1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Rotenburg
  4. Sottrum

Tagesmütter stellen sich die Coronafrage: Einkommen oder Gesundheit?

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Matthias Röhrs

Kommentare

Kirsi Lindemann ist Tagesmutter in Sottrum
Kirsi Lindemann ist Tagesmutter in Sottrum. In der Corona-Zeit hat sie viele Kontaktpersonen. Daher fordern sie und die Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen Nachbesserungen für die Branche. © Matthias Röhrs

Sottrum – Kirsi Lindemann sorgt sich um ihre Gesundheit. Das machen viele, doch die Tagesmutter aus Sottrum sieht sich und ihre Kolleginnen angesichts der Corona-Pandemie einem besonders hohen Risiko ausgesetzt. Rechtlich sind sie und die übrigen rund 75 Tagespflegepersonen im Landkreis Rotenburg zwar Kindertagesstätten und -krippen gleichgestellt, im Lockdown müssen Einrichtungen wie Lindemanns in Sottrum aber nicht schließen.

Was sich im ersten Moment wie eine gute Nachricht anhört, ist für Lindemann und Co. ein großes Problem. Ein umfassendes Corona-Hygienekonzept ist schwer umzusetzen und teuer. Man habe die Wahl, sagt Lindemann, die erste Sprecherin der Rotenburger Regionalgruppe der Berufsvereinigung der Kindertagespflegepersonen ist: Verliert man sein Einkommen oder setzt man seine Gesundheit aufs Spiel? Einige Kolleginnen hätten bereits aufgegeben, sagt sie. Sie und die Bundesvereinigung haben daher Forderungen an Bund, Länder und Kommunen.

Tagesmütter sollen den Regelbetrieb aufrecht erhalten und dürfen es auch, weil sie nur kleine Gruppen bis zu fünf Kindern betreuen. „Da können in der Woche schnell mal 20 verschiedene Kontaktpersonen und mehr zusammenkommen“, so die Berufsvereinigung in einem offenen Brief. Betreut wird in den eigenen vier Wänden, dem Risiko einer Infektion ist also nicht nur Lindemann selbst, sondern gleichzeitig ihr Ehemann und ihre beiden eigenen Kinder ausgesetzt, die sie im Lockdown inklusive Homeschooling zusätzlich betreut.

Sie selbst hat neun Verträge, durch die Tageskinder zu verschiedenen Zeiten kommen. Aktuell seien immer ein oder zwei Kinder da, zu den übrigen versucht sie, auf anderen Wegen Kontakt zu halten. Die Eltern versuchen, sagt sie, ihr entgegenzukommen. Doch ist dieser Spagat zwischen Familie und Beruf neben der Tatsache, dass laut Berufsvereinigung etwa 50 Prozent der Tagespflegepersonen Angehörige einer Risikogruppe haben beziehungsweise selbst dazugehören, einer der Hauptgründe für eine Aufgabe. Und selbst wenn die Angehörigen gesund sind: Viele sind im Homeoffice, während nebenan bis zu fünf Kinder laut spielen.

Für mehr Schutz fordern Lindemann und die Berufsvereinigung unter anderem ein temporäres Betreuungsverbot für symptomatische Kinder, regelmäßige und kostenlose Coronatests, aber auch finanzielle Sicherheit während etwaiger Quarantänezeiten. Denn wer seine Arbeit von sich aus einschränkt, geht ein finanzielles Risiko ein. „Der Landkreis könnte Geld zurückfordern“, sagt Lindemann.

Wichtig sei auch, dass die Tagespflegepersonen bei Hygienemaßnahmen unterstützt werden – sei es nun ebenfalls finanziell oder materiell. Wobei insbesondere in dieser Branche nicht immer alles umzusetzen ist. Die einzig reelle Schutzmaßnahme sei die Impfung, so die Regionalsprecherin. Eine Maske könne laut Lindemann nicht den ganzen Tag getragen werden. Gerade Kinder unter drei Jahren (U3), die in der Regel in Tagespflegeinrichtungen betreut werden, seien massiv auf Mimik und Gestik angewiesen. „Das Gesamtbild ist für die soziale Kompetenz notwendig“, so die Tagesmütter. Es gebe Berichte, dass Kinder in dem Alter nicht interagieren, wenn man eine Maske trägt.

Gerade Lindemanns ältere Kolleginnen hören nun auf. „Wenn wir normale Arbeitnehmer wären, könnten sie sich als Risikogruppe krankschreiben lassen“, sagt die Sottrumerin. Manche hören von heute auf morgen auf, andere ziehen den Renteneintritt vor, um sich und ihre Familien zu schützen. Das kann auch Folgen für die Kommunen haben. Weitere seien fest entschlossen, ebenfalls aufzuhören, „was zu massiven Engpässen der Betreuungsplätze für Kinder U3 führen wird. Um dies zu verhindern, muss jetzt gehandelt werden“, so Kirsi Lindemann.

„Wir sind selbstverständlich bereit, die Eltern zu entlasten, damit diese arbeiten können, und wollen gerne Betreuung für alle relevanten Gruppen anbieten. Wir möchten aber auch die Möglichkeit haben uns, unsere Familien und die Tageskinder mit ihren Familien bestmöglich zu schützen.“ Was ebenfalls zu kurz komme, sei Dankbarkeit. Lindemann ist sich sicher, dass die Eltern ihr dankbar sind. „Es wäre nur schön, dass dann auch mal zu hören.“

Auch interessant

Kommentare