„Wildes Blech“ muss lang vorbereiteten Studiobesuch verschieben

Auf der Zielgeraden ausgebremst

Die drei Musiker Bjarne Jacobsen (v.l.), Carsten Neubauer und Tom Seydel posen für das Video zum gerade eingespielten Song.
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Die drei Musiker Bjarne Jacobsen (v.l.), Carsten Neubauer und Tom Seydel posen für das Video zum gerade eingespielten Song.

Ottersberg – Sonntagnachmittag in einem Studio im Herzen von Ottersberg. Aus der offenen Tür klingen Gitarrenriffs. Der geneigte Zuhörer erkennt eine rockige Version des Hits „Africa“. In dem kleinen Raum voller Regler, Knöpfe und Monitore, auf denen bunte Balken im Takt der Musik flackern, sitzen Dirigent Ben Faber und Studio-Inhaber Christian Mayntz. Letzterer dreht an Knöpfen des Mischpults; der Gründer von „Wildes Blech“ wippt mit Blick auf die Notenblätter vor sich im Takt und summt unter seiner Maske leise die Melodie zu den Gitarren-Fragmenten. Hinter dem Glasfenster stehen Bjarne Jacobsen, Tom Seydel und Carsten Neubauer etwas verloren in dem großen Saal zwischen roten Trennwänden. Hochkonzentriert horchen sie auf die über Kopfhörer eingespielten Bässe und Drums. „Habt ihr alle ein Leadsheet mit den Akkorden?“ fragt Faber. Alle drei nicken. „Dann nochmal ab Es-Dur“, so die Anweisung. „Welcher Takt ist das?“, fragt Mayntz, um an die richtige Stelle zu spulen. Das Arrangement stammt von Faber. Das nächste Stück kann Mayntz gar nicht kennen – eine Eigenkomposition Fabers.

Nach dem ersten Durchgang nicken die beiden Männer hinter der Glasscheibe zufrieden: „Herrlich“, meint Mayntz, „nur die letzten acht Takte nochmal.“ Nach einigen weiteren Durchläufen, oder „Takes“, wie es im Fachjargon heißt, ist ihre Stimme eingespielt. Nun kommt Sohn Jannick ins Spiel. Die Schnutenpullis haben Pause, die Musiker nicht: Sie müssen optisch alles geben, werden doch die Aufnahmen für das spätere Video gemacht. Jacobsen macht auf seiner silbernen Glitzergitarre große Gesten. Genau wie Mitstreiter Tom Seydel (13) ist der 19-Jährige zum ersten Mal im Studio. Aufgeregt seien sie beide am Anfang gewesen, geben sie zu: „Vor allem an den Sound unter dem Kopfhörer muss man sich erstmal gewöhnen“, meint Seydel. „Das ist wie unter einer Glocke“, und Jacobsen, der die vier Songs in den vergangenen Wochen täglich geübt hat: „Wenn man weiß, wie es läuft, ist es richtig cool!“

Eigentlich sollten sich hier an diesem Wochenende grüppchenweise die mehr als 40 Hobbymusiker der Sottrumer Formation „Wildes Blech“ die Klinke in die desinfizierte Hand geben, um insgesamt vier während der Pandemie erarbeitete Songs einzuspielen. Lange habe man auf diesen Moment hingearbeitet, erzählt Faber am Rand der Aufnahmen. Schwierig sei das gewesen unter Corona-Bedingungen, lebt die Musik doch vom Miteinander, davon, aufeinander zu hören. Andererseits waren die Aufnahmen, für die sogar eine Förderung durch die Sparkassenstiftung avisiert worden war, eine Art Rettungsanker, für die Musiker ebenso wie für den Dirigenten. „Wenn du kein Ziel hast, auf das du hinarbeiten kannst, hast du irgendwann auch keine Lust mehr zu üben“, bringt es der 43-Jährige auf den Punkt.

