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Ein Ensemble eskaliert: „Wildes Blech“ dreht Musikvideo in der Disco

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Von: Ulla Heyne

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Fahrlehrer Hermann Gerken (l.) und Dirigent und Komponist Benjamin Faber
Fahrlehrer Hermann Gerken (l.) und Dirigent und Komponist Benjamin Faber in etwas ungewohnter Rolle. © Ulla Heyne

Die Heavy-Metal-Bläser von „Wildes Blech“ aus Sottrum und Umgebung haben ja schon so manchen etwas anderen Auftritt hingelegt. Die Eskalation im positiven Sinne, die sie aber in Meyers Tanzpalast hingelegt haben, war noch mal eine besondere Nummer – fürs erste professionelle Video.

Wehldorf – Schlangen vor Meyers Tanzpalast in Wehldorf sind keine Seltenheit – aber Samstagmittag um 12 Uhr, die rund 40 Wartenden in schwarzer Kleidung? Das zieht die Blicke der Nachbarn auf sich. Zwei Meter vor, dann wieder zurück – fünf Anläufe brauchen die Musiker, an ihren Instrumentenkoffern zu erkennen, bis Videograph Jannick Mayntz endlich das erlösende: „Danke, alles im Kasten“ verlauten lässt. Nicht nur für die Hobbymusiker vom „Wilden Blech“ aus Sottrum und umzu ist der Dreh ihres ersten Musikvideos außerhalb des Studios eine Premiere, sondern auch für den erfahrenen Musik-Filmer.

Disco-Chef ist neugierig

Sonst dreht der Ottersberger eher mit Einzelkünstlern oder mit Bands – ja, auch das eine oder andere Orchester sei schon dabei gewesen, „dann aber nicht in so einer Location“, erklärt er durch Nebelschwaden und zuckende Laser hindurch. Auch für Disco-Betreiber Pete Meyer ist der Dreh hier eine Premiere. Warum er den Holz- und Blechbläsern um Dirigent Benjamin Faber sein Reich für einen Nachmittag überlassen hat, wohlgemerkt unentgeltlich, und noch dazu seinen Licht-Jockey spendiert hat? Er zuckt mit den Schultern: „So etwas hatten wir hier noch nicht“, und er sei genauso neugierig wie die Musiker, ob das funktionieren kann und wie. Selbst kennt er die Heavy-Metal-Bläser nur vom Hörensagen, „aber härtere Musik ist schon meins“.

Saskia macht eine Blase
Trotz Armbruch klappt es bei Saskia mit der Kaugummiblase dann doch noch. © Ulla Heyne

Als er einige Stunden später wieder vorbeischaut, sind die Vierzehn- bis Anfang-60-Jährigen nicht wiederzuerkennen: Statt schwarzer „Dienstklamotte“ und ordentlicher Formation und auf der Bühne: ein zuckendes Meer tanzender Gestalten in Ballonseideanzügen auf dem Dancefloor, dazu neongrüne Stulpen, Schweißbänder und Sonnenbrillen. Kein Zufall, atmet der vor einigen Wochen von den Musikern im Studio aufgenommene und professionell abgemischte Track, der mindestens zum 20. Mal aus den Lautsprechern ertönt, doch den Geist der 1980er-Jahre.

Einnahmen gehen drauf

Dirigent und Komponist Benjamin Faber, heute mit ungewohnter Vokuhila-Haarpracht, hat „Hypa Hypa“ der Electric Callboys, die vor einem halben Jahr den Eichenring rockten, seiner Besetzung auf den Leib geschrieben. Aber warum ein Musikvideo, für das die Musiker eine vierstellige Summe in die Hand nehmen? Für Ensemble-Gründer Faber ist es ein Ersatz für das Jahreskonzert „Rock den Georg“, das auch in diesem Jahr pandemiebedingt nicht geplant werden konnte. Videos mit Live- oder Studioaufnahmen gibt es einige, „das ist jetzt mal was ganz Neues“ – auch wenn dafür, neben einer Förderung des Projektes im Rahmen des bundesweiten Programms „Neustart Amateurmusik“, die Einnahmen aus den letzten Auftritten draufgehen.

Fahrlehrer im Gliterlook
Wirklich Fahrlehrer? Hermann hat seine neue Rolle gefunden. © Ulla Heyne

Den Musikern gefällt’s. Viele haben die Kleiderschränke ihrer Eltern, der eigenen Jugend oder das Internet geplündert: Sascha ist im glitzernden Goldpaillettenanzug kaum wiederzuerkennen, genau wie Hermann, sonst Fahrlehrer. Er posiert vor der Kamera, wickelt sich lasziv eine Locke seiner Perücke um den Finger und bläst einen Kuss aus dem Lipgloss-Mund gen Linse, als hätte er nie etwas anderes getan.

Auftritt mit Gipsarm

Die kollektive Eskalation hinter dem Schutz der Neon-Sonnenbrille – ein Erlebnis, das zusammenschweißt. Melanie und Saskia posieren Rücken an Rücken, nur mit der Hubba-Bubba-Kaugummiblase will es noch nicht so recht klappen. Letztere war für ihren Probedreh auf der heimischen Terrasse mit dem Handy inklusive filmreifen Sturz mit den Discorollern von der Gruppe gefeiert worden – den Armbruch trägt sie mit Fassung und standesgemäß schwarzem Gips. Austauschschülerin Héloise dagegen flitzt auf den Discorollern vorbei, als wäre sie mit den Relikten aus dem Keller einer Mitspielerin auf die Welt gekommen, dicht gefolgt von der Kamera des Videografen. Dass die Französin in zwei Monaten Sottrum nichts erlebt, kann man nicht gerade behaupten.

Das „Wilde Blech“ stürmt die Disco-Tanzfläche.
Bitte jetzt durchdrehen! Das „Wilde Blech“ stürmt die Disco-Tanzfläche. © Ulla Heyne

Mittlerweile sind vier Stunden Dreh ins Land des farbenfrohen 80er-Klischees gegangen. Die Musiker geben ihr Letztes – Drummer Roland liefert einen Abriss am Kinder-Schlagzeug, andere tanzen die letzten Dance-Moves in John-Travolta-Manier oder rudern auf dem Boden zu einigen Takten Filmmusik von „Das Boot“, die Faber in seine Komposition eingeschmuggelt hat. Noch immer sprudeln die kreativen Ideen – so muss Mayntz den Ballonseidenherren mit der Videokamera sogar aufs Pissoir folgen. Am Abend wird die Whatsapp-Gruppe überquellen voller beseelter Kommentare, vieler schräger Bilder und noch schrägerer Handy-Filmclips. Bis zum fertigen Youtube-Video wird es noch viele Stunden Schnitt dauern, der Ohrwurm „Döp Döp Döp“ wird die Beteiligten wohl noch länger begleiten.

Video auf Youtube

Das Video wird am kommenden Samstag, 26. November, um 18 Uhr auf Youtube veröffentlicht.

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