Eine Kindheit außerhalb der Norm

Gauck-Tochter Gesine Lange erzählt bei den Landfrauen vom Aufwachsen in der DDR

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Irmtrud Hesse-Stegmann (v.l.), Gesine Lange und Regina Meyer freuten sich bei der Ernteversammlung der Landfrauen über einen vollen Saal. 

Ahausen - Von Bettina Diercks. Humorvoll und doch tiefsinnig war am Dienstag der Vortrag von Gesine Lange in Ahausen. Die Tochter des ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck nahm als Rednerin bei der Ernteversammlung der Rotenburger Landfrauen teil. Etwa 200 von ihnen waren mit dabei.

Nachdenklich machen können die Worte von Regina Meyer, die neben Irmtrud Hesse-Stegmann Vorsitzende des Vereins „LandFrauen und Umgebung“ ist. „Man muss nicht christlich geprägt sein, um für die Ernte zu danken. Es ist nicht selbstverständlich, genug zu Essen zu haben. Weltweit hungern 800 Millionen Menschen. Dass es uns hier besser geht, verdanken wir den Landwirten“, sagt Meyer im Ahauser Hof. Um 1900 hätte ein Landwirt vier Menschen ernährt, heute seien es 155. „Oft wird vergessen, welches finanzielle Risiko die Landwirte selbst tragen. Hagel und Sturm können eine ganze Ernte vernichten“, so die Vorsitzende. Wetterkapriolen können ihrer Ansicht nach schnell zur Existenzkrise bei Landwirten führen. Deshalb gebühre ihnen und den Menschen, die achtsam mit Lebensmitteln umgehen, Dank und Respekt.

„Respekt sollte man vor dem Wolf haben, Angst nicht“

Das Thema Wolf schneidet Meyer ebenfalls an: „Heute ist bei Riepe in der Gemeinde Vahlde ein Rudel mit elf Wölfen gesehen worden. Die Weidetierhaltung wird nur noch hinter hohen Zäunen möglich sein. Der Mensch muss dem Wolf Grenzen setzen dürfen.“ Mit diesen Worten folgt die Vorsitzende den Forderungen des Niedersächsischen Landfrauenverbands in Hannover.

„Respekt sollte man vor dem Wolf haben, Angst nicht. Das ist wie beim Segeln“, sagt Gesine Lange auf die Frage, ob Isegrim schon mal Thema in ihrer Familie war. Sie ist bestens vertraut mit dem Umgang verschiedener Meinungen und findet: „Schön ist, wenn die Welt bunt ist.“ Die DDR empfand sie als Kind nur grau. Die Krippe blieb ihr erspart, was sie bis heute als gut empfindet und die Einrichtung kritisch hinterfragt: „Man sollte darüber nachdenken, es sind ja die eigenen Kinder, die wir wegschicken.“

Lange verweigerte sich der FDJ

Bis sie fünf war, dachte sie, sie sei ein „normales“ Kind. Doch mit Beginn von Vorschule und Schule war klar, dass ein in einem christlichen Haus aufgewachsenes Kind, mit eigenen, freien, anderen Gedanken nicht erwünscht ist. „Hinsetzen, Mund halten“, galt wenn Lehrer ahnten, dass sie jetzt ihr Wissen teilen wollte. „Ich wurde anders behandelt“, erinnert sie sich. Die Gauck-Tochter gewöhnte sich an, in der Schule zu schweigen oder anders zu reden. „Wir hatten eine Sprache für draußen und eine für ,innen‘“, sagt die geborene Rostockerin.

Lange verweigerte sich der Pionierorganisation genauso wie der Freien Deutschen Jugend (FDJ). „Klar, ich ging mal mit Müll sammeln, aber Mitglied war ich nicht.“ Ihr ist klar: „Natürlich ist es einfacher, wenn alle einer Meinung sind. Das ist schön bequem. Anders sein war nicht gewünscht, es sollte eher ein Kollektiv sein.“

Nach dem Umzug vom idyllischen Dorf nach Rostock war sie auf einmal nicht mehr die Einzige an der Schule, die „anders“ war. „Da merkt man, wie wichtig es ist, wenn man nicht alleine ist.“ Dass sie bald, vor allem nach Gründung einer christlichen Jugendband, die Staatssicherheit an den Hacken hat und auch extra ein neuer Lehrer zur Überwachung angestellt wurde, hat sie nicht einschüchtern können. „Wir haben versucht, uns davon nicht beeinflussen zu lassen“, sagt Lange, die nach der Wende die Stasi-Akte angefordert hat.

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