Experte spricht über Rettungsgassen

Gemeindebrandmeister Björn Becker: „Dieser Egoismus nervt mich total“

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Rettungsgasse

Sottrum - Von Jessica Tisemann. Stau auf der Autobahn ist anstrengend, die Ursache meist am Anfang noch nicht klar, eine Sache allerdings hat jeder bei stockendem Verkehr sofort zu leisten: das Bilden einer Rettungsgasse. Doch in vielen Köpfen scheint noch nicht angekommen zu sein, wie das funktioniert. Sottrums Gemeindebrandmeister Björn Becker spricht im Interview über die Wichtigkeit der Rettungsgasse und die Belastung, die auf den Feuerwehrleuten liegt.

Herr Becker, können Sie zu Anfang einmal erklären, wo genau die Rettungsgasse gebildet werden muss?

Björn Becker: Auf der dreispurigen Autobahn wird die Rettungsgasse zwischen der linken und der mittleren Spur gebildet, auf der zweispurigen Autobahn dann zwischen den beiden Fahrspuren.

Warum ist das so?

Becker: Das ist in der Straßenverkehrsordnung so geregelt.

Hat die Regelung auch etwas damit zu tun, dass die Lastwagen in der Regel auf der rechten Spur unterwegs sind?

Becker: Ja, wenn ein Lkw auf der rechten Spur fährt und der nächste fährt auf der mittleren, dann wird das mit der Rettungsgasse schon schwieriger. Zwei Lkw nebeneinander stellen ein Problem da, weil es einfach zu eng wird.

Was sind die größten Probleme, die sich bei einem Stau auf der Autobahn ergeben?

Björn Becker ist Gemeindebrandmeister in Sottrum und weiß, wie wichtig eine Rettungsgasse ist. 

Becker: Das Problem ist, dass die Rettungsgasse grundsätzlich nicht, wie in der Straßenverkehrsordnung vorgegeben, sofort gebildet wird. Sondern meistens erst dann, wenn von hinten ein Fahrzeug mit Sonderrechten kommt. Und dann wird oftmals die Rettungsgasse gleich wieder zugemacht. Das heißt, die Autos fahren zur Seite, wieder zusammen, und wenn das nächste Fahrzeug kommt, wieder auseinander. Ich stehe auf dem Standpunkt, wenn man eine Rettungsgasse bildet, vertut man sich nichts. Erstens, die Autofahrer kommen sowieso nicht weiter, bevor wir nicht da sind. Wir sind ja gerufen worden, um das Problem zu beseitigen. Und zweitens, ob man ganz links steht, wenn man auf der linken Spur fährt, oder in der Mitte: man kommt eh nicht schneller voran. Aber da sind die Leute leider beratungsresistent. Das ist ein echtes Problem.

Also sollte ich, sobald ich merke, dass sich ein Rückstau bildet, gleich ganz an den Rand der Spur fahren?

Becker: Genau! So soll das auch sein, laut Straßenverkehrsordnung, aber das scheint bei den meisten nicht zu klappen. Immer, wenn der Verkehr stockt, muss ich eine Rettungsgasse bilden. Und da kann ich auch nur dran appellieren, weil jeder von uns, der auf der Autobahn fährt, kann auch in einen Unfall verwickelt werden. Und dann möchte er auch, dass ihm schnell geholfen wird. Ich finde, dass das auch ein bisschen das gesellschaftliche Bild widerspiegelt. Immer „ich muss so schnell wie möglich“, und es scheint keinen wirklich zu interessieren, was mit anderen Leuten passiert. Jeden kann es treffen, die Anspruchshaltung, mir soll sofort geholfen werden, ist heutzutage größer denn je, aber die aktive Mithilfe, zum Beispiel durch das Bilden der Rettungsgasse, fehlt.

Wissen Sie schon im Vorfeld, was sie an der Unfallstelle erwartet?

Becker: In der Regel, ja. Also wir wissen, ob es ein Fahrzeug-Brand ist, oder ein Verkehrsunfall oder ob es „nur“ um eine Ölspur geht. Wenn es dann um einen Verkehrsunfall geht, mit eingeklemmten Personen, dann will man natürlich schnellstmöglich ankommen. Der Super-GAU ist dann, das Fahrzeug brennt, und es sitzt noch einer drin. Wenn man dann nicht vorwärts kommt und es um jede Minute geht, dann artet diese Alarmfahrt für den Fahrer in richtigen Stress aus.

Aber auch für die Kameraden, die mit im Wagen sitzen, oder?

Becker: Es gibt Fälle, da steigen wir dann schon mal aus und sagen den Autofahrern, dass sie Platz machen sollen. Wir kommen ja nun auch nicht gerade mit einem Smart um die Ecke, sondern haben etwas größere Fahrzeuge, und da ist es manchmal echt einfach eine Katastrophe.

Wenn die Menschen die Rettungsgasse anständig bilden, kommen Sie aber mit ihren Einsatzwagen ohne Probleme durch?

Becker: Ja, dann kann man zügig durchfahren ohne stocken zu müssen. Denn jedes Anhalten kostet wertvolle Minuten. Und wenn dann erst noch der eine den anderen bewegen muss, dass er vorfährt, weil die Lücke erst vier Autos weiter ist, geht das gar nicht.

Was ist mit den Motorradfahrern? Die drängeln sich ja bei Stau gerne mal durch die Rettungsgasse.

