DIGITALES LEBEN: Unser Autor bekennt sich zu seiner Smartphone-Sucht

Eine Hassliebe

Gefangen genommen von seinem Smartphone: Kreiszeitungsautor Matthias Daus.

Bötersen - Am Anfang war er noch standhaft, doch jetzt beherrscht das Smartphone das Leben unseres Autoren Matthias Daus. Alleine ist er damit nicht. Wie er haben viele andere ihr Telefon ständig griffbereit. Etwas, dass ihn bei seinen Freunden in den Wahnsinn trieb. Jetzt stört es eher, wenn sie in Funklöchern leben.

„Das Smartphone gaukelt uns vor, an zwei Orten gleichzeitig sein zu können, was natürlich nicht funktioniert. Also sind wir nirgends richtig anwesend, wenn wir auf dem Ding rumknibbeln.“ Kluge Worte, nicht wahr? Und sie stammen sogar von mir. Und zwar aus der Zeit, als ich noch unwissend und der festen Überzeugung war, dass ich niemals so ein teuflisches Gerät besitzen werde.

Heute ist es kaum mehr vorstellbar, aber ich dachte damals wirklich, dass es sich um einen vorübergehenden Trend handelt, der schnell wieder verpufft. Ich war ein ausgesprochener Gegner dieser Minicomputer für die Hosentasche und beobachtete mit Schrecken, was sie aus meinen Mitmenschen machten: Seelenlose Roboter, die sich nicht mehr für das interessierten, was direkt um sie herum geschah und deren Kontaktfähigkeiten auf ein Minimum heruntergefahren wurden.

Es regte mich auf, wenn ich mit Freunden Essen ging und alle wie versteinert auf ihre Displays blickten und sich gegenseitig die neuesten lustigen Bilder und Videos zeigten. Nein, nicht mit mir. Ich wusste, ich würde standhaft bleiben und nicht so enden, wie alle anderen.

Dann kam der Tag, an dem mein Junior sich ein neues Smartphone kaufte. Diese Transaktion warf zwei Fragen auf. Einmal, wer zum Geier gibt ihm eigentlich so viel Taschengeld, dass er sich das – sein zweites mittlerweile – leisten kann? Und was passiert mit dem alten Gerät. Frage eins beantwortete er recht schlüssig, indem er auf die Tatsache hinwies, dass er sich mit dem Austragen von Zeitungen genug Geld verdient habe. Das beruhigte mich. Frage zwei wurde gleich darauf beantwortet: „Mein Altes kannst du haben“, sagte er, und ich glaubte ein, gewisses hämisches Grinsen vernommen zu haben.

Und so stand ich vor der bahnbrechenden Entscheidung, ob ich mich diesem neuen Kosmos der Kommunikation öffnen wollte, oder nicht. Und ja, ich wollte und es war rückblickend betrachtet, als würde Goethes Zauberlehrling die Büchse der Pandora öffnen. Naja, ganz so dramatisch vielleicht nicht, aber fortan begann sich mein Leben zu ändern. Doch zunächst mussten einige Kleinigkeiten geregelt werden. Ich brauchte einen Anbieter. Also ein Telekommunikationsunternehmen, dass mir die benötigte Datenmenge zur Verfügung stellte und dem ich mein sauer verdientes Geld in den Rachen werfen wollte. Und einige Dinge mussten installiert werden, was ich in die bewährten Hände meines Nachkommen legte, weil ich auf diesem Sektor das Tal der Unwissenden bin und mir Ehrgeiz und Talent fehlen, daran etwas zu ändern.

