INTERVIEW Bestatter Ralf Müller hat sich an Corona weitgehend gewöhnt

„Begrenzung setzt unter Druck“

Ralf Müller ist Bestatter in Sottrum.
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Ralf Müller ist Bestatter in Sottrum.

Sottrum – Ein bisschen scheinen die Bestatter bei den Corona-Verordnungen immer vergessen worden zu sein. Ralf Müller vom gleichnamigen Bestattungsinstitut in Sottrum und seine Kollegen jedenfalls standen mit Beginn der Pandemie hierzulande im März vor großen Herausforderungen, von denen er damals auch in der Kreiszeitung berichtet hatte. Noch einmal nachgefragt, sind die größten Sorgenfalten mittlerweile verschwunden. Und auch seine Kunden haben sich mittlerweile weitestgehend mit dem Ausnahmezustand arrangiert, wie er im Interview zu berichten weiß.

Herr Müller, Sie waren zu Beginn der Pandemie sehr besorgt über Ihre eigene Gesundheit. Sie wussten damals nie, ob ein Verstorbener nicht vielleicht Covid-19 hatte oder nicht. Sind Sie mittlerweile beruhigt?

Mittlerweile wissen die Ärzte besser darüber Bescheid, ob eine Infektion vorliegt und sie vermerken es in den Todesbescheinigungen. Daher ist die Besorgnis geringer geworden, da allgemein mehr über das Virus bekannt ist. Sicherlich gibt es immer noch den Faktor unbekannt. Gewisser Eigenschutz muss immer noch eingehalten werden. In der Regel decken wir bei den Verstorbenen auch Mund und Nase ab, falls noch mal ein Atemzug kommt.

Restluft, die bei der Versorgung aus dem Körper gedrückt wird…

Beim Bewegen, Waschen und Ankleiden kann das immer mal vorkommen. Grundsätzlich haben wir aber nicht mehr so viel Angst wie zu Beginn der Pandemie.

Nun gibt es in der Region auch kaum Todesfälle.

Wir hatten ziemlich zu Anfang einen an oder mit Covid-19 Verstorbenen hier im Landkreis, den haben wir tatsächlich auch versorgt. Damals wusste tatsächlich noch keiner, wie man wo was machen kann. Seitens des Gesundheitsamtes gab es Auskünfte, beim Krankenhaus, wo er gestorben war, gab es andere Ansichten. Meine Mitarbeiter und ich haben uns unterhalten, wie wir das machen wollen. Wir haben es dann mit einem hohen Sicherheitsstandard gelöst, weil wir halt nicht wussten, wie es richtig zu machen ist.

Dürfen Familien noch offen Abschied nehmen?

Da unterscheiden sich auch die Experten-Meinungen. Im Normalfall darf man es den engsten Angehörigen ermöglichen, sich zu verabschieden, wenn sie den Abstand einhalten. Sie dürfen also nicht an den Verstorbenen herangehen und ihn auch nicht anfassen.

Wir wissen jetzt mehr über das Virus, aber trotzdem ist die Dunkelziffer bei den Infizierten nach wie vor sehr hoch. Sie haben es vorhin schon kurz angerissen, wie schützen Sie sich und Ihre Mitarbeiter?

Da gibt es Maßnahmen wie Schutzbrille, -maske und -kittel. Die benutzt man in konkreten Fällen und je nach Risiko nur einmal und vernichtet sie hinterher. Wenn die Verstorbenen im Heim oder im Krankenhaus sind, ist das Risiko aktuell gering. Daher sind unsere normalen Schutzvorkehrungen eigentlich ausreichend, wobei wir uns jetzt häufiger und intensiver desinfizieren, auch die Verstorbenen werden entsprechend mit Desinfektionsmitteln behandelt.

Sie haben im März befürchtet, dass es für Bestatter einen Versorgungsengpass mit Schutzausrüstung gibt. Bestatter gelten in Niedersachsen auch immer noch nicht als systemrelevant.

