INTERVIEW Edwin Bohlmann über die Abwesenheit der Kultur im Lockdown

„Es ist ein Desaster“

Edwin Bohlmann ist derzeit nicht besonders optimistisch, was kulturelle Veranstaltungen in nächster Zeit angeht.
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Edwin Bohlmann ist derzeit nicht besonders optimistisch, was kulturelle Veranstaltungen in nächster Zeit angeht.

Hellwege – Viel ist aktuell nicht geblieben, wenn man nach geistiger kultureller Nahrung sucht. Konzerte fallen aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen aktuell aus, Museen haben geschlossen. Aus dem Alltag gerissen wurde auch Edwin Bohlmann, Musiker, Saxophon-Lehrer und Mitorganisator der Konzerte der Sottrumer Kulturinitiative. Alles kann trotz umfangreicher Hygienemaßnahmen bis auf Weiteres nicht stattfinden. Ein Leben ohne Kultur? „Unglaublich, überhaupt nicht vorstellbar“, sagt der Hellweger. Aber man müsse sich tatsächlich damit auseinandersetzen. Das tut der 63-Jährige im Interview.

Herr Bohlmann, Sie und die Kulturinitiative haben mit erhöhten Hygienevorkehrungen über den Sommer trotzdem ein paar wenige Veranstaltungen machen können. Waren es noch gute Konzerte?

Das waren erschreckende Konzerte. Natürlich waren sie gut in dem Sinne, dass man überhaupt den Kontakt zum Publikum hatte. Aber was ist das für ein Kontakt als Musiker, wenn man in Masken guckt. Der gute Wille ist im Grunde maßgeblich gewesen. Tatjana Schuba hat damals das Hygienekonzept ausgearbeitet, und das könnte eben auch funktionieren für weitere Veranstaltungen, die dann aber nicht infrage gekommen sind.

Aber wie fühlt sich das denn als Künstler an: Kann da überhaupt eine angemessene Stimmung aufkommen, wenn Maske und Abstand das Bild beherrschen?

Das ist total sinnentleert, kann man schon fast sagen. Es macht einfach keinen Sinn. In der Kulturarbeit spielt eben die Begegnung eine Rolle. Und mir tut es dann auch leid für das Publikum selbst. Es kommt ja nicht nur, um Musik zu hören. Es kommt ja auch, um zu kommunizieren, sich kennenzulernen, sich zu sehen. Das sind menschlich so ganz einfache Sachen, die überhaupt nicht passieren. Es ist eine Lieblosigkeit da durch das Fehlen der Kultur – es ist eine Versachlichung, ein Pragmatismus, der nicht zur Kunst passt.

Wenn Sie sagen, es mache keinen Sinn, es sei lieblos. Warum machen Sie das denn noch?

Um überhaupt etwas zu machen, um sich gegen diesen Lockdown zu stemmen.

Man könnte aber auch sagen, bevor man etwas auf diese vielleicht auch entwürdigende Weise macht, kann man es doch auch lieber lassen.

Das ist genau dieser Zwiespalt und der Tanz auf der Rasierklinge, auf dem man sich befindet. Soll man sich entwürdigen lassen? Aber das war ja auch vor Corona der Fall: Im Grunde ist es eine Nichtachtung des kulturellen Lebens. Dass es im ländlichen, peripheren Raum überhaupt eine Rolle spielt, hat sich ja erst vor wenigen Jahren durchgesetzt. Das gab es in dieser Form ja vorher nicht.

Wie gut wird ein Konzert mit Hygieneauflagen überhaupt angenommen? Wie spiegeln die Zuschauer so ein Konzert wieder?

Es wird ja nichts gespiegelt durch die Masken, es ist sozusagen eine Wand davor. Ich spüre vom Publikum, dass es gerne möchte, sonst würde es ja auch nicht kommen. Es war bislang ja ein Zulauf da, es gab auch mehr Anfragen, als wir annehmen konnten. Wir sind froh über die Resonanz, die Nachfrage ist da.

Kann so ein Konzert unter Auflagen nicht auch „etwas Besonderes“ sein?

Natürlich, es ist immer etwas Außergewöhnliches, ganz klar. Die Situation ist so, wie sie ist. Bei Künstlern und Publikum merkt man schon eine Solidarität und Akzeptanz. Das gilt auch weiterhin. Mit diesem zweiten Lockdown habe ich nicht gerechnet. Wir haben uns Mühe gegeben und uns dagegen gestemmt, um ihn zu vermeiden, und trotzdem ist es so passiert.

