Volksbank-Mitarbeiter schnuppern in andere Berufe hinein

Bettpfanne statt Bankschalter

Stefan Hunsche (v.l., Michael Wekel, Michael Meyer, Siegmar Buchholz, Ute Jentsch und Annelie Biederstaedt stellen gemeinsam das Projekt „Blickwechsel“ vor, das die Volksbank Wümme-Wieste zu ihrem 125-jährigen Bestehen in diesem Jahr initiiert. - Foto: Quebe

Sottrum - Von Inken Quebe. Wer hat nicht schon einmal darüber nachgedacht, interessehalber mal in einen anderen Beruf hineinzuschnuppern? Normalerweise lässt sich das nicht so leicht umsetzen. Weil die Volksbank Wümme-Wieste aber in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen feiert, bietet sie den eigenen Mitarbeitern unter dem Titel „Blickwechsel“ genau das an. Und so tauschen Ute Jentsch, Annelie Biederstaedt und Michael Meyer für drei Tage ihre Anzüge gegen Kittel – sie werden Altenpfleger auf Probe in der Sottrumer Seniorenresidenz von K&S.

Was soll im Jubiläumsjahr alles auf die Beine gestellt werden? Mit dieser Frage hatte sich die Volksbank Wümme-Wieste auseinandergesetzt. „Eine Idee, die sich festgesetzt hatte“, berichtet Vorstandsmitglied Stefan Hunsche, war es, einmal andere Berufe und Branchen kennenzulernen. Horizonterweiterung ist das Stichwort. Für den Einfall habe man sich in Hamburg bei der „Patriotischen Gesellschaft“ inspirieren lassen, die mit dem gleichen Ansatz seit 2000 das Projekt „Seitenwechsel“ initiiert. Mit der Organisation habe man gesprochen und sich Anregungen geholt. „Ihr müsst aber einen anderen Namen dafür wählen“, habe es geheißen, erzählt Hunsche. Die Wahl fiel auf „Blickwechsel“.

„Wir möchten nützlich sein, auf keinen Fall stören“, schildert Hunsche die Idee. K&S-Regionalleiter Siegmar Buchholz kontert gleich, das Projekt „in keinster Weise als Belastung“ zu empfinden: „Die Belastung ist für Sie größer als für uns.“ Als die Volksbank auf die K&S-Unternehmensgruppe zukam, sei man sofort begeistert gewesen. „Wir freuen uns darauf, besonders, weil es auf Freiwilligkeit basiert“, sagt Residenzleiter Michael Wekel. „Das ist eine Wertschätzung, die in unserer Branche selten ist.“

Eine, die bereits Erfahrung in Sachen Pflege hat, ist Annelie Biederstaedt, die bei der Volksbank im Kundenservice tätig ist. Sie hat ihren Vater gepflegt, der bereits jung einen Hirnschlag hatte, erzählt sie. Auch ihre Mutter war pflegebedürftig. „Mich interessieren die Hintergründe, um das dann alles besser zu verstehen“, sagt sie. Berührungsängste? Nein, die habe sie nicht. Ihre Einstellung: „Wenn man muss, kann man viel.“ Auch Ute Jentsch, ebenfalls im Bereich Kundenservice tätig, hat schon Erfahrung. Gemeinsam mit ihrem Mann kümmert sie sich um ihre Schwiegermutter: „Es ist nicht immer leicht, das in den Arbeitsalltag zu integrieren.“ Jentsch ist offen: „Ich hoffe auf Hilfestellung, manche Dinge besser hinzunehmen, dass das Projekt meine Akzeptanz stärkt.“

Michael Meyer schildert eine doppelte Motivation für das Projekt. „Als Firmenkundenbetreuer zählt die K&S-Unternehmensgruppe zu meinen Kunden“, erklärt er. Mit dem „Blickwechsel“ könne er also den Kunden und dessen Bedürfnisse kennenlernen. Außerdem will er einen Einblick in die Tätigkeit der Altenpfleger bekommen. „Das wird eine wertvolle Lebenserfahrung“, glaubt Meyer, der auch schon in Berührung mit dem Thema gekommen ist, zum Beispiel, als sein Vater kurze Zeit im Hospiz verbracht hat: „Ich möchte etwas von der Freude zurückgeben.“

Buchholz nutzt das Vorgespräch, um erste Sorgen zu nehmen: „Wir haben nicht den Anspruch, Sie zu Pflegekräften auszubilden. Aber wir begleiten Sie vernünftig.“ Deshalb bietet die Residenz an, dass die Volksbankmitarbeiter mit dem Pflegepersonal abends den Tag Revue passieren lassen. „Es können belastende Schicksale auf Sie zukommen“, klärt er auf. Das Reflektieren soll dazu dienen, dass Jentsch, Biederstaedt und Meyer nicht mit belastenden Gefühlen nach Hause fahren. Alle erhalten einen Einblick in die Ergotherapie und wechseln dann in den verschiedenen Wohnbereichen. Außerdem sollen sie erfahren, was an Dokumentation in einem Seniorenheim wichtig ist.

Die drei sind nicht die einzigen Mitarbeiter, die demnächst kurzzeitig ihren Bankschalter eintauschen – insgesamt haben sich 28 dafür gemeldet. „Einige davon mit Führungsverantwortung, aber das war keine Voraussetzung“, betont Hunsche. Der Fokus liege auf dem sozialen sowie dem kulturellen Bereich und darauf, dass sich das Unternehmen in der Region befindet. Beispielsweise beteiligen sich die Rotenburger Werke, der Naturschutzbund im Kreis Rotenburg, die Achimer Tafel und die Heilpädagogischen Jugendheime an der „Blickwechsel“-Aktion. So deckt sie ein breites Themenfeld ab. Hunsche bedauert aber: „Nur das Thema Tierschutz kommt leider zu kurz.“ Hierfür habe sich keine Kooperation gefunden.

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