Eine Leidenschaft für Kirchenglocken

Junger Bremer schreibt in Sottrum eine bundesweite Datenbank fort

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„GlockenHenry“ mit einer der vier Glocken der Sottrumer St.-Georg-Kirche. 

Sottrum - Von Wieland Bonath. Wenn Heiligabend die Glocken zur Christvesper und Weihnachten zum Gottesdienst rufen, wenn die Glocken das alte Jahr verabschieden und das Jahr 2019 begrüßen, dann denkt Hendrik Hopfenblatt aus Bremen an den Urlaub mit seinen Eltern vor sieben Jahren in dem kroatischen Dorf Okrug Ghorni. Damals, im Juli 2011, erinnert er sich, sei der Beginn einer großen Leidenschaft und der Anfang seines ungewöhnlichen Hobbys gewesen: „Auf dem Weg zum Einkaufsladen läutete die Glocke der dortigen Kirche. Die Glockenstube war offen, sodass ich die Glocke auch sehen konnte. Dabei breitete sich in mir ein wohliges Gefühl aus. Das war der Beginn meiner Leidenschaft für die Stimmen Gottes.“

Inzwischen gehört ein großer Teil der Freizeit des 15 Jahre alten Hendrik Hopfenblatt – seine Eltern sind Bankkaufleute in Bremen, und er besucht die Privatschule „Mentor“ in der Hansestadt – den Glocken. „Mein Ziel ist“, sagt er während eines Besuches in der Sottrumer St.-Georg-Kirche, „die Glockenlandschaft in Deutschland zu dokumentieren und zu inventarisieren. Mir geht es darum, dass die Daten sowie der Klang der Glocken festgehalten werden. Ich tue dies für mich und alle Interessierte.“ Auch sein Berufsziel steht für ihn bereits fest: Er möchte Glockensachverständiger werden.

Die Dokumentation der Glocken in den Gotteshäusern verläuft nach diesen Regeln: Hendrik wendet sich per E-Mail an das jeweilige Kirchenbüro, erklärt seinen Wunsch und bekommt meistens eine positive Antwort. Dann der Termin in der Gemeinde, eine Außenaufnahme des Gotteshauses, Fotos vom Geläut im Glockenstuhl, das Einrichten der Geräte für die Tonaufnahmen. Was einfach klingt, kann in der Praxis sehr kompliziert sein. Es kommt, um eine genaue Dokumentation zu erreichen, auf große Präzision an. Hopfenblatt arbeitet dabei Hand in Hand mit der jeweiligen Küsterin oder dem Küster zusammen.

Hopfenblatt und die Küsterin der Sottrumer St.-Georg-Kirchengemeinde, Silke Skarat, sind gerade über die schmalen Treppen hinauf in den Glockenturm gestiegen. Dezemberwind weht durch das Gebälk. Die vier Glocken hängen mit ihren Kronen am Joch. Die älteste, die „Vater-Unser-Glocke“, wurde 1751 von Johann Andreas Bieber in Hamburg gegossen. Die zweite Glocke wurde vor 91 Jahren von Günther Otto in Bremen-Hemelingen gefertigt. Die beiden anderen Glocken entstanden 1965 in der Gießerei Rincker in Sinn bei Bad Hersfeld (Landkreis Hersfeld-Rotenburg in Hessen). Das Material sehr vieler Glocken besteht aus Bronze – eine Metallmischung aus 78 bis 75 Prozent Kupfer und 22 bis 25 Prozent Zinn. Diese Legierung garantiert die Tonqualität.

Über die Läuteanlage – ein Stockwerk tiefer in einem kleinen Kasten an der Wand – programmiert Küsterin Skarat die Glocken. Hopfenblatt, der seine technischen Geräte neben den Glocken aufgestellt hat, verzichtet heute auf „echte“ Aufnahmen vom Geläut der St.-Georg-Kirche. Er schlägt nur leicht die großen Klangkörper an, entlockt ihnen Töne, hält sein Ohr an das Metall und „füttert“ mit einer Fülle von Informationen und Fachwissen den staunenden Laien.

Das Geläut der Sottrumer Kirche hörte Hendrik Hopfenblatt zum ersten Mal im März dieses Jahres beim Besuch des Glockensachverständigen der Hannoverschen Landeskirche, Andreas Philipp. Der Kontakt zwischen Philipp und dem 15-jährigen glockenbegeisterten Bremer kam auf Vermittlung von Skarat zustande. Inzwischen begleitet er den Glockensachverständigen aus der niedersächsischen Landeshauptstadt hin und wieder bei dessen Dienstreisen.

Sottrums Küsterin Silke Skarat und Hendrik Hopfenblatt an der Läuteanlage, die die Glocken programmiert.

Glockeninteressierte ähnlich wie Hendrik gibt es im deutschsprachigen Raum relativ wenige. Vornehmlich Männer aller Altersgruppen, die zum Teil untereinander Kontakt haben und Erfahrungen sowie Wissen austauschen. Hopfenblatt betreibt unter dem Namen „GlockenHenry“ online einen Kanal auf der Videoplattform Youtube mit seinen Aufnahmen von Geläuten. Das anspruchsvolle Ziel: Möglichst alle, aber zumindest so viel wie mögliche Glocken in Deutschland – er spricht von circa 200.000 – sollen dokumentiert werden. Ein Mammutunternehmen, das nur von Enthusiasten „gestemmt“ werden kann.

Und was sagen die Mitschüler, die Freunde und die Bekannten zu „GlockenHenrys“ Hobby? Der junge Mann, dessen Eltern hinter dem außergewöhnlichen Hobby ihres Sohnes stehen, stößt unter Gleichaltrigen auf gemischte Resonanz. Und die reicht von Unverständnis bis hin zu begeisterter Zustimmung.

Hopfenblatt bleibt seinem Hobby und seinem Berufswunsch Glockensachverständiger jedenfalls treu. Er, der im August 2016 in der evangelischen Gedächtniskirche in Bad Homburg seine ersten Aufnahmen gemacht hat, will weitere Glocken in Gotteshäusern im Kirchenkreis Rotenburg aufnehmen. Er war in Sottrum und besuchte die St.-Lucas-Kirche in Scheeßel. Außerdem machte er Aufnahmen in der St.-Johannis-Kirche in Verden und in der St.-Martin-Kirche in Nienburg. Aufnahmen im Bardowicker Dom, das sei einer seiner größten Wünsche, sagt Hopfenblatt. Angeschrieben, aber leider bisher ohne Antwort, habe er die dortige Kirchengemeinde schon.

Das zweiwöchige Schulpraktikum des jungen Bremer Gymnasiasten: Wo anders als in der Gießerei Petit & Edelbrock in Gescher (Nordrhein-Westfalen), eine der vier Glockengießereien in Deutschland, sollte er sich bewerben? Zwei Wochen, die für Hendrik Hopfenblatt besonders beeindruckend waren. Nach uraltem und komplizierten Lehmgussverfahren, nach drei- bis siebentägigem Abkühlen ist die Glocke nach etwa einem halben Jahr fertig. Jede Glocke ist ein Unikat. Etwas Einmaliges, so, als die Menschen vor etwa 5 .000 Jahren die ersten Glocken formten.

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