Mithilfe von Drohnen

Bevor das Mähwerk kommt: Ehrenamtliche retten Rehkitze vor dem Tod

Vor dem Mähwerk gerettet: Ein Rehkitz im hohen Gras.

Seit einigen Wochen ist das Netzwerk Kitzrettung des Sottrumer Hegerings aktiv. Das Ziel: Rehkitze vor dem Tod durch Landmaschinen retten. Auch unsere Autorin Bettina Diercks hat sich den Ehrenamtlichen angeschlossen und eine Reihe außergewöhnlicher Erfahrungen gemacht.

Sottrum – Von Bettina Diercks. Einzig das Herzklopfen, das ich in meiner rechten Hand fühle, verrät die Aufregung. Vielleicht auch Angst. Was genau es wohl ist, wird sich vermutlich niemals herausfinden lassen. Ein Kilogramm Lebendgewicht mit großen, schwarzen Augen, versehen mit langen Wimpern, starrt mich an: ein Kitz, wenige Tage alt, auf dem Weg in die Sicherheit. Gefunden mit einer Wärmebildkamera.

Gefühlt war es im Mai noch niemals so eisig. Zumindest, was den Trip über die Wiese bei um die null Grad angeht. „Welche Ricke hat da Lust zu setzen?“, denkt der eine oder andere Freiwillige des „Kitzrettungsteams“ vom Hegering Sottrum. „Einige“, denke ich und weiß aus Erfahrung: Um den 20. April herum geht es in der Regel los mit dem Rehnachwuchs. Warme Perioden scheinen zwar von den Ricken bevorzugt werden, aber vermutlich lässt sich ein Kitz nur bedingt im Mutterleib zurückhalten.

Autorin Bettina Diercks bei der Kitzrettung.

Nicht nur die kleinen Rehe sind früh dran: Der erste Schnitt von Ackergras, Grünland und -roggen beginnt in diesem Jahr mehr als rechtzeitig. Geschuldet ist das dem warmen April – und dem noch herrschenden Grundfuttermangel in der Landwirtschaft aufgrund der Trockenheit im vergangenen Jahr.

Die Füße sind in den paar Minuten zwischen Aussteigen, wasserdichter Kleidung anziehen, Funkgerät schnappen und mit Wäschekorb bewaffnet aufs hohe Gras zusteuern eiskalt. Trotz der wärmsten Socken im Kleiderschrank. Der Mai ist ungewohnt kalt, um nicht zu sagen: äußerst frostig! 

Je kälter die Umgebung, desto höher die Trefferquote

Für die Drohne, die mit einer Wärmebildkamera ausgestattet und auf Mission „Kitzsuche“ unterwegs ist, ideale Voraussetzungen. Je kälter die Umgebung, desto höher die Trefferquote. Denn der beschränkende Faktor bei dieser Technik: Um diese Jahreszeit erwärmt die aufgehende Sonne so schnell Sand und Pflanzen, dass die Temperatur des Kitzes sich nicht mehr von der Umgebung unterscheidet. Mal muss die Mannschaft um 8 Uhr mit dem Abfliegen aufhören, wenn es gut läuft, erst um 9.15 Uhr, bei bedecktem Wetter geht es meist noch länger.

Missionen werden am Computer geplant

Durch das hohe Gras oder den Grünroggen zu gehen, ist äußerst anstrengend, hat aber seinen ganz eigenen Reiz. Vor allem bieten sich zahllose Fotomotive, als die Sonne kitschig rot aufgeht und sie die Eiskristalle glitzern lässt. Ein wenig erinnert der tägliche Ausflug in der Morgenkühle und dem feuchten Gras an Vater Kneipp. Gut tut die Aktion so oder so, ob „nur“ Spaziergang oder lebendige „Fundstücke“.

Die Missionen werden einen Tag vorher am Computer geplant. Die Landwirte müssen daher rechtzeitig die Koordinaten ihrer Flächen mitteilen. Per Micro-SD erhält der Copter Kenntnis von seinem Job. Er fliegt autonom, die Piloten greifen nur ein, wenn das Wärmebild eine Veränderung anzeigt oder spezielle Bereiche beflogen werden müssen. Der Pilot behält Flugobjekt und Bildschirm im Wechsel im Auge, mindestens ein Co-Pilot einen zusätzlichen Monitor, auf dem das Gleiche zu sehen ist, wie auf der Steuerung.

Die Freiwilligen, die sich ins hohe Gras begeben, sind mit Funkgeräten ausgestattet. Aufmerksam werden sie allerdings schon auf einen eventuellen Fund, wenn die Drohne an einer Stelle stoppt und in den Sinkflug geht. Immer wieder ein spannender Moment.

Die Drohne mit Wärmebildkamera hilft beim Finden von Rehkitzen. Hier erhält sie Landehilfe. Fotos: Diercks

Und dann: „Kitzfund bestätigt“, kommt es über das Funkgerät. Ich klemme mir einen Wäschekorb unter den Arm und bahne mir durch das hohe Gras einen Weg zum Kollegen. Das Haupt ins Gras gedrückt, liegt mit großen schwarzen Augen – und vermutlich Herzklopfen – ein kleines Bündel Reh vor uns. 

