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Bioenergie auf dem Dorf: Gaskrisen kennt man in Clüversborstel nicht

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Von: Antje Holsten-Körner

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Die Menschen hinter der Bioenergie Clüversborstel: Malte Mahnke (v.l.), Henrik Hüsing, Lennart Cordes, Eckhard Mahnke, Gerd Hüsing und Herbert Cordes.
Die Menschen hinter der Bioenergie Clüversborstel: Malte Mahnke (v.l.), Henrik Hüsing, Lennart Cordes, Eckhard Mahnke, Gerd Hüsing und Herbert Cordes. © Holsten-Körner

Gaskrisen kennt man in Clüversborstel nicht. Dafür sorgt die Bioenergie GmbH aus dem Dorf, die viele Haushalte mit Wärme versorgt.

Clüversborstel – Da seit Beginn des Krieges in der Ukraine Russland die Energielieferungen immer weiter reduzierte, sind die Preise für Erdgas auf ein nie dagewesenes Niveau geschossen. Viele Bürger machen sich daher Gedanken, ob sie ihre Gasrechnung noch bezahlen können oder das gelieferte Gas überhaupt ausreicht, um die heimische Stube im Winter auf eine angenehme Temperatur heizen zu können.

Gründer kommen alle aus dem Dorf

Diese Sorgen brauchen sich die meisten Einwohner von Clüversborstel nicht machen, denn ihre Heizung funktioniert vollkommen unabhängig von russischem Gas – und das aus nachwachsenden Rohstoffen. Nicht nur das: Von einem Preis von fünf Cent für jede Kilowattstunde, der bis Ende 2023 festgeschrieben ist, können Gaskunden derzeit nur träumen.

Zu verdanken ist dies der Bioenergie Clüversborstel. Dahinter verbirgt sich kein überregional agierender Konzern, sondern das als GmbH agierende Unternehmen wurde vor gut zehn Jahren von Herbert Cordes, Eckhard Mahnke und Gerd Hüsing aus der Taufe gehoben, also alles Bürger des 300-Seelen-Ortes, die entweder dort geboren sind oder mindestens von Kindesbeinen an in Clüversborstel leben.

Hier kommt das Biogas an, das von der Agrar Energie aus Sottrum geliefert wird.
Hier kommt das Biogas an, das von der Agrar Energie aus Sottrum geliefert wird. © Holsten-Körner

„Die über Bioenergie gelieferte Wärme war schon immer günstiger als die aus Gas oder Öl“, hebt Cordes hervor, der inzwischen seine Anteile an seinen Sohn Lennart (29) übergeben hat. Auch bei seinen Mitgesellschaftern steht mit Malte Mahnke (28) und Henrik Hüsing (25) der Nachwuchs in den Startlöchern und wird bereits in die anstehenden Entscheidungen einbezogen.

Dabei betonen sie alle gemeinsam, dass eine Preisanpassung im Jahr 2024 nur im Rahmen der Kostensteigerung erfolgen soll und losgelöst ist von dem, was sonst auf dem Energiemarkt verlangt wird. Ein zusätzlicher Vorteil sei die Effektivität: Während bei herkömmlichen Gasheizungen ein Teil der Energie verpufften, denn der Wirkungsgrad liegt unter 100 Prozent, werde bei der Wärmeleitung ohne Umsetzungsverlust nur bezahlt, was wirklich ankommt.

Inbetriebnahme 2012

Schon bei der Inbetriebnahme im Jahr 2012 konnte durch die Konditionen die Bioenergie Clüversborstel mit 37 Haushalten starten, inzwischen sind es 53 Anschlusspunkte im Ort, bei denen Wärme mit einer Vorlauftemperatur von rund 80 Grad ankommt. Mit jeder neuen Schreckensmeldung über explodierende Gaspreise bekommt die Nachfrage nochmal einen Schub. „Es sind 18 weitere Häuser in der Planung“, Herbert Cordes. Erforderlich dafür ist eine Fernwärmeübergabestation, die deutlich weniger Platz einnimmt als eine Gastherme.