Wie demotivierend ist das?

Das ist eine gute Frage. Also es demotiviert bis zur Verzweiflung. Das ist schon ein Hammer, das wirft viele aus der Bahn. Da bin ich mir ganz sicher.

Was bedeutet das mittelfristig für die Kulturlandschaft? Setzt man sich überhaupt noch hin und versucht, ein Konzert zu planen?

Im Moment ist absolute Funkstille. Künstler, Techniker, da hängt unheimlich viel dran, können alle nicht für das nächste halbe Jahr planen. Das ist ein ziemliches Desaster, wir wissen nicht, was passiert.

Vor ein paar Monaten haben Sie und andere es mit einer Portion Optimismus nochmal versucht, etwas auf die Beine zu stellen. Gibt es diesen Optimismus noch?

Der ist mit dem zweiten Lockdown verflogen. Ich hätte mir gewünscht, dass die Politik den Sommer genutzt hätte, um sich auf diese Situation entsprechend vorzubereiten. Es hätte sicherlich Möglichkeiten gegeben, einen zweiten Lockdown zu vermeiden – besonders für die Kreativwirtschaft, die eine riesige Branche ist, die 170 Milliarden Euro Umsatz macht. Das ist enorm viel.

Mal aus Künstlersicht: Ist es nicht egal, wie man auftritt? Hauptsache ist doch, man tritt überhaupt auf.

Aus unserer Sicht für die Musiker sind die Auftritte im Heimat- und Kulturhaus natürlich positiv gewesen, auf jeden Fall. Was nicht positiv ist, dass man unter den aktuellen Bedingungen noch nicht einmal proben kann. Man kann nicht zusammenkommen, um sich auf Konzerte vorzubereiten.

Konzerte fallen aus, Museen haben dicht. Laute Beschwerde von Fans habe ich persönlich noch nicht vernommen. Warum sind die „Konsumenten“ noch so still?

Ich bin nicht sicher, ob sie wirklich so still sind. Das verläuft unterschwellig, diese Unzufriedenheit kriegt man nicht so gut mit. Genauso, wie viele Leute ungehalten sind, weil sie nicht feiern oder in die Kneipe gehen dürfen. Es gibt ja noch andere Branchen, die betroffen sind. Aber ich finde es positiv, dass es diese Solidarität gibt – diese Einsicht, dass wir da jetzt durch müssen. Das Wir-Gefühl in der Gesellschaft könnte durch die Krisenbekämpfung gestärkt werden.

Wie lange ist das Leben ohne Kunst und Kultur vorstellbar für Sie?

Es ist eigentlich jetzt schon nicht vorstellbar. Ich habe davon viel im Herzen…

Aber es passiert ja trotzdem. Dann lassen Sie es mich bitte anders formulieren: Wie lange ist es noch auszuhalten?

Auch das weiß man erst, wenn man es aushält. Es gibt diesen Ausspruch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ Genauso könnte man sagen „Ist es Kultur oder kann das weg?“ Es gibt eine Haltung in der Gesellschaft, dass man alles ein bisschen auf die komische Art nimmt. So fühle ich mich, ist Kultur systemrelevant oder kann das weg?

Ein Augenverschließen der anderen?

Es ist auf derselben Ebene wie Biertrinken oder Sport. Die Frage, die man sich stellt, ist, müssen wir das jetzt haben? Es ist ein schwieriges Feld. Wohlgemerkt, wir reden hier von der gesamten Kulturbranche, die verunglimpft wird als nicht systemrelevant. Das ist schon heftig. Es ist definitiv systemrelevant, auch wenn ich den Begriff gar nicht mag.

Wenn Covid-19 vorbei ist, ist die Kulturbranche eine andere?

Ich hoffe, dass wir alle daraus lernen können, was Kultur gesellschaftlich eigentlich bedeutet. Da kommen für mich Fragen nach Erziehung und kultureller Bildung in den Sinn. Da denke ich an Greta Thunberg und das Umdenken, was wir mit unserem Globus machen. Das kann man auch ummünzen: Wie wollen wir unsere Umgebung kultivieren? Das betrifft nicht nur den Künstler, ich möchte mehr werben für den erweiterten Kulturbegriff. Denn wenn die Kunst weg kann, geht die Liebe mit.

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