Pedal – und damit das alte Werkzeug in Schwung zu bekommen, ist gar nicht so einfach. „Andere Richtung!“, weist Böhling mit einem Lachen an. Wie denn – wenn der Fuß einfach nur von oben nach unten wippt?

Ein Spinnrad mit Besonderheit

Leichter ist es mit ihrem Spinnrad, eines, das sich von der Machart an dem historischen Stück orientiert, aber bei dem es dank zweier Pedale einfacher ist, es in Schwung zu bringen – und das auch noch in die richtige Richtung. „Es gibt natürlich auch solche kleinen Spinnrädern mit einem Motor“, sagt Böhling. „Aber denen, die sich so ein Rad anschaffen, geht es vermutlich eher um den Faden als Produkt, als um das Spinnen an sich.“ Allerdings, ein besonderes Detail hat ihr Spinnrad dennoch: eine Halterung aus Plexiglas, „für Getränke“, erklärt sie mit einem Augenzwinkern.

Die beiden Frauen beim Kardieren.
Ingrid Böhling (l.) kardiert die Wolle, die bereits gewaschen und gefärbt ist. © Baucke

Durch die Drehung des Rades verdrehen sich die Wollfasern zu einem Faden, dieser wird über die Spindel, kleine Drahthäkchen, geführt und auf eine Spule gewickelt. „Und dieser Faden kann dann noch mit anderen Fäden weiter zu dickeren Fäden verdreht werden“, erklärt Böhling. Manche mischen dann auch verschiedene Wollarten: „Da ist alles möglich, Seide mit Alpaka, Kamel mit Merino – da sind den Kombinationen keine Grenzen gesetzt.“

Böhling ist auch diejenige, die das Spinnen im Rahmen des Kinderferienprogramms betreut. „Wir zeigen den Kindern einmal, wie aus einem Büschel Wolle am Ende ein Pullover wird“, erklärt sie. Am Ende der Aktion nehmen die Kinder ein kleines Knäuel selbstgesponnener Wolle mit nach Hause. „Sie haben dann ein besonderes Andenken, etwas Bleibendes“, freut sich Böhling. Etwas Bleibendes entsteht heute beim gut eineinhalbstündigen Crashkurs leider nicht – es bleibt bei einzelnen Fädenstücken mit sehr zerfaserten Enden.

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