Archäologen finden bei Ausgrabung eine bedeutende Tonscherbe

Das Gesicht von Reeßum

Ein Fund wie bei Goldgräbern: das Keramikgesicht von Reeßum.
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Ein Fund wie bei Goldgräbern: das Keramikgesicht von Reeßum.

Reeßum/Rotenburg – Fast war es wie bei den Goldgräbern: Jetta Harms schüttelte vorsichtig das Sieb, um kleinen „Keramikabfall” von wichtigen Resten jahrhundertealter Töpferkunst zu trennen. Übrig blieb ein ganz besonderer Fund, eine etwa zehn Zentimeter große Keramikscherbe mit einem Männerkopf, eingeritzt in die Außenhaut eines Gefäßes. Die Rotenburgerin Jetta Harms, freiberufliche Mitarbeiterin bei der Kreisarchäologie, war in der Nähe von Reeßum bei Grabungsarbeiten auf einen „Schatz” gestoßen, der Altertumsforscher ins Schwärmen geraten lässt.

„Auf der Keramik ist die Abbildung eines Männergesichtes zu sehen. Das kennen wir im sächsischen Bereich nur von zwei weiteren ganz ähnlichen, jedoch nicht identischen Exemplaren”, sagt Dr. Stefan Hesse, der Kreisarchäologe. Ein Gesicht, das dem von Reeßum gleiche, ergänzt Hesse, befinde sich auf einer Keramik, die bei Wehden in der Nähe von Debstedt (Kreis Cuxhaven), nicht weit von der Wesermündung gemacht worden sei. Ein weiteres Exemplar, vergleichbar mit den beiden anderen Gesichtern, befinde sich auf einer Keramik, die in der Nähe der englischen Nordostküste von Markshall, dicht am Ärmelkanal, gefunden worden sei.

„Dies ist”, so Hesse, „ein eindeutiger Beleg für die Auswanderung eines Teils der Sachsen nach England im Anschluss an den Abzug der römischen Truppen Anfang des 5. Jahrhunderts nach Christus.”

Entweder, tippt Hesse, habe sich der Töpfer damals auf die Schiffsreise nach England (etwa 500 Kilometer) gemacht oder seine Keramikware habe den Seeweg über die rauen Wellen der Nordsee angetreten. Fest steht, dass das Römische Reich im Rahmen seiner Eroberungspolitik im Jahr 43 nach Christus seine Fühler bis Britannien ausstreckte, den heutigen Landesteil England bis zum Hadrianswall sowie Wales unterwarf und rund um das Jahr 440 die Insel verlassen musste.

Jetta Harms und Stefan Hesse freuen sich über den Fund.

Durch den Fund bei Reeßum ist wieder ein wenig mehr Licht in das Dunkel der Geschichte gekommen. Nämlich bei Ausgrabungen auf der Fläche eines Landwirts, der vor Beginn der Bauarbeiten für eine Biogasanlage die Kreisarchäologie informiert hatte, so wie es das Gesetz bestimmt.

Jetta Harms, die schon seit früher Jugend von der Archäologie begeistert ist, seit Jahren bei der Kreisarchäologie mitarbeitet, ihren Bachelorabschluss in Göttingen machte, jetzt in Kiel ihr Masterstudium absolviert und im nächsten Jahr ihr Examen macht, hatte den großen Findererfolg und entdeckte die kleine Keramik mit dem Gesicht.

Ein Fund von überregionaler Bedeutung, betont Kreisarchäologe Hesse, der bei Kollegen auf großes Interesse stoße und sie sicher sein lässt: Diese kleine Keramik wäre, wenn rechtzeitig bekannt, auf jeden Fall Teil der großen archäologischen Ausstellung zum Thema „Sachsen” in Hannover und Braunschweig.

Dass die Keramik, für die Öffentlichkeit fast unzugänglich, also nicht im Archiv verschwindet, ist sich Hesse sicher. Das kleine Paradestück soll Teil der Ausstellungsstücke im demnächst renovierten Bachmannmuseum in Bremervörde werden, so der Archäologe.

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