Wir hatten Glück. Weil wir im Landkreis Rotenburg vergleichsweise wenig mit Covid-19 zu tun hatten, sind wir damals gut mit unseren Vorräten über die Zeit gekommen. Nun sind die Bestände überall wieder aufgefüllt. Wir als Bestatter werden aber immer noch nicht bevorzugt beliefert und bekommen nur das, was auf dem freien Markt vorhanden ist.

Haben Sie sich Vorräte angelegt?

Nicht bewusst, indem ich große Mengen bestellt hätte. Ich habe bei meinen Lieferanten immer mal ein bisschen bestellt, weil die Lieferzeiten bis zu einem Vierteljahr dauern sollten. Ich habe dann an verschiedenen Stellen lieber kleinere Mengen bestellt. Die sind mittlerweile alle eingetroffen, sodass ich im Moment ganz gut ausgestattet bin.

Wie drückt ein Bestatter in Corona-Zeiten Empathie aus?

Wir versuchen, das genau so zu machen wie vorher. Wir sind hier auf dem Dorf. Früher hat man auch mal die Angehörigen umarmt, wenn man sich kennt. Das ist jetzt nicht möglich. Wir versuchen aber, trotzdem die Angehörigen genau so auf das Anstehende vorzubereiten. Wir sind weiter für die Familien da. Im Moment sogar noch mehr, weil durch die ganzen Regeln auch mehr Fragen kommen. Es wird emotional aber schwieriger, weil von anderer Seite die Kontakte nicht mehr da sind.

Im Sinne der begrenzten Personenzahlen bei Beerdigungen? Wie läuft das da ab?

Genau, wir dürfen an der Grabstelle auf dem Friedhof bis zu 50 Personen haben. Trauerfeiern dürfen mittlerweile zwar wieder in den Kapellen abgehalten werden, aber da sind die Mindestabstände einzuhalten. Die Haushalte dürfen zusammensitzen, die Angehörigen sowieso. Wir lassen uns vorab von den Familien jetzt immer – das hört sich jetzt zwar doof an – eine Teilnehmerliste mit geladenen Gästen geben, wo die Angehörigen schon die personenbezogenen Daten vorher eintragen. Das hat zwei Vorteile: Es muss sich niemand mehr vor Ort eintragen, und wir können durch Platzzuweisungen in den Kapellen mehr Leute hineinlassen, anstatt die Stühle einfach 1,5 Meter auseinander zu stellen.

Wie gehen die Hinterbliebenen mit der Situation damit um? Ist es eine zusätzliche Belastung?

Das ist ganz unterschiedlich. Es ist ja so, dass die Angehörigen die Gäste zu den Trauerfeiern eh einladen. Die Adressen haben sie also schon, von daher ist es keine zusätzliche Belastung. Es ist natürlich ungewohnt, weil die Leute es nicht kennen. Aber beim Friseur oder im Restaurant müssen sie es auch machen. Wir ziehen diese Datenerfassung – sofern gewünscht – nur vor.

Gibt es mittlerweile ein Art Normalzustand?

Was ist schon ein Normalzustand bei einer Beerdigung? Was die Leute immens unter Druck setzt, ist diese Personenzahl von 50. Wen darf ich einladen und wen muss ich weglassen? Als es noch zehn bis 20 Personen waren, hat man einfach nur die Familie genommen. Aber ansonsten wägen die Angehörigen jetzt ab. Was ist mit den Nachbarn? Mit den Vereinen? Mit Freunden?

Wie gehen die Nicht-Eingeladenen damit um?

Mittlerweile ist es in Deutschland so, dass die Akzeptanz der Corona-Regeln ein bisschen am Schwimmen ist. Viele, leider auch viele Ältere, sehen das Ganze als übertrieben, da haben wir auch hin und wieder auf Beerdigungen Diskussionen, warum zum Beispiel jemand nicht neben seiner Nachbarin sitzen darf. Andererseits sagen mittlerweile viele, dass sie halt ein paar Tage nach der Beerdigung ans Grab gehen, wenn sie nicht eingeladen wurden. Außenstehende akzeptieren das schon. Dass nicht aus jedem Haushalt einer kommen kann, ist mittlerweile angekommen.  mro

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