Drei Jahre und ein Tag

Mareike Bühler aus Clüverborstel geht auf die Walz

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Ohne sich noch mal umzudrehen hat Mareike Bühler ihre Heimat Clüversborstel hinter sich gelassen. Drei Jahre und ein Tag lang muss sie immer mindestens 50 Kilometer entfernt sein.

Clüversborstel - Von Matthias Daus. Als Handwerksgesellin auf der Walz die Welt kennenlernen, diesen Traum hat Mareike Bühler aus Clüversborstel schon lange gehegt. Jetzt hat sie ihn in die Tat umgesetzt. Nachdem sie das Ortsschild ihres Heimatdorfes Clüversborstel überwunden hatte, nahm sie ihr Gepäck und ging zügigen Schrittes los, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Das ist eine Bedingung, wenn man wie Bühler auf die Walz geht. Man lässt das alte Leben zurück und bricht auf in ein neues Leben. Freunde und Verwandte dürfen nur bis zum Ortsschild dabei sein. Genauer bis zu der Seite des Schildes, die dem Ort zugewandt ist. Auf der anderen Seite, dort wo das neue Leben wartet, hat man eine neue Familie: Andere Handwerker, die auch auf der Walz sind und die sich einfinden, um einen Neuling abzuholen.

Wie viele das letztendlich sind, weiß man vorher nicht. Bei Bühlers „Losgehen“ waren es rund 15 Gesellinnen und Gesellen, die sie abholten und auffingen, als sie sich rücklings vom Ortsschild herunterfallen ließ. Eine eingeschworene Gemeinschaft von Leuten, die sich wahrscheinlich nur selten sehen, dabei aber eine verblüffende Verbundenheit ausstrahlen. Unter ihnen ist auch der gelernte Kunstschmied Simon, der die 28-Jährige die ersten drei Monate begleiten wird und der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. „Nennt mich Simon, fremder Schmied vom freien Begegnungsschacht“, sagt er. Was zunächst etwas holprig klingt, lässt sich jedoch leicht erklären. Schmied ist das Handwerk, dass er erlernt hat und auf der Walz bezeichnen sich die Gesellen häufig als „Fremde“. Also fremder Schmied, oder fremder Zimmerer und so weiter.

Der Freie Begegnungsschacht ist die Gesellenvereinigung, der er beigetreten ist und die seine Wanderschaft begleitet. Mareike Bühler ist hier auch Mitglied geworden. Der Freie Begegnungsschacht ist eine der wenigen Gesellenvereinigungen, die auch Frauen aufnehmen. Auf einer Informationsveranstaltung hat sie Simon kennengelernt. Er stammt aus Lindau am Bodensee und ist schon seit zwei Jahren und acht Monaten unterwegs. In rund drei Monaten, also die Zeit, die er die junge Clüversborstelerin begleiten möchte, wäre seine Wanderzeit beendet, aber wahrscheinlich hängt er noch ein paar Monate dran. Nicht unüblich unter den Wandergesellen, die wahrscheinlich begreifen, dass sie eine Art von Freiheit erleben, die den meisten Menschen verwehrt bleiben wird und die in ihrem späteren Leben so nicht mehr machbar ist.

„Es überwiegt aber die Freude und Neugier“

Drei Jahre und einen Tag muss man als Handwerker auf der Walz mindestens 50 Kilometer von seinem Heimatort entfernt sein. Wieder so eine Besonderheit, warum muss der eine Tag noch sein? „Das kommt daher, weil eine Lehre früher drei Jahre dauerte und die Wanderzeit sollte halt länger sein als die Lehrzeit“, erklärt Simon. Er war schon ein paar Tage vor dem „Losgehen“ in Clüversborstel angekommen. Einerseits, um der neuen Anwärterin bei den letzten Vorbereitungen zu helfen, und natürlich, um einen Stempel vom Gemeindebürgermeister in sein Wanderbuch zu bekommen. Eine Aufgabe, die Bürgermeister Marco Körner natürlich sehr gerne erfüllte.

Vor dem Abschied hatte Bühler großen Respekt. „Es überwiegt aber die Freude und Neugier auf das, was ich erleben werde“, sagt sie. Dass so etwas immer zwei Seiten hat und es wahrscheinlich auch beschwerlich wird, ist ihr dabei sehr bewusst. „Man muss mit vollem Herzen dabei sein, sonst wird das nichts. Ich habe mich schon lange damit beschäftigt und es ist mein sehnlichster Wunsch, dass ich die Wanderschaft machen kann. Deshalb ist es jetzt, wo es losgehen wird, nur noch Freude pur für mich.“

Und so wandert sie los mit ihrer neuen „Familie“, ohne sich umzusehen. Los in ein dreijähriges Abenteuer, bei dem sie die Welt kennenlernen möchte und sich lossagt von Hab und Gut. Eine Zeit, in der sie ihren persönlichen und beruflichen Horizont erweitern möchte und in der sie nach den Regeln der Wanderschaft leben wird. Demut lernen, bescheiden leben und dem „Verwöhnpaket“, also dem alltäglichen Luxus entsagen, das ist ihr fester Wille. Wohin der Weg sie führen wird, ist noch ungewiss. Sehr gerne würde sie nach Skandinavien oder Frankreich gelangen.

Keine unrealistischen Ziele, wie ihr andere Wandergesellen versicherten. Aber in einem Punkt ist sie sich heute schon sicher: „Wenn ich zurückkehre, dann werde ich bestimmt ein anderer Mensch sein.“ Wie weit die Erfahrungen, die sie zweifelsohne machen wird, ihre Persönlichkeit prägen, das wird sich zeigen.

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