Autorin Bettina Diercks versucht sich als Erntehelfer auf Schlohs Spargelhof in Hellwege

Mehr Spitzen als Stangen

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So schnell wie ihre polnischen Kollegen ist Bettina Diercks bei ihrem Selbstversuch noch nicht.

Hellwege - Von Bettina Diercks. Früh aufstehen ist kein Problem. Weder für meine polnischen Kollegen noch für mich. Einen Tag lang gilt es, bei der Spargelernte auf dem Hof von Familie Schloh in Hellwege mitzuhelfen. Die Tour zum Feld mit Fahrrad, Anhänger und Warnweste ist erfrischend. Der Mai ist noch so kalt, dass morgens Handschuhe angesagt sind – auf dem Feld dann sowieso. Allerdings eher, um abends die Hände wieder sauber zu bekommen.

Zügig entkleiden die Erntehelfer die Spargeldämme. Aufgrund der anhaltenden Kühle liegen sie noch unter Folientunneln. Die „Spinne“ wird nur eingesetzt, wenn das Wachstum gut ist. Die Maschine hebt die Folien an, und die Helfer können schneller ernten. Heute jedoch heißt es auf den 30 Hektar den ganzen Tag: Laufen, Folie hochnehmen, bücken, stechen, Spargel einsammeln, Folie wieder auflegen. Und das zehn Stunden lang. Je mehr die Helfer stechen, desto mehr verdienen sie.

„Hochmotiviert, leistungsfähig, zuverlässig“, beschreibt Thorsten Schloh seine Mitarbeiter. „Viele verdienen in den zehn Wochen so viel wie in der Heimat im ganzen Jahr“, erzählt er.

Während meine Kollegen schon anfangen zu stechen, taste ich mich an meinen ersten Erfolg heran. Im sandigen Boden soll es einfach sein. Der Boden fühlt sich aber eher fest an. Erstmal das „weiße Gold“ ein wenig frei buddeln. Dann das Messer durch den Boden schieben, den Winkel erweitern und zustechen. Stange getroffen oder nicht? Der einen oder anderen breche ich die Spitze ab, weil das Gefühl fehlt. Über jeden Volltreffer freue ich mich wie ein kleines Kind. Der Blick zu meinen Nachbarn ist allerdings ernüchternd: Er zeigt, dass ich nach wenigen Minuten schon gefühlte 100 Meter hinterherhinke. Bislang habe ich weder optimale Körperposition noch Handhabung heraus und bearbeite meinen Damm im Schneckentempo.

Schlohs sind froh, dass sie über eine treue Stammmannschaft aus Polen verfügen. „Der Betrieb muss in der dreimonatigen Erntesaison nach drei Tagen laufen“, sagt Thorsten Schloh. Unwägbarkeiten wie Maschinenausfälle sind an der Tagesordnung. Und auch, dass mal ein Helfer früher abreist, wenn es die familiäre Situation erfordert.

Selbst nach drei Tagen Einarbeitung würde ich nicht meinen Mann am Damm stehen, dessen bin ich schon nach einer Stunde sicher – mit mehr Spargelspitzen als -stangen im Korb. Sobald ein Korb voll ist, kommt er auf den Anhänger. Ist dieser komplett beladen, werden die Kisten am Rand mit dem Strichcode des jeweiligen Erntehelfers gestapelt und auf einen Transporter verladen.

Zurück auf dem Hof heißt es, Kisten wuppen. Auch das ist – mit Blick auf eine Fuhre – kein Problem. Nachdem die Ernte erfasst ist, kommen die Kisten in das Wasserbad. Dadurch wird der Spargel vorgekühlt und verliert den ersten Sand. Schürze und Gummihandschuhe an und ran an die Sortiermaschine. Noch ist mir nicht klar, weshalb mich alle anlächeln. Die Maschine ruckelt los, ich stehe am Förderband und muss unbrauchbare Ware aussortieren. Ich gerate schnell ins Schwitzen. Gegen die weiße Stangenflut ist kaum anzukommen. Alle amüsieren sich, als der Chef auf Vollgas schaltet – dem regulären Arbeitstempo. Mit weit aufgerissenen Augen versuche ich, der Lage Herr zu werden. Voller Bewunderung registriere ich die Leichtigkeit meines Nachbarn. Damit der Betrieb nicht ins Stocken gerät, werde ich zu den sortierenden Damen entlassen. Immerhin schaffe ich es dort in die Königsklasse: Mir obliegt die Premiumsortierung. Doch auch dabei muss meine Nachbarin helfend eingreifen, damit ich die Becher schnell genug in die Kästen sortiert bekomme. „Passt schon“, ermutigendes Schulterklopfen des Chefs.

In der Schälabteilung streike ich. Dort rasen die weißen Stangen zwar nahezu perfekt geschält durch den Automaten, doch fleißige Hände übernehmen die Kontrolle und schälen nach, bevor es ans Verpacken geht. Da ich privat selten unfallfrei eine Spargelstange geschält bekomme, verzichte ich zugunsten von Qualität und Effektivität.

Nach dem morgendlichen Stress geht es mit dem Chef aufs Feld zum Spargel pflanzen. Die Pflänzchen, etwa acht Wochen alt, sind ein Blickfang in ihren Transportboxen. 130000 müssen diese Tage in den Boden. Zwei Leute sitzen hinter einem Trecker auf einem Gerät, das dem vom Rübenpflanzen früher ähnlich ist. Zwei Leute laufen hinterher und pflanzen nach, wenn eine Lücke entsteht. Der Trecker ruckelt los, und im Akkord gilt es, die kleinen Wurzelballen zu stecken. Und, siehe da: Ich habe meine Bestimmung im Bereich Spargelanbau gefunden.

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