Wie Familie Heiske sich nach der Flucht gegen Feindseligkeit durchsetzte

„Erst kommt das Vieh, dann kommt ihr“

Ein altes Bild der Familie Heiske. Der Vater fuhr nach der Kriegsgefangenschaft in Frankreich mit dem Fahrrad nach Bötersen.

Bötersen - Von Matthias Daus. Welche Dramen sich abspielten, als die Menschen im Osten Deutschlands zum Ende des Zweiten Weltkrieges flüchten mussten, lässt sich anhand nackter Zahlen nur schwer nachvollziehen. Rund 14 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, was in etwa der aktuellen Bevölkerung von Niedersachsen und Hessen entspricht. Zwei Millionen von ihnen starben unterwegs an den Folgen von Hunger, Gewalt und Erschöpfung. Am Ende einer jeden Flucht stand die große Ungewissheit, wie es weitergehen würde. Und nicht selten war es so, dass man der Hölle des Krieges und der Flucht entkommen ist, um dann in die nächste Hölle zu geraten. Diese Erfahrung machte damals auch die Familie von Dorothea Witzek, geborene Heiske, als sie nach langer Flucht aus Ostpreußen in Bötersen eine neue Zuflucht suchten. Im letzten Teil unserer Serie Spurensuche, erzählt sie davon.

Dorothea Witzek war damals noch nicht geboren, aber ihre beiden älteren Brüder, die 1935 und 1936 zur Welt kamen, waren alt genug, um alles miterleben zu müssen. Sie schrieben Jahre später Aufsätze für die Schule über ihre Herkunft, die Flucht und auch die Ankunft. Daraus und aus den Erzählungen der Mutter, ergab sich ein erschütterndes Gesamtbild.

Dabei hatte die Familie Heiske noch Glück, denn ursprünglich sollten sie mit der „Wilhelm Gustloff“, ein Kreuzfahrtschiff, das gegen Ende des Krieges mit rund 9 000 Flüchtlingen an Bord versenkt wurde, in den Westen gelangen. Aber weil die hochschwangere Mutter alleine mit vier kleinen Kindern nicht für die Schiffsreise als geeignet empfunden wurde, mussten sie den Landweg wählen und entkamen so der Schiffskatastrophe. Ein Zug mit 102 Waggons, der unterwegs von Tieffliegern beschossen wurde, brachte sie in den Westen und letztendlich nach Rotenburg. „Wie die Schweine wurden wir in einen Zug gebracht“, beschrieb es Witzeks Bruder Manfred 1950 in einem Schulaufsatz.

Von Rotenburg aus, ging es weiter bis nach Bötersen. Ihre erste Unterkunft war alles andere als angenehm. Ein Zimmer mit einem Bett bei einer Familie, die nicht das Geringste für Flüchtlinge übrig hatte. Offener Hass schlug der Mutter mit ihren teilweise noch kleinen Kinder täglich entgegen. Es gab zu wenig zu Essen und als die Kinder auf der Diele Reste von Futterrüben fanden, wollten sie damit die knurrenden Mägen füllen. Aber die Leute, bei denen sie untergebracht wurden, waren kaltherzig und gestatteten es ihnen nicht. „Lasst das liegen! Das ist nicht für euch! Erst kommt das Vieh, und dann kommt ihr!“ bekamen die Kinder zu hören.

Wochenlanges Martyrium

Diese Feindseligkeit war ihnen unbegreiflich, denn schließlich waren sie ja Landsleute. Das Martyrium dauerte einige Wochen und die Lage änderte sich erst, nachdem der Vater aus der Kriegsgefangenschaft kam. Er war von Frankreich mit dem Fahrrad nach Bötersen gekommen, um dort wieder mit seiner Familie vereint sein zu können.

In einem verlassenen Munitionsbunker, auf dem sogenannten Bunkerberg außerhalb von Bötersen fanden die Heiskes ihre erste eigene Unterkunft, in der sie auch einige Jahre leben sollten. Die Stimmung im Dorf war damals grundsätzlich sehr abgeneigt den Neubürgern gegenüber, und nicht wenige Flüchtlingsfamilien zogen weiter in benachbarte Ortschaften – wie zum Beispiel Hassendorf. „Mein Vater war in seiner Heimat Schneidermeister, der auch für adelige Herrschaften arbeitete. Als er in Bötersen wieder seine Tätigkeit ausüben wollte, wurde es ihm geneidet“, erinnert sich Dorothea Witzek. Ein einheimischer Schneider wollte ihren Vater anschwärzen, weil er vermutete, dass der Fremde keine entsprechende Qualifikation hatte.

„Meine Mutter hatte auf der Flucht alles zurücklassen müssen, bis auf sämtliche Papiere und Unterlagen, die für ihre spätere Existenz wichtig sein könnten. Das war später ein großes Glück für uns“, so Witzek. Anhand der Papiere ließ sich beweisen, dass der Vater ein Meister seines Fachs war und auch ausbilden durfte: Das Fundament für den Lebensunterhalt der Familie.

„Als Kinder sind wir oft um 3 Uhr morgens aufgestanden“

Aber bei allem Gegenwind, den die Flüchtlinge in Bötersen zu spüren bekamen, gab es auch einige Lichtblicke. Menschen, denen die Herkunft ihrer Mitmenschen unwichtig war und die bereit waren, in der Not zu helfen. Die Familie von Johann Behrens, einem Bauern aus Bötersen war von Anfang an ein enorm wichtiger Baustein dafür, dass die Heiskes sesshaft werden konnten. „Die Familie Behrens hat uns in jeder nur erdenklichen Weise unterstützt und geholfen“, sagt Dorothea Witzek. Sie und ihre Familie halfen selbst so gut es ging, auch bei ihren Förderern. „Als Kinder sind wir oft um 3 Uhr morgens aufgestanden, dann ging’s aufs Feld, wo wir halfen, und 7 Uhr mussten wir dann in die Schule.“

Es entstand eine tiefe Verbundenheit und gegenseitige Freundschaft, die unter beiden Familien bis heute Bestand hat. Der ursprüngliche Plan der Eltern war, nach Kanada auszuwandern, aber die finanziellen Mittel waren für die große Familie nicht ausreichend. Daher beschloss man, in Bötersen zu bleiben. Nach anfänglichen Problemen, weil ihnen niemand Baugrund verkaufen wollte, konnte dann 1952 das eigene Haus, nun endlich im Ort, bezogen werden. Haus Kanada nannten sie es, weil dort das Geld eingeflossen war, das ursprünglich die Ausreise nach Kanada ermöglichen sollte.

Die weitere Integration in das Dorfleben gestaltete sich angesichts der schlechten Anfänge nur schleppend, aber im Laufe der Jahre änderte sich die Stimmung im Dorf und beide Seiten, Flüchtlinge, wie Einheimische näherten sich an. Heute ist von all dem nichts mehr bemerkbar. Dorthea Witzek lebt zusammen mit ihrem Ehemann Erwin im „Haus Kanada“ und sie sind seit langer Zeit auch aktive Mitglieder in manchen Vereinen.

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