Noch am Jahresanfang sah die Zukunft für das fast 50-köpfige Ensemble, in dem sich Jung und Alt, Anfänger und Profis, versammeln, rosig aus: ein prall gefüllter Auftrittskalender, darunter Kulturnächte, der Ahauser Herbst und als Höhepunkt das eigene abendfüllende Programm mit einem Profimusiker als Gast, das über die Grenzen von Ahausen hinweg in einschlägigen Kreisen längst Kultstatus erworben hat. Als klar war, dass dies alles wegfallen würde, ebenso wie die „Tutti“-Proben mit dem gesamten Ensemble, suchte Faber nach Ersatz, „auch für die Jungs vom Studio, die für ‚Rock den Georg‘ gebucht waren, aber auch für uns selbst“.

So bereitete der Sottrumer das Material, das jedes Register separat bekommt, noch sorgfältiger vor als sonst: Neben den üblichen Noten und Mp4-Dateien versorgte er die Ausnahmegruppe mit Faible für harte Klänge mit unterschiedlichen Audio-Stimmen zur optimalen Vorbereitung auf die seltenen Proben. Die in „normalen“ Zeiten mit einmal monatlich eh nicht eben üppig angesetzte Probenzeit wurde durch Corona noch weiter eingedampft. Zwei Treffen kamen zustande, allerdings nur in Kleingruppen. „Damit das funktioniert, dürfen die Musiker dann nicht noch nach Tönen suchen“, so Faber. Ein Parforceritt und einige lange Tage für den Musiklehrer und Komponisten.

Eine Woche vor dem Studiobesuch, die Musiker waren optimal vorbereitet, auch die schwierigen Passagen und Soli saßen: der zweite Lockdown. Dabei war nicht gleich klar, welche Bestimmungen für das Studio gelten würden. Um auf der sicheren Seite zu sein, („schließlich haben wir auch Jugendliche dabei und deshalb noch mal eine ganz andere Verantwortung“), fragte er beim Ministerium nach. Auf eine Antwort wartet er noch heute. Ein Anruf beim Ordnungsamt schuf Gewissheit, der Termin musste für die Bläser abgesagt werden. „Schon bitter, auf der Zielgeraden ausgebremst zu werden“, konstatiert Faber. „Vor allem, wenn man bedenkt, was alles noch erlaubt ist: Schulsport, die Fahrten in Schulbussen.“ Auch Carsten Neubauer, Profimusiker und Lehrer der Kreismusikschule, weiß um die Bedeutung von Musik gerade in Lockdown-Zeiten: „Gerade, wenn so viel anderes wegfällt, kann die Fokussierung auf das Instrument helfen – viele meiner Schüler haben gerade im letzten halben Jahr eine enorme Entwicklung gemacht.“ Auch er selbst genießt die Studioarbeit an diesem Tag: „Unter so tollen Bedingungen zeigen zu können, was man kann, das ist ein Geschenk“, so sein Lob an Mayntz. Auch der hatte Pandemie-bedingte Ausfälle, die er auf rund 30 Prozent beziffert. „Im Unterschied zu den Künstlern hat es mich also nicht so stark getroffen“, wiegelt er ab. Das dicke Ende steht für ihn jedoch noch bevor: „Weil die meisten derzeit keine Einnahmen haben, können sie sich die Studiomiete nächstes Jahr nicht leisten.“ Die Auftragsbücher für 2021 seien noch ziemlich leer.

Leer sind nach zwei Stunden intensiver Aufnahmearbeit und vier Songs auch die Köpfe. Die nächsten Musiker warten schon; einzeln werden einige Soli eingespielt, „halt alles, was geht“, so Faber. Seinen Geburtstag zu feiern, dazu wird heute keine Zeit bleiben. Einen Termin für die restlichen Aufnahmen mag er noch nicht vereinbaren: „Erstmal bis zum Ende des Monats abwarten, wie es weitergeht.“  hey

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