Handschuhe sind Pflicht

Schnell, aber nicht hektisch, wird Gras in der Umgebung abgerupft. Handschuhe sind außerdem Pflicht! Die Hände voller Grün schiebe ich unter das Kitz und versuche, alle seine Läufe (Beine) zu erwischen, damit ich es gut halten kann und es halbwegs bequem liegt, auf dem Weg in sein vorübergehendes Versteck. Am Rande der Wiese bietet eine Baumgruppe eine gute Möglichkeit, das Kitz weich zu betten und mit dem Wäschekorb zu bedecken. Mit Heringen befestigt und Gras verkleidet, befindet sich das Jungtier in Sicherheit vor Mähwerk und Feinden.

Alle Helfer stimmt der Fund fröhlich und motiviert zur weiteren Suche. Derweil rückt der Fahrer mit den Mähwerken an. Drei sind es an diesem Fahrzeug, deshalb wird dieser Einsatz „Schmetterling“ genannt. Dann die Enttäuschung: Er beginnt nicht wie abgemacht und empfohlen in der Mitte des Schlages. Ernüchterung bei den beiden Helfern, die am Rande stehen. „Steter Tropfen höhlt den Stein“, seufze ich. Aufklärung tut nach wie vor Not, was das Mähen beim ersten Schnitt angeht. Die Sonne steigt höher, das Team bricht seine Arbeit für heute ab: Boden und Umgebung werden zu warm, um weiterhin mit der Wärmebildkamera zu fliegen.

Stimmung ist herrlich und die Aufgabe wundervoll

Am nächsten Morgen geht der fast volle Mond rot unter, als ich mich auf den Weg zum nächsten Einsatz mache. Schlafmangel sei Dank bin ich voller Energie – merkwürdige Symbiose. Mal wieder ist es kalt. Doch daran verschwende ich schon keinen Gedanken mehr. Die Stimmung ist einfach zu herrlich und die Aufgabe ist wundervoll. Der Landwirt hatte auf einer Fläche nahe seines Stalles immer viel Rehwild stehen sehen und war jetzt in Sorge. Tatsächlich wird das Rettungsteam fündig: Zwei noch sehr kleine Kitze wissen gar nicht, was geschieht, so zügig gehen Abdecken und Verkleiden der Körbe von der Hand. Dieses mal dürfen sie an Ort und Stelle sitzen bleiben, der Landwirt mäht drum herum.

Kitzrettung ist Teamarbeit. Mehrere Engagierte behalten die Monitore im Blick.

Kaum wechseln wir zum nächsten Schlag, findet sich die erste Ricke an ihrem versteckten Kitz ein. Ein Moment wird mir weh ums Herz. Ein weiteres sehr junges Kitz, das ein Helfer beim Durchgehen findet, kann ich auf eine Nachbarfläche umquartieren, ohne den Korb zu benutzen.

Erneut wird es zu warm, der Einsatz wird beendet. Zwei der Helfer und ein Jäger aus dem Ort suchen eine weitere „Hotspot“-Fläche zu Fuß ab. Ich bespreche in der Zwischenzeit mit den Betrieben, wann sie mit der Mahd durch sein wollen. Für mich sind die Tage mit Kitzfund zum Ganztagsjob geworden. Als ich nachmittags in der Feldmark herumlungere und auf das Ende der Mahd warte, sehe ich von Weitem, wie die Ricke das von uns zuletzt gefundene Kitz abholt. So zart, so staksig, mir wird weich in den Knien. Was für ein Bild! Das ist der Moment, wo mir das Herz aufgeht!

Ohne Funkgerät und gute Einsatzplanung läuft nichts.

Nachdem die anderen beiden Kitze ebenfalls befreit sind, genieße ich meinen Feierabend und schaue über die Fläche, telefoniere mit dem Betriebshelfer, der den Wender fährt und sehe auf einmal eine Bewegung, wo das eine Kitz in circa 120 Meter Entfernung saß: Es verlässt selbstständig sein Versteck. Vermutlich ist es der Hunger. Keine Sekunde später unternimmt eine Rabenkrähe ihren Anflug auf das Kitz. Ich lasse alles fallen und denke: „Nein, das jetzt nicht!“ 

Alle Mühe und Entbehrungen haben sich gelohnt

Kitz vor dem Mähwerk gerettet und dann von einer Rabenkrähe angehackt! Ich sprinte los. Im selben Moment nähert sich rasant eine Staubwolke über den gegenüberliegenden Maisacker: Die Ricke! Sie hatte ebenfalls den fliegenden Feind eräugt! Und, dann stockt mir der Atem. Dieses Bild des Wiederfindens und der Mutterliebe treibt mir schier die Tränen in die Augen: Vor Freude! Alle Mühe und Entbehrungen haben sich gelohnt!

Lesen Sie auch: Im Sommer steigt die Gefahr von Wildunfällen im Straßenverkehr. Autofahrer sollen auf Landstraßen besonders auf plötzlichen Wildwechsel achten.

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