Dank Aushang stimmt die Kasse am Selbstbedienungswagen wieder

„Die Einzeltäter sind das Ärgernis“

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Cord Meyer zeigt: Der Schrank ist an diesem Nachmittag noch recht gut bestückt. Die rote Kasse ist direkt daneben, dennoch gibt es ein paar Kunden, die die ihren „Einkauf“ nicht bezahlen. 

Höperhöfen - Von Inken Quebe. Das „Hühnerparadies“, wie es auf dem Flyer von Klangens Hof heißt, ist günstig gelegen: Direkt an der Kreisstraße zwischen Bötersen nach Höperhöfen lädt es jene ein, die gerne frische Eier von Weidehühnern essen. Das Verkaufsprinzip beruht auf Vertrauen: Wer aus dem Schrank dort Eier oder Nudeln mitnehmen möchte, schmeißt das Geld in die Kasse direkt daneben. Doch abgesehen von den 99 Prozent ehrlichen Kunden, wie Cord Meyer von dem landwirtschaftlichen Familienbetrieb aus Höperhöfen betont, gibt es auch ein Prozent, über das seine Frau Dorina und er sich ärgern. Deshalb haben sie Maßnahmen ergriffen.

„9,9 von 10 Kunden sind ehrlich“, betont Cord Meyer nicht nur einmal, um eine Lanze für seine Kunden zu brechen und zu verdeutlichen, dass er nicht alle über einen Kamm schert. „Wenn sie das Geld gerade nicht passend dabei haben, stecken beim nächsten Mal das in die Kasse, was fehlt. Oder sogar noch mehr.“ Manche rufen sogar an und weisen darauf hin, dass sich die Meyers nicht über den fehlenden Betrag wundern sollen.

Aber es gibt eben auch schwarze Schafe. „Das andere Prozent zerstört viel. Die Einzeltäter sind das Ärgernis“, sagt Cord Meyer. Von Zeit zu Zeit, etwa alle sechs Wochen, komme es sogar vor, dass sie im großen Stil bestohlen werden, manchmal fehlt sogar der ganze Bestand. Und das ist nicht wenig: Wenn Ehefrau Dorina und er gegen 11 Uhr die Eier aus den beiden Mobilställen, die auf der etwa 26 000 Quadratmeter großen Weide etwa 450 Hühner beherbergen, einsammeln, landen davon 156 Eier in dem Schrank im Wagen an der Kreisstraße. Dazu sechs Packungen Eiernudeln aus eigener Produktion. Die Kasse ist direkt neben dem Eier-Schrank. Ein Verkaufsprinzip, das auf Vertrauen basiert.

Videoüberwachung wirke abschreckend

„Betroffene Landwirte beklagen sich von Zeit zu Zeit immer mal wieder über solche Fälle“, erklärt Elke Sandvoß von der Vereinigung der Norddeutschen Direktvermarkter. Sie berichtet beispielsweise auch von Vandalismus und Farbschmierereien an Milchautomaten. Und die Täter würden „extrem selten gestellt“. Manche hätten deshalb schon ein Schild aufgehängt, das auf Videoüberwachung hinweist, auch wenn es gar keine Kamera gibt. „Das wirkt abschreckend“, sagt Sandvoß.

Die Meyers von Klangens Hof haben dagegen tatsächlich reagiert und eine Wildkamera aufgestellt, die auslöst, sobald es Bewegung am Wagen gibt. Mit dem Hinweis: „Im Sinne aller ehrlichen Kunden weisen wir darauf hin, dass wir den Bereich in unmittelbarer Nähe mit einer Kamera überwachen.“ Das habe auch schon geholfen, schrecke aber längst nicht alle ab, denn so sei mancher auf die Idee gekommen, die Zahlung vorzutäuschen. „Die machen das mit Vorsatz. Das sind die, über die ich mich ärgere“, erklärt er. Dann seien die Kamerabilder nicht eindeutig.

Fast 70 Euro fehlten

Seit Dorina und Cord Meyer die Eier aus der Mobilstallhaltung anbieten, führen sie Buch über das Geschäft, der aufzeigt, dass an manchen Tagen sogar fast 70 Euro fehlten. Und dann kam der Tag X. „Am 4. April hatten wir 28,40 Euro Minus“, liest er vor – umgerechnet etwa 80 Eier, eines kostet 35 Cent. Da hat er sich überlegt, noch einen weiteren Aushang anzufertigen. Denn dank der Kamera wissen die Meyers, wer sie da bestiehlt, haben das auf dem Papier zum Ausdruck gebracht.

Was überhaupt hinter den Diebstählen steckt, lässt sich nur mutmaßen. Das versteht auch nicht Elke Sandvoß. „Es handelt sich ja häufig um Produkte, die nicht teuer sind“, sagt sie. Sie nehme aber die Tendenz wahr, dass je abgelegener das Feld oder der SB-Stand, desto häufiger würde gestohlen. „Die Leute fühlen sich unbeobachtet“, so Sandvoß.

Das trifft allerdings nicht auf den Wagen von Klangens Hof in Höperhöfen zu. Cord Meyer hat eine andere Vermutung: Weil kein großer Stall irgendwo steht, glaube vielleicht mancher, Mobilstallhaltung sei günstiger als konventionelle Freilandhaltung. Dabei sei gerade diese Form der Tierhaltung mit hohem Arbeitsaufwand verbunden. Drei Mal pro Tag sind die Meyers dort: Sie bringen Futter und Wasser, füttern, sammeln Eier per Hand ein, pflegen die Weide. 

Außerdem werden die beiden Ställe einmal pro Woche an einen anderen Platz auf der Weide geschoben, damit sich die Fläche nicht an einer Stelle zu sehr abnutzt, erklärt der Landwirt. Mit den gewählten Maßnahmen sind die Meyers bisher zufrieden. „Seit dem Aushang stimmt die Kasse an acht Tagen“, prüft er noch einmal seine Aufzeichnungen, „an den restlichen Tagen gab es sogar ein Plus.“ Die Aktion hat offenbar gefruchtet – und sei zudem gut angekommen. Dorina Meyer schildert: „Es gab Lob dafür. Die ehrlichen Kunden haben gemerkt, dass wir genauer hingucken.“

Rechtliche Lage

Auch wer einen Apfel vom Obstbaum am Straßenrand mitnimmt oder eine Birne vom Obststand, begeht schon einen Diebstahl. Während es früher noch den Begriff Mundraub im juristischen Sinne gab und das nur als „Übertretung“ galt, die eine geringe Strafe zur Folge hatte, ist ein Diebstahl geringwertiger Gegenstände heute im Paragrafen 248a des Strafgesetzbuches geregelt. Wer also etwas im Wert von bis zu 50 Euro stiehlt, wird dafür strafrechtlich verfolgt, wenn es eine Anzeige oder öffentliches Interesse – beispielsweise bei Diebstählen an Gedenkenstätten – gibt. „Das ist oft Abwägungssache“, erklärt ein Sprecher der Rotenburger Polizei. Zahlen darüber gibt es nicht. „Es kommt relativ selten vor, dass das angezeigt wird.“ Die Inhaber solcher Verkaufsstände dürften demzufolge auch die Kennzeichen von Fahrzeugen aushängen, deren Fahrer sie als Diebe ausgemacht haben. Diese Inhaber könnten in einem möglichen Strafverfahren als Zeugen auch vor Gericht auftreten, so der Sprecher. 

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