Kreisarchäologen legen in Hellwege drei Brunnen frei

Landwirt hätte gerne vorher über Ausgrabungen Bescheid gewusst

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Im Vorfeld von Bauvorhaben muss die Kreisarchäologie Rotenburg gefährdete historische Vorkommen dokumentieren.

Hellwege - Von Bettina Diercks. Hübsch sehen sie aus, die dunklen Schattierungen im hellen Sand. Wo jeder Hobbygärtner sich vermutlich erfreuen und dann das Stück Land einfach umgraben würde, wird jeder Archäologe erstmal aufmerksam. Die grauen bis hin zu fast schwarzen Schichten können Hinweise auf eine historische Stätte geben.

So war es vor Kurzem in Hellwege der Fall: Der Bauantrag eines Landwirts war gestellt und genehmigt, Idee und Finanzierung standen, die Termine mit den Baufirmen waren eingestielt. Doch dann war auf einmal Schluss, weil der Landkreis vorgab, dass erst noch Archäologen die Fläche prüfen sollten. Denn bekannt war, dass die Altertumsforscher vor Jahren schon in unmittelbarer Nachbarschaft und auch etwa 200 Meter von dort fündig geworden waren.

Geborgen wurden mehrere, sogenannte Scheibenfibeln (Gewandspange), Münzen und ein Beschlag. Laut den Nachrichten des Marschenrats zur Förderung der Forschung im Küstengebiet der Nordsee heißt es 2012 außerdem zu den Grabungen in Hellwege: „Ein Bruchstück einer Münze stammt von einem Goslarer Pfennig. Der Denar aus Silber nach Goslarer Typus wurde unter Egbert II. (1068 bis 1090) gefertigt. Weiterhin konnte ein silberner Brakteat aus dem Areal geborgen werden [...]. Die Fibeln datieren vorwiegend in das 10./11. Jahrhundert. Von besonderer Bedeutung ist ein Pferdegeschirranhänger der ein nach links blickendes Fabelwesen zeigt.“ Das feuervergoldete Fundstück wurde von den Archäologen in das 12. Jahrhundert datiert. „Es verweist zusammen mit den Münzen und Fibeln auf den Standort eines hochmittelalterlichen Herrenhofs, der möglicherweise im Zusammenhang mit einem benachbarten Ringwall zu deuten ist“, heißt es in dem Bericht weiter.

Besiedlung in Hellwege wohl ab 9600 v. Chr.

Kreisarchäologe Dr. Stefan Hesse über das Alter von Hellwege: „Funde belegen eine erste Nutzung der Gegend durch Jäger und Sammler in der mittleren Steinzeit (9600 bis 3600 v. Chr.).“ Aktivitäten von Bauern lassen sich laut Forschung schon in der Jungsteinzeit (3600 bis 1700 v. Chr.) festmachen. Sie ackerten und rackerten auch in der Eisen- (700 bis 400 v. Chr.) und Bronzezeit (1700 bis 700 v. Chr.) in der Hellweger Gemarkung.

Archäologen vermuten, dass es zwischendurch eine Besiedlungslücke gab, da menschliches Tun erst wieder im 1./2. und ab dem 8. Jahrhundert nach Christus nachzuweisen sind.

Im Zuge von Sandbau legten die Altertumsforscher in Hellwege ein kleines Dorf der Eisenzeit frei. Sie stellten außerdem fest, dass südlich des heutigen Ortes vom 8. bis 13. Jahrhundert ein Dorf stand.

Dieses Mal waren es lediglich drei Brunnen, die „nur“ noch als dunkle Sandfragmente zu finden waren sowie etwas Holzkohle. Datiert wurden die Funde laut Hesse auf das 8./9. bis 13. Jahrhundert. Auf die Frage, ob es nicht wehtut, wenn die sandigen Entdeckungen abgegraben werden, antwortet Hesse: „Man gewöhnt sich dran.“

Wie auch immer: Für einige Bauherren kommt eine archäologische „Kampagne“ überraschend, für andere weniger, weil sie um historische Belastungen ihrer Grundstücke wissen. Und dennoch passiert es immer wieder, dass es ungeplant zum Baustopp kommt, der vor allem finanzielle und zeitliche Folgen hat.

Ausgrabungskosten bezahlen die Bauherren

Wunsch eines betroffenen Bauherren: Dass der Landkreis rechtzeitig, möglichst schon bei einer Bauvoranfrage darauf hinweist, dass ein Anruf bei der Archäologie des jeweiligen Landkreises sinnvoll ist. Das könne vor Überraschungen schützen. Genauso wie der Hinweis, dass der Bauherr als „Verursacher“ die Kosten zu tragen hat. „Spätestens doch aber beim Bauantrag“, sagt der Landwirt, der aufgrund der neuen Düngeverordnung einen zusätzlichen Güllebehälter baut. Eine Gesetzesänderung in 2011 sorgt dafür, dass die Bauherren die Kosten für die archäologischen Grabungen tragen müssen. 15 Prozent der Gesamtinvestition sieht der Gesetzgeber als „zumutbare Mitfinanzierung“, lässt Hesse wissen. „On top“ können diese unvorhergesehenen Kosten für einen landwirtschaftlichen Betrieb zu einer eigenen finanziellen Hausnummer werden.

„Wer möchte, kann schon vor dem Bauantrag die Archäologie einbinden“, sagt der Kreisarchäologe in Rotenburg. „Wir haben einen relativ guten Überblick archäologischer Fundstellen im Kreis.“ Gut 10.000 beziffert der Wissenschaftler. „Wir haben Nachrichten seit über 100 Jahren darüber, wo was gefunden wurde.“ Topografische Karten der Archäologen lassen einen wahrscheinlichen Fund oder eine historische Lage benennen. So umfassend Ortskenntnisse auch seien und von Opa überliefert wurden, nur darauf solle man sich nicht verlassen, empfiehlt Hesse. „Ich bin ja für maximale archäologische Arbeiten und nicht für maximale Forderungen gegen die Landwirte. Wir sind Dienstleister und wollen gucken, wie wir die Kuh vom Eis bekommen. Uns Archäologen wird immer unterstellt, dass wir nur graben wollen. Wir graben aber immer nur das aus, was wir graben müssen.“

Nur wenige fähige Grabungsfirmen

Weitere Schwierigkeit, die einen Baustopp noch verlängern kann: Nur fünf Unternehmen sind in Niedersachsen ansässig, die diese Grabungen vornehmen dürfen und können, entsprechend eingespannt sind diese Firmen. Je nach Größe des Bauprojektes versuchen die Archäologen allerdings nicht nur möglichst zügig zu arbeiten, sondern auch so, dass eventuell schon mit einem Bauabschnitt begonnen werden kann.

Am Beispiel wiederholter Grabungen an der Verdener Straße in Hellwege sagt Stefan Hesse: „Wir stehen hier auf dem alten Standort des Dorfes, dass sich Ende des zwölften, Anfang des 13. Jahrhunderts verlagert hat.“ Bei solchen schon länger erworbenen Kenntnissen sei es immer ratsam, vor Bauvoranfrage und vor allem Bauantrag bei den Archäologen anzuklopfen. „Für Ahausen, am Alten Dorf, gilt zum Beispiel dasselbe. Das sind zwei Ortschaften mit besonderen Situationen. Da ist es immer wahrscheinlich, etwas zu finden.“

Mehr zu der Historie von Hellwege können Interessierte im Geschichtspavillon des Mühlenhofes in unmittelbarer Nachbarschaft zum Heimat- und Kulturhaus jederzeit in Erfahrung bringen.

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