„Die Kosten liegen bei rund 4. 000 bis 5. 000 Euro. Von den Investitionen erhält – nach heutigem Stand – der Anschlussnehmer einen Zuschuss von 35 Prozent“, weiß Cordes. Eine Unterbrechung der Wärmelieferung braucht nicht befürchtet zu werden, denn während regelmäßig durchzuführender Wartungsarbeiten kommt der 25 Kubikmeter große Speicher zum Einsatz, der in absehbarer Zeit sogar um 300 Kubikmeter erweitert werden soll. Bei einem längeren Systemausfall wäre theoretisch auch ein Betrieb der Anlage über eine Erdgasversorgung möglich.

Die Steuerung der Anlage kann, wie hier von Herbert Cordes, über das Handy kontrolliert werden.
Die Steuerung der Anlage kann, wie hier von Herbert Cordes, über das Handy kontrolliert werden. © Holsten-Körner

Für die Energieerzeugung arbeiten in der großzügigen Halle zwei Blockheizkraftwerke. „Bei der derzeitigen Ausspeisung von rund zwei Millionen Kilowattstunden stehen noch 1,6 Millionen Kilowattstunden zur Verfügung“, rechnet Herbert Cordes die freie Kapazität vor. Um die Vollversorgung zu garantieren, hat die Bioenergie Clüversborstel reichlich Geld in die Hand genommen. So summieren sich die Investitionen inzwischen auf über zwei Millionen Euro.

Gerne würde die Bioenergie auch den mit der Anlage produzierten Strom, der bei Biogas als Primärenergie – die Wärme ist nur ein Nebenprodukt – anfällt, in Clüversborstel verkaufen und nicht nur ins Netz einspeisen. „Eine Insellösung mit einem eigenen Stromnetz ist jedoch sehr anspruchsvoll“, bedauert Malte Mahnke. Schneller realisieren lässt sich sicherlich die Planung, zwei Schnell-Ladestationen für Elektrofahrzeuge in Clüversborstel zu installieren. Zielgruppe sollen dabei auch Fahrer sein, die die Autobahn nutzen und eine günstige Möglichkeit zum Laden suchen.

Auch öffentliche Gebäude werden beheizt

Das für den Betrieb der Anlage in Clüversborstel notwendige Biogas wird von der Biogasanlage der Agrar Energie Sottrum geliefert, die im Jahr 2007 von Herbert Cordes und Klaus Wurthmann gegründet wurde. Schon ein Jahr nach Inbetriebnahme der Anlage wurde in Sottrum ein Teilstück der Wärmeleitung erstellt, sodass die ersten Haushalte von der bei der Stromproduktion entstehenden Abwärme profitieren konnten. Im Jahr 2009 wurden die „Schule an der Wieste“ und einige Privathaushalte an das Wärmenetz angeschlossen, im Jahr darauf folgte das Freibad.

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Obwohl inzwischen noch weitere Haushalte, Betriebe und auch das Rathaus Wärme über das Netz beziehen, ist die Kapazitätsgrenze der Biogasanlage noch lange nicht erreicht. „In Sottrum werden vier Millionen Kilowattstunden ausgespeist, es stehen aber sieben Millionen zur Verfügung“, zeigt Cordes das Potenzial. Besonders wichtig ist ihm, dass auch bei der Agrar Energie Sottrum die Geschäftsanteile in der Region geblieben sind, denn diese liegen jetzt in den Händen von Lennart Cordes, Holger Wurthmann, Christian Böhling und der Maschinenring Verwaltungs-GmbH.

Übrigens: Auch wenn bei einem Wärmenetz mit einer Lebensdauer von „nur“ 40 Jahren kalkuliert wird, versprechen die Gesellschafter schon heute: „Der Betrieb wird auf jeden Fall weitergehen, denn wir wollen selbst ja auch keinen kalten Hintern bekommen“, sagt Malte Mahnke schmunzelnd.

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