„Was ist eigentlich eine App?“, fragte ich meinen Sohn und offenbarte eindrucksvoll den Grad meiner Unwissenheit. In einer Art Schnellkurs wurden mir die grundlegenden Parameter erläutert. Hinterher hatte ich mehr Fragen als davor. Aber mir schien, als wenn ich nicht zwingend alles begreifen musste, also widmete ich mich der Anwendung und man kann es nicht anders sagen, ich war von Anfang an fasziniert. Es war wie bei einem entwöhnten Raucher, der jetzt, da er Nichtraucher war, ein militanter Tabakgegner wurde, bloß irgendwie andersrum. War ich noch gestern ein glühender Verfechter des Lebens ohne diese Teufelsgeräte, so wurde aus mir binnen kürzester Zeit ein Smartphonejunkie.

In der ersten Zeit kam ich aus dem Staunen nicht heraus, was diese Eier legende Wollmilchsau der Kommunikationstechnik so alles drauf hat. Ich konnte im Internet surfen, Musik hören, E-Mails verschicken und das überall, wo ich gerade war, oder besser, überall wo ich ein Netz hatte. Manche Freunde und Bekannte wurden mir beinahe etwas unsympathischer, wenn sie in einem Funkloch wohnten und nicht selten stellte ich die Frage: „Habt ihr einen Gastzugang für euer W-Lan?“, bevor ich jemandem zu seinem Geburtstag gratulierte.

Doch die größte Offenbarung waren diese Instant-Messengerdienste und ja, ich war sofort infiziert. Die Welt stand mit offen und ich konnte mit unfassbar vielen Menschen in Kontakt treten. Es dauerte nicht lange und ich war Mitglied in gefühlt 23 Gruppen, mit denen ich ebenso in schriftlichem Kontakt stand, wie auch mit einzelnen Personen. Nicht selten lachte ich vier Mal über ein und denselben Witz, der mir innerhalb von kürzester Zeit von verschiedenen Gruppen oder Leuten geschickt wurde und den ich auch fleißig weiter versandte. Manchmal auch an die Absender, man verliert da auch schon mal den Überblick. All das führte zu Dissonanzen in meinem Privatleben. Selten kam es vor, dass ich eine Frage meiner Frau beantwortete. Anderthalb Stunden, nachdem sie gefragt hatte. „Das Essen ist fertig und schon wieder kalt. Ich gehe jetzt ins Bett!“ schrieb sie mir über meinen Messengerdienst.

Nein, so konnte es nicht weiter gehen. Das Smartphone begann mich zu beherrschen und ich fühlte mich regelrecht nackt, wenn es nicht in meiner Hosentasche oder in der Jacke steckte. Und irgendwie gelangte es wie durch Zauberkraft immer wieder in meine Hände und ich konnte dem Impuls nicht widerstehen, einen flüchtigen Blick drauf zu werfen. Vielleicht hatte mir ja irgendwer geschrieben. Und wenn ja, dann würde ich eben kurz antworten. Und wenn nicht, dann nagte die Frage an mir, ob ich meinen Mitmenschen gleichgültig geworden war.

Es war eine Spirale der Abhängigkeit und ich musste da irgendwie raus. Aber genauso wenig wie man Senf wieder zurück in die Tube bekommt, konnte ich zurück in mein altes Leben. Aber ein Wochenende „ohne“ wäre doch schon mal ein Anfang. Gesagt getan, ich schaltete ab. Da ich auch meinen Computer während dieser Zeit verbannte, wurde ich von der Zeit, die ich mit einem Mal hatte, regelrecht erschlagen und in meiner Verzweiflung griff ich zu einem Buch. Ja, genau, ein echtes Buch. Was mich aber auch vor neue Probleme stellte, weil ich immer versuchte den Text mit einer Wischbewegung weiter zu bewegen. „Blättern. Du musst umblättern!“, sagte ich zu mir. Am Ende dieser Auszeit fühlte ich mich irgendwie frischer und auch lebendiger.

Derart gestärkt schaltete ich mein Smartphone wieder an. „Du hast 438 Nachrichten aus 49 Chats“, sagte es und es klang irgendwie vorwurfsvoll. Ich begann mich an die Beantwortung zu machen und versprach meinem kleinen technischen Freund, dass ich ihn nie wieder abschalten werde. - dau

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