Junges Orchester Auenland aus Eversen plant hinter den Kulissen

Atemlos im Lockdown

Bessere Zeiten: das Junge Orchester Auenland beim Jahreskonzert 2019.
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Bessere Zeiten: das Junge Orchester Auenland beim Jahreskonzert 2019.

Eversen – Eigentlich hätte Sandra Behrens Anfang des Monats richtig rotiert, hätte letzte Anweisungen gegeben, Berge von Noten von rechts nach links auf dem Dirigentenpult gewälzt und den letzten Feinschliff in Abläufe und Stücke gebracht. Stattdessen saß die Dirigentin und Leiterin des Jungen Orchester Augenland (JOA) vor dem Bildschirm und begrüßte einen Großteil der 27 Musiker des Stammorchesters per Videochat zur virtuellen Weihnachtsfeier. Gleich zwei Konzerte waren zum zehnjährigen Bestehen des Everser Blasorchesters geplant, wie so vieles mehr.

Nach außen ist es still geworden um das JOA. Hinter den Kulissen ist man allerdings fleißig. „Seit Corona habe ich mehr bürokratische und administrative Arbeit als musikalische“, meint Behrens. Das liegt auch an der Struktur des Vereins: Trommel-Trolle, Musi-Minis, Nachwuchsorchester Next Generation oder die Marching Band Auenlandexpress. Das bedeutet: unterschiedliche Instrumente, Gruppengrößen, Altersgruppen, Musizieren drinnen oder draußen, im Sitzen, Stehen oder Gehen. Für jede einzelne Gruppe gälten momentan andere Verordnungen – nicht leicht für den Vorstand, den Überblick zu behalten.

Was also tun, um die Musiker bei der Stange zu halten? Angespornt von den Sofa-Konzerten im Internet, planten Behrens und ihre Truppe eine Einspielung von „Eye of the Tiger“, um feststellen zu müssen: „Dass, was normalerweise bei uns rüberkommt, nämlich die Atmosphäre beim gemeinsamen Spielen, würde in einem Zusammenschnitt einzelner Musiker fehlen.“ Das Projekt wurde verworfen, auch, „weil der Technikpart gegenüber dem Musizieren überhandgenommen hätte“.

Zunächst behalf man sich mit Online-Unterricht. „Da waren allerdings schon einige Ausbilder weggebrochen, da sie sich beruflich umorientieren mussten.“ Auch das Üben zuhause sei nicht in allen Familien problemlos möglich gewesen: „Wenn der Sohn Schlagzeug übt, während der Vater nebenan im Homeoffice in einer Videokonferenz sitzt, birgt das Konfliktpotenzial“, erklärt Behrens, „ich hatte Anrufe von Eltern unter Tränen, weil sie das alles nicht mehr leisten konnten.“

Ab Juni waren wieder „4 plus 1“-Registerproben erlaubt, nicht nur im Mehrzweckgebäude in Eversen, sondern auch im privaten Kreis. „Die Musiker waren heiß“, meint Behrens, „eine Bestätigung für mich, alles richtig zu machen.“ Auch der Theorieunterricht lief bei offenen Türen und Fenstern in Kleingruppen weiter. Der Vorteil des Orchesters: „Wir haben das Glück, dass bei uns viele Familien spielen, etwa Mutter und Tochter oder Pärchen, die dürfen natürlich zusammen sitzen.“

Neben zahlreichen geplanten Auftritten, etwa beim Rotenburger „Laut und Draußen“ tut es der 48-Jährigen vor allem um die geplanten Projekte leid, die vorerst auf Eis gelegt werden mussten: Das Projekt „Bunte Farben, bunte Lieder“ sollte die Hobbybläser mit jungen Sängern der Kantor-Helmke-Schule zu einem Benefizkonzert zusammen auf die Bühne bringen – eine Synergie, wie Behrens sie liebt. Die Noten waren arrangiert, doch die von Schulleiterin Catrin Cramme besuchte Probe war die letzte vor dem ersten Lockdown. Bei dem Schulmusical „Atemlos“ war eine Kooperation mit Solisten, dem Chor und der Theater-AG der neunten Klassen der Rotenburger IGS geplant, das das Thema Mobbing aufgreift.

Die ursprünglich für Bands komponierte Musik hatte sich Behrens von „Haus- und Hofarrangeur“ Christoph Koehrt sogar schon für Bläserbesetzung umschreiben lassen. Der Komponist von Schulmusicals Tobias Wenkemann, dem das Arrangement der zwölf Stücke vorgelegt wurde, sei so begeistert gewesen, dass er zur Premiere kommen wollte. Die geplante Lesung und Hördurchgang des Stücks mit dem Orchester war nach den Sommerferien angesetzt, um sich dem Thema sensibel zu nähern: „Man kann ja nicht wissen, ob nicht einer der Schüler persönlich betroffen ist“, so Behrens. Sie selbst habe mit dem Thema vor einigen Jahren Kontakt gehabt.; „Als ich die Lieder gehört habe, musste ich weinen.“ All diese Projekte, in die nicht zuletzt wegen der gekauften Notensätze einiges an Geld geflossen ist, sind laut Behrens „aufgeschoben, aber nicht aufgehoben“.

Motivieren, aber nicht überfordern, lautet die Devise der musikalischen Ausbilderin. Die Jüngsten basteln einen Schellenkranz, den sie als Bastelsatz vor die Haustür geliefert bekamen und mit dem sie „Jingle Bells“ begleiten können. Bei den Älteren sind „Lockdown-Hymnen“ entstanden, in denen die Musiker ihre Theoriekenntnisse zu den Akkorden des bekannten Pachelbel-Kanons praktisch umsetzen mussten. In der Vorweihnachtszeit übte jeder das für ihn speziell arrangierte Lieblings-Weihnachtslied in zwei Stimmen ein.

Nebenbei wird die Vorstandsarbeit neu aufgestellt. Nach Behrens‘ Wunsch soll in Zukunft jeder Musiker eine Aufgabe übernehmen. Doch damit nicht genug: Die umtriebige gelernte Industriekauffrau plant schon jetzt den nächsten Workshop, die Gründung einer Samba-Truppe und das nächste Projekt, dessen Titel wie ein Wunsch der Musiker ans Universum wirkt: „It’s Showtime!“  hey

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