Becker: Man sagt immer, dass sich unter der Kleidung der Motorradfahrer – gerade im Sommer – extreme Hitze entwickelt. Wie die Polizei das einschätzt, weiß ich nicht. Ich sage immer, die sind auch relativ schnell wieder verschwunden, die passen in jede Lücke. Während so ein Minivan, der dort steht, nicht so schnell zu bewegen ist. Der Super-GAU ist dann noch, wenn die Personen aussteigen, sich am Kofferraum zu schaffen machen und dann erst wieder einsteigen müssen, um zur Seite zu fahren.

Was ärgert Sie als Feuerwehrmann am meisten an der Tatsache, dass die Menschen scheinbar nicht in der Lage sind, die Rettungsgasse zu bilden, obwohl es jeder eigentlich in der Fahrschule gelernt haben sollte?

Becker: Mich ärgert, dass sie es nicht machen. Es geht in meinen Kopf auch nicht rein, warum das scheinbar keiner versteht. Ich sehe das immer parademäßig, wenn ich morgens nach Rotenburg zur Arbeit fahre. Ab dem Aral-Kreisel, wenn der Verkehr stockt, und das ist morgens in der Regel der Fall, fahre ich rechts rüber. Es kann auch dort mal jemand kommen. Wir haben in Rotenburg schließlich ein Krankenhaus. Ich habe auch einen Aufkleber auf dem Auto: Rettungsgasse. Das interessiert die wenigsten. Und dieser Egoismus der Leute nervt mich total.

Also ist das nicht auf die Autobahn beschränkt?

Becker: Ich weiß nicht genau, wie das im innerstädtischen Bereich in der Straßenverkehrsordnung geregelt ist, aber grundsätzlich gilt das Bilden einer Rettungsgasse auch da. Wenn man zum Beispiel die Einfallstraßen nach Rotenburg sieht, da kann auch immer mal ein Rettungswagen kommen – und auch da gilt, je schneller, desto besser. Da befindet sich gerade in Rotenburg auch oftmals schon ein Patient in dem Wagen, da kann es durchaus auch mal um Minuten gehen.

Welche Möglichkeiten hat die Feuerwehr, wenn sie auf der Autobahn nicht durchkommt? Können Sie in dem Moment einfach so durchheizen?

Becker: Naja, das ist ja in der Regel mit Blechschäden verbunden. Spiegelklatscher haben wir aber öfter, also dass wir da mal von einem Auto oder einem Lkw einen Spiegel mitnehmen. Das gilt es aber zu vermeiden, weil es im Nachhinein unglaublich viel Arbeit und Papierkram verursacht. Aber wenn es gar nicht geht und bevor da vorne einer stirbt, muss halt ein Spiegel dran glauben. Wir haben die Signalhörner so laut wie möglich, wir haben Frontblitzer, wir haben LED-Blitzleuchten auf dem Fahrzeug, mehr können wir eigentlich gar nicht machen. Noch lauter geht nicht, noch heller geht auch nicht. Unsere Fahrzeuge haben eigentlich alles, was man da machen kann. Gerade im Kühlergrill die Frontblitzer, die man im Rückspiegel auch sehen kann, so ist das extra konstruiert. Wenn man dann aufmerksam ist und in den Rückspiegel guckt, und etwas blaues, blinkendes ankommt, dann könnte man sich auch auf den Weg machen und eine Rettungsgasse bilden.

Kann sich auch ein Abschleppdienst durch die Rettungsgasse bewegen?

Becker: Ja, das könnte er. Oftmals nehmen sie aber den Standstreifen, aber der gilt ja als Standstreifen für Pannenfahrzeuge. Deswegen benutzt ihn die Feuerwehr zum Beispiel nicht. Außerdem ist der auch nicht so breit. Wenn die Lkw von der rechten Fahrspur noch ein bisschen rüberziehen, kommen wir nicht durch. Man muss aber auch bedenken, dass es auf der Autobahn auch mal sein kann, dass Hilfe nicht vorne geleistet werden muss, weil dort nur ein Blechschaden ist. Es kann auch ein Intensivmedizinischer Transport auf der Autobahn unterwegs sein, der zügig durch muss. Oder das SEK, Eilblut – die nutzen auch die Rettungsgasse, weil die unter Umständen keine Zeit haben, sich hinten anzustellen.

Wie kann sich so ein Stau denn auf die Zeit auswirken, die die Helfer zum Unfallort brauchen?

Becker: Das kann man nicht pauschal sagen, aber das kann schon erhebliche Auswirkungen haben. Wir erleben alles, von perfekter Rettungsgasse bis zu überhaupt keiner. Eine schlechte Rettungsgasse ist aber eigentlich der überwiegende Teil. Man erkennt immer wieder Autos, die ganz links stehen. Aber wenn nur jeder zweite oder dritte eine Rettungsgasse bildet, hilft das nicht. Wir sind schon darauf angewiesen, dass es jeder macht.

Wenn Schäden während des Einsatzes an ihrem oder privaten Wagen entstehen, wer muss dafür aufkommen?

Becker: Beim Einsatzfahrzeug bezahlt die Versicherung der Kommune. Der Schaden am Privatwagen wird in der Regel selbst getragen, weil sie dazu beigetragen haben, dass der Schaden entstanden ist.

Haben Sie eine Patentlösung, wie man den Leuten verständlich machen kann, wie wichtig die Rettungsgasse ist?

Becker: Wir haben auf dem Löschfahrzeug einen Aufkleber zu dem Thema drauf, das hilft auch nicht wirklich. Wir posten es bei Facebook, es hängen Plakate, es wird im Verkehrsfunk gesagt, ein Patentrezept habe ich aber auch